„Aus dem Nichts“ schafft es auf die Oscar-Shortlist

Ein Drehbeginn wie "Aus dem Nichts": Fatih Akin (l.), Diane Kruger und Numan Acar
Ein Drehbeginn wie "Aus dem Nichts": Fatih Akin (l.), Diane Kruger und Numan Acar
Foto: © 2016 bombero int. / Warner Bros. Ent. / Foto: Boris Laewen
Regisseur Fatih Akin kann weiter auf einen Oscar hoffen. Sein NSU-Drama „Aus dem Nichts“ , mit Diane Kruger in der Hauptrolle, schaffte es in die Vorauswahl der Oscar-Akademie.

Insgesamt 92 Länder hatten sich für 2018 um den Oscar in der Sparte „nicht-englischsprachiger Film“ beworben. Neben „Aus dem Nichts“ schafften es unter anderem die Filme „The Square“ (Schweden), „A Fantastic Woman“ (Chile), „Loveless“ (Russland) und „Foxtrot“ (Israel) auf die "Oscar-Shortlist". Am 23. Januar 2018 wird die Academy of Motion Picture Arts and Sciences dann bekanntgeben, welche fünf der neun Filme in die Endrunde kommen. Der Oscar für den den besten "nicht-englischsprachigen Film" wird dann auf der Oscar-Preisverleihung am 4. März verliehen.

Im letzten Jahr schaffte es die Tragikomödie „Toni Erdmann“ von Maren Ade in die Endrunde der letzten fünf Filme. Den letzten Oscar für Deutschland holte 2007 der Stasi-Film „Das Leben der Anderen“ von Florian Henckel von Donnersmarck.

"Bei den NSU-Prozessen habe ich mich erst mal tierisch gelangweilt"

Im Interview mit GOLDENE KAMERA erklärt Fatih Akin wie „Aus dem Nichts“ entstand.

GOLDENE KAMERA: Wie haben Sie Diane Kruger kennengelernt?

FATIH AKIN: Sie hat mich 2012 auf meiner Party in Cannes angesprochen und gesagt, dass sie mit mir drehen möchte. Ich mache ja immer die besten Partys ...

Haben Sie dann nach der passenden Rolle für sie gesucht?

Nein, so läuft das leider nicht. Das habe ich mal versucht, es hat aber nicht geklappt. Erst kommt das Projekt, dann fragst du dich, wer das spielen könnte.

Auslöser für Ihren Film sind die NSU-Morde. Gab es da einen speziellen?

Hauptsächlich der Nagelbombenanschlag in der Keupstraße in Köln. Und mein Bruder kannte das Hamburger Opfer Süleyman Tas ̧köprü, die haben zusammen Fußball gespielt. Er wurde in der Schützenstraße in Altona erschossen, nicht weit von meiner Wohnung.

Regisseur Fatih Akin über "Aus dem Nichts"

Waren Sie bei den Prozessen?

Ja, zwei oder drei Tage. Ich habe mich erst mal tierisch gelangweilt. Aber die Protokolle waren inspirierend. Die Idee mit den griechischen Nazis kommt daher, im Zuschauerraum saßen deutsche Nazis mit griechischen Nazi-Enblemen.

Die Hauptfigur sollte erst ein Mann sein, oder?

Ja, aber was ich geschrieben hatte, das war langweilig! Eine Frau holt das Thema auf den Boden herunter, provoziert andere Situationen. In der Mann-Variante wäre ein klassischer Rächer daraus geworden, wie „Mad Max“ mit Mel Gibson.

Sie drehten nicht in Hamburg-Altona, sondern an der Reeperbahn. Gab es Zweifel, dass das realistisch wird?

Ja! Ich wollte erst in Wilhelmsburg drehen, da ist es sehr türkisch geprägt, aber sie hatten einen Kanal aufgerissen. Sielarbeiten, Scheiße! Mein Location-Scout sagte: „Lass uns das auf St. Pauli machen.“ Und ich mit meiner Barriere im Kopf: „Ey, Digger, da sind doch keine Türken.“ Aber ich muss mir manchmal klarmachen: Ich bin der Filmemacher, der Herr über Raum und Zeit. Mein Scout sagte: „Ich kontrolliere die Läden. Soll in die Erotik-Boutique ein Döner- Laden rein? Mache ich dir! Die Spielhalle kann eine Moschee sein. Baue ich dir.“ Das war wie in Studio Babelsberg!

Sollte der Film von der Emotionalität her bewusst nicht so intensiv sein wie etwa „Gegen die Wand“?

So einen Film macht man nicht noch pathetischer durch einen Hollywood- Soundtrack. Nimmt man die Szenen so, wie sie sind, und klatscht sie mit Musik voll, passiert aber genau das. So etwas wollte ich nicht. Wir sind Europäer. Ich halte nichts davon, den Zuschauer als Vieh zu sehen. Du musst nicht vorgeben, wie er zu fühlen hat, erst diesen, dann den nächsten Knopf drücken. Du kannst ihm Raum geben und auch Nüchternheit – und er kann sich dann etwas dazu denken oder eben nicht.

Die meiste Zeit ist ist im Film keine Musik zu hören?

Der Zuschauer ist da oft den Filmemachern voraus, er ist sehr geschult. Du musst ihm nicht vorgeben, wie er zu fühlen hat. Du kannst ihm mehr Raum geben und mehr Nüchternheit,. Er kann sich dann schon etwas dazu denken oder eben nicht. Da finde ich fairer, als ihn zuzuschrotten.

Wie sorgen Sie optisch dafür, dass es echt aussieht?

Das ist Instinktsache. Ich höre auf meine Intuition. Ich muss das selber glauben, dann, glauben es auch die Zuschauer , denke ich. Also baut mir meine Crew das solange zurecht, bis ich das glaube.

Diane Kruger über "Aus dem Nichts"

Waren Sie bei den G 20-Protesten?

Ich bin vorher raus aufs Land. Ich wusste, was passiert. Hamburg ist die Stadt der Hafenstraße, der Roten Flora. Die Stadt hat eine linksextreme Tradition. Die RAF. Man weiß was passiert - und macht es trotzdem.

Finden Sie es seltsam, wie schnell die ersten G-20-Urteile ausgesprochen wurden im Vergleich zum NSU-Prozess?

Man kann das nicht miteinander vergleichen. Zehn Morde und drei, vier Bombenanschläge. Plus Banküberfälle, plus die ganzen Unterstützer. Das NSU-Ding ist so groß und umfangreich, dass die fast selbst den Überblick verloren haben. Dann wurden Beweismittel vom Verfassungsschutz geschreddert. Und der Rest soll wohl 100 Jahr unter Verschluss bleiben. Und auf der anderen Seite: Komm, wir fahren nach Hamburg und machen Randale.

Release-Trailer zu "Aus dem Nichts" (Kinostart: 23.11.2017)

Nach großen Erfolgen mit Ihren Filmen bei Festivals in Berlin, Venedig oder Cannes ist der neue Film auf der Shortlist für den Auslands-Oscar. Am 23. Januar erfahren wir, ob er nominiert wird…

Ein Oscar wäre geil! Nicht, um damit rumzurennen. Ich höre immer Geschichten von Leuten, die wochenlang in den dicksten Autos das Ding damit rumgefahren haben. Du hast dann aber deine nächsten zehn Filme finanziell gesichert.

Gibt es schon eine Idee für einen weiteren Film mit Diane Kruger?

Wir haben was. Wir arbeiten an etwas – aber wir wollen nicht darüber reden. Es wird keine Komödie. Obwohl es auch lustig ist.

Interview: Oliver Noelle