Julia Roberts: "Man sollte mit gutem Beispiel vorangehen"

In der Jugendbuchverfilmung "Wunder" glänzt Julia Roberts als Mutter eines entstellten Jungen. Wir trafen die Oscar-Preisträgerin zum Gespräch über den lehrreichen Feelgood-Familienfilm und ihre private Mutterrolle.

Wenn Julia Roberts in "Wunder" (Kinostart: 25. Januar), der Adaption des gleichnamigen Kinder- und Jugendbuchs von R. J. Palacio durch Regisseur Stephen Chbosky ("Vielleicht lieber morgen") ihrem Filmsohn Jacob Tremblay ("Raum") bedingungslos zur Seite steht, stimmt die Chemie. Eine vereinnahmend sympathische Harmonie, die auch im Video-Talk mit der GOLDENEN KAMERA zu spüren ist...

Julia Roberts und Filmsohn Jacob Tremblay über "Wunder"

Darum geht's in "Wunder"

Der zehnjährige Auggie (Jacob Tremblay) ist in der Schule ein Außenseiter. Der Grund: Durch einen Gendefekt ist der Junge entstellt und wird dafür erbarmungslos gehänselt. Selbst seine liebevollen Eltern Isabel (Julia Roberts) und Nate (Owen Wilson) und vor allem seine Schwester Olivia (Izabela Vidovic) haben Schwierigkeiten, Auggie tröstend zur Seite zu stehen, denn auch sie haben bis zum Happy End mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen.

Trailer zu "Wunder" (Kinostart: 25.1.2018)

Julia Roberts im Interview

GOLDENE KAMERA: Wollten Sie diese Rolle spielen, weil Sie selber Mutter sind?

JULIA ROBERTS: Die treibende Kraft waren eher meine Kinder. Wir alle lieben den Kinderroman von R. J. Palacio. Einer meiner Sprösslinge fragte mich: "Denkst du, dass Sie einen Film daraus machen?" Und ich antwortete ganz lässig: "Bestimmt!" Aber dann wollte ich es doch genau wissen und bat meinen Agenten, die Situation zu erforschen. Es stellte sich heraus, dass tatsächlich ein Film in Arbeit war, aber dass noch keine Rollen besetzt wurden. Also warf ich für die Rolle der Mutter sofort meinen Namen in den Ring.

Inwieweit hat die Mutterrolle in Ihrem Leben die Darstellung im Film beeinflusst?

Wenn man einmal Mutter ist, kann man sich nicht mehr vorstellen, wie das Leben war, bevor man Kinder hatte. Owen Wilson sagte mir, dass es ihn überraschte, wie harsch ich in der Szene reagiere, wenn Auggie fragt: "Warum bin ich so hässlich?" Vor 13 Jahren, als ich noch keine Mutter war, hätte ich wahrscheinlich mit einer zärtlichen Stimme widersprochen. Aber jetzt steckt zu viel Mutterinstinkt in mir drin, um dem Kind solche Gedanken nicht sofort reflexartig auszutreiben.

Was sprach Sie als Mutter an dem Roman an? Wie würden Sie Ihren Kindern helfen, wenn sie gemobbt würden?

Was ich an dem Buch so liebe – und ich hoffe, dass wir es auch auf den Film übertragen konnten – ist, dass es darin nicht um das Geben von Ratschlägen geht, sondern dass man mit gutem Beispiel vorangehen sollte. In "Wunder" zeigt die Mutter ihrem Kind, wie sehr sie ihn liebt, mit der Hoffnung, dass er sich selbst mit den gleichen Augen sehen kann, egal was die gemeinen Kerle in der Welt sagen. Das Wichtige im Leben ist, was in einem selber steckt, denn das ist das Einzige, was man selber kontrollieren kann. Das ist die Superpower, die jeder besitzt.

Wie haben Ihre Eltern Ihr Selbstvertrauen gestärkt?

