Kino-Event der Woche: "The Killing of a Sacred Deer"

Im neuen Arthouse-Aufreger von "The Lobster"-Regisseur Yórgos Lánthimos durchleben die diesjährigen GOLDENE KAMERA-Preisträger Nicole Kidman und Colin Farrell einen Horrortrip auf den Spuren einer griechischen Tragödie.

Als sie bei der Verleihung der GOLDENEN KAMERA 2017 als "Beste Schauspieler International" ausgezeichnet wurden, stellten Nicole Kidman und Colin Farrell ihren deutschen Fans in Aussicht, dass sie 2017 nicht nur gemeinsam im Historiendrama "Die Veurteilten" zu sehen sein werden. Sie hätten zusammen auch einen provokanteren Film gedreht, der einige Leute vor den Kopf stoßen könnte.

Wenige Monate später feierte "The Killing of a Sacred Deer" seine Weltpremiere in Cannes und brachte dem griechischen Autorenfilmer Yórgos Lánthimos den Preis für das "Beste Drehbuch" ein. Dabei scheint das Horror-Drama, das am 28. Dezember in unseren Kinos startet, auf den ersten Blick eine klassische Rachegeschichte zu erzählen...

Darum geht's in "The Killing of a Sacred Deer"

Der erfolgreiche Chirurg Steven Murphy (Colin Farrell) und die bildschöne Augenärztin Anna (Nicole Kidman) führen eine Bilderbuch-Ehe mitsamt großem Haus und ihren beiden Kindern Kim (Raffey Cassidy) und Bob (Sunny Suljic). Der Ausnahmezustand beginnt, als sich Steven mit dem Teenager Martin (Barry Keoghan) anfreundet, der einen finsteren Plan verfolgt. Denn Jahre zuvor ist Martins Vater auf Stevens OP-Tisch gestorben und als plötzlich die Sprösslinge des Ärztepaares von mysteriösen Körperlähmungen heimgesucht werden, stellt Martin den Chirurgen vor eine unmögliche Entscheidung...

Trailer zu "The Killing of a Sacred Deer" (Kinostart: 28.12.2017)

Hintergrund

Das Motiv eines Vaters, der für eine Verfehlung das eigene Kind opfern soll, entstammt der griechischen Tragödie "Iphigenie in Aulis" von Euripides. Darin zieht Heerführer Agamemnon durch das Erlegen einer heiligen Hirschkuh den Zorn der Göttin Artemis auf sich, was auch den vermeintlich kryptischen Filmtitel "The Killing of a Sacred Deer" (zu deutsch: "Die Tötung eines heiligen Hirschs") erklärt.

Der griechische Regisseur Yórgos Lánthimos hat dieses archaische Auge-um-Auge-Szenario für seinen zweiten englischsprachigen Film in die gefühlskalte Scheinwelt amerikanischer Nobelvororte verlagert. Und für Colin Farrell, der mit Lánthimos 2015 bereits "The Lobster: Eine unkonventionelle Liebesgeschichte" gedreht hat, wieder einmal bewiesen, was der irische Hollywood-Star nicht müde wird zu betonen: "Yórgos ist der originellste Filmemacher, mit dem ich bislang zusammen gearbeitet habe."

GOKA-Wertung

Denn auch wenn der Regisseur bei der Entfaltung des Plots gekonnt mit den Genre-Mechanismen des Horrorfilms spielt, setzt das Gefühl der Beklemmung in "The Killing of a Sacred Deer" viel früher ein. Schon bevor der Newcomer Barry Keoghan ("Dunkirk") in ihr Filmleben tritt, verhalten sich die ebenfalls glänzend spielenden Hollywood-Größen Colin Farrell und Nicole Kidman absonderlich und laden nicht wirklich zur empathischen Identifikation ein. Die Murphys wirken vielmehr wie willenlose Figuren in einem unerbittlich eskalierenden Schicksalsspiel.

Dieses befremdliche Gefühl unterstreicht Lánthimos auch inszenatorisch, indem er seine Darsteller in den stilisierten Bildkompositionen wiederholt abseits des Zentrums positioniert. So schafft er zwischen Figuren und Publikum eine zusätzliche Distanz – und veranschaulicht, wie unheilvoll und faszinierend der Bruch mit Sehgewohnheiten sein kann.

Muss ich sehen, weil...
...sich Regisseur Yórgos Lánthimos mit diesem auf ungewöhnliche Weise fesselnden Horrordrama erneut als Meister der Atmosphäre beweist.

Für Fans von...
...Michael Hanekes "Funny Games" (1997) und Lynne Ramsays "We Need to Talk About Kevin" (2011)