Ich schätze, dass Sie sich meine Kindheit als Idylle mit tiefschürfenden Gesprächen mit meinen Eltern ausmalen (lacht). Aber in meiner Generation gab es diese wunderbaren Unterhaltungen über Gefühle und Emotionen zwischen Eltern und Kindern nicht. Im Gegensatz zu heute, wo wir oft bis zur Erschöpfung kommunizieren. Als Kind war vor allem meine ältere Schwester mein Ansprechpartner, wenn es um Dinge wie Probleme in der Schule ging.

Meine Mutter redete mit uns während sie das Abendessen kochte, aber wir setzte uns nicht an den Tisch, um bestimmte Dinge zu diskutieren. Dazu fehlte einfach die Zeit, denn meine Mutter war vollberufstätig und hat Kinder großgezogen. Ich habe zum Glück den Luxus, mit meinen Kindern und meinem Mann beim Familiendinner über alles – positiv oder negativ – reden zu können. Und meine Kinder wissen, dass sie jederzeit zu uns kommen können, wenn ihnen etwas auf dem Herzen liegt oder sie einfach nur Lust zum Quatschen haben.

Apropos Generationen: Sie sind am 28. Oktober Fünfzig geworden. Wie fühlen Sie sich?

Ich habe diesen Tag mit meiner Familie gefeiert und mich großartig gefühlt. Aber ich habe mich auch letztes Jahr großartig gefühlt, und ich hoffe, dass ich mich auch nächstes Jahr so fühlen werde (lacht). Ich verstehe diesen Trubel um diese Zahl nicht. Als ich 47 wurde, hat mich keiner gefragt, wie ich mich fühle (lacht). Ich finde, dass man jedes Jahr diese Reise um die Sonne feiern und dafür dankbar sein sollte!

Originaltrailer zu "Pizza Pizza - Ein Stück vom Himmel" (1988)

Dieses Jahr feiern Sie noch einen Meilenstein: 30 Jahre seit ihrem Kino-Durchbruch mit "Pizza Pizza – Ein Stück vom Himmel". Haben Sie damals von solch einer Karriere geträumt? Wie haben Sie sich verändert?

Ich bin immer noch das gleiche Mädchen wie damals – nur halt 30 Jahre älter und ich trage eine hübschere Bluse statt eines T-Shirts (lacht). Ich glaube nicht, dass sich je einer ein erfüllteres Berufsleben vorstellen oder erträumen kann, als ich es erfahren durfte. Ich liebe meinen Beruf genauso sehr wir damals. Diese 30 Jahre sind wie im Flug vergangen.

Haben Sie je an sich selbst gezweifelt?

Nie! (lacht) Natürlich, aber selbst mit all meinen Zweifeln und meinem anfänglichen Mangel an Selbstvertrauen habe ich immer etwas gefunden, dass mir Ruhe und Zuversicht gegeben hat.

Was ist das Wunder in Julia Roberts?

Es gehört sich nicht, über sich selbst zu protzen (lacht). Und ich möchte auch nicht ruinieren, was andere an mir so wunderbar finden. Es ist wie Konfetti. Man wirft es hoch und jeder fängt etwas anderes auf.

Welche Wunder haben Ihnen andere beschert?

Ich bin in meinem Leben mit Wundern verwöhnt worden. Ich hätte mir keine besseren Eltern, Familie, Geschwister, Mann, Kinder und Beruf wünschen können. Das größte Geschenk ist allerdings, dass ich sehr klar meine Stellung in der Welt sehen kann. Und das ist nicht nur sehr befreiend, sondern macht einen auch demütig.

2018 probieren Sie etwas Neues aus: eine TV-Serie. Was können Sie uns über "Homecoming" verraten?

Ich freue mich schon auf meine erste Fernsehserie. Ich bewundere Sam Esmail ("Mr. Robot"), der Regie führen wird. Er ist unheimlich klug und besitzt Humor. Ich habe keine Ahnung, wie man eine TV-Serie dreht. Ich habe also noch viel zu lernen (lacht).

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