"Shape of Water" - die Oscar-würdige Antithese zu "Die Schöne und das Biest"

Im neuesten Streich von Guillermo del Toro überwinden Sally Hawkins und Creature-Darsteller Doug Jones biologische und gesellschaftliche Schranken. Wir trafen den mexikanischen Kultregisseur zum Gespräch.

Dass eine Fantasy-Romanze über eine stumme Putzfrau und einen Amphibienmann für 13 Oscars nominiert wird, mag auf den ersten Blick verblüffen. Doch "Shape of Water - Das Flüstern des Wassers" (ab 15. Februar im Kino) ist in den Augen von Kultregisseur und Monsterfreund Guillermo del Toro ("Hellboy") eine Lehrstunde über unsere Gesellschaft...

Guillermo del Toro über "Shape of Water"

Darum geht's in "Shape of Water - Das Flüstern des Wassers"

Die stumme Elisa (Sally Hawkins) bekommt Anfang der 1960er Jahre von ihrer Freundin Zelda (Octavia Spencer) eine Putzstelle in einer amerikanischen Forschungseinrichtung vermittelt. Dort hält Sicherheitschef Strickland (Michael Shannon) einen im Amazonas gefangenen Amphibienmenschen (Doug Jones) gefangen, zu dem Elisa eine besondere Beziehung aufbaut. Als sie um das Leben der Kreatur fürchten muss, verhilft sie ihm mit Hilfe des dubiosen Wissenschaftlers Dr. Hoffstetler (Michael Stuhlbarg) und ihrem schwulen Nachbarn Giles (Richard Jenkins) zur Flucht und quartiert ihn bei sich zuhause ein. Doch ihr außergewöhnliches Beziehungsglück ist nur von kurzer Dauer, denn der skrupellose Strickland ist ihnen auf den Fersen...

Trailer zu "Shape of Water - Das Flüstern des Wassers" (Kinostart: 15.2.2018)

Guillermo del Toro im Interview

GOLDENE KAMERA: Sie lieben es, mit Ihren Filmen den Zuschauer zu überraschen. Wie ist Ihnen das mit "Das Flüstern des Wassers" gelungen?

GUILLERMO DEL TORO: Letztes Jahr, im Alter von 52, habe ich einfach mal pausiert und mich selbst gefragt: "Was kann ich mit diesem Film zeigen, das ich in meiner 25-jährigen Karriere noch nicht ausgedrückt habe?" Mein Ziel war es, einen Film zu drehen, der gleichzeitig Musical, Krimi, Komödie und eine Liebeserklärung an das Kino ist. Und der etwas Neues zu bieten hat. Mit meinen bisherigen neun Filmen habe ich vor allem Mythologien meiner Kindheit wiederbelebt. In "Shape of Water – Das Flüstern des Wassers" drücke ich mich zum ersten Mal als Erwachsener aus: über Identität und das Anderssein. Über Verständnis und Empathie. Und über Liebe und Sex.

Apropos Sex, Ihr Film ist eine Liebesgeschichte zwischen zwei verschiedenen Gattungen. Welchen Sozialkommentar wollen Sie damit ausdrücken?

Die Welt, in der wir leben, wird von Angst regiert. Und Angst führt zu Hass. Was die Menschheit am meisten spaltet ist die Ideologie, eine Person aufgrund ihrer Rasse, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Präferenz, ihrer Politik oder was auch immer auf ein Wort zu reduzieren. Das führt dazu, dass andere sich berechtigt fühlen, diese Person zu misshandeln, zu schlagen, zu isolieren, zu deportieren, nur weil sie nicht mehr als multidimensionaler Mensch angesehen wird. Die Idee hinter meiner Kreatur ist, dass sie weder Tier noch eine andere Gattung ist, sondern ein Gott. Ein Gott, der aus dem Wasser emporsteigt. Und die Liebe zwischen der amphibischen Kreatur und der menschlichen Elisa ist weder geil noch pervers, sondern drückt aus, was auch schon Buddha, Jesus und die Beatles gepredigt haben: "All you need is love" (lacht)

Was war Ihre Inspiration für die Kreatur?

Als Sechsjähriger habe ich "Der Schrecken vom Amazonas" gesehen und mich in die Szene verliebt, in der Julie Adams im Wasser schwimmt und die Kreatur im Wasser ihr zuschaut. Mir wurde total schwindelig von dieser Anmut und mein einziger Gedanke war: Ich hoffe, sie bleiben für immer und ewig zusammen. Der Film endete leider anders, aber je älter ich wurde, desto mehr wurden diese und andere Kreaturen zu spirituellen Symbolen für mich. Meine Filme werden oft als Horror eingestuft, aber ich sehe sie mehr als Märchen oder Fabeln an. Meine Helden sind nicht die Wissenschaftler oder Geheimagent, die durch die Vordertür in die Handlung treten. Ich bevorzuge den Dienstboteneingang. Deswegen erzähle ich in "Shape of Water – Das Flüstern des Wasser" meine Geschichte aus der Perspektive von Menschen, die die Toiletten reinigen und den Müll ausleeren.

Originaltrailer zu "Der Schrecken vom Amazonas" (1954)

Ist "Shape of Water – Das Flüstern des Wassers" Ihre Version von "Die Schöne und das Biest"?

Was ich an dem Märchen "Die Schöne und das Biest" schon immer gehasst habe ist erstens, dass Schönheit in den Himmel gelobt wird. Wenn der Wert einer Person mit Perfektion, Reinheit und Unschuld gemessen wird, bauen wir einen sehr einsamen Kerker. Denn wenn man Perfektion von jemanden erwartet oder verlangt, ist das alles andere als eine Liebesgeschichte. Und zweitens gruselt mich der Gedanke, dass das Biest sich in einen Prinzen verwandeln muss, um zur Schönen zu passen. Liebe ist Akzeptanz und Verständnis, nicht Transformation. Der Protagonist oder die Protagonistin in meinen Filmen ist deswegen auch kein Models für eine Parfümwerbung, sondern ein Außenseiter oder Außenseiterin, deren Schönheit von innen durchscheint. Mein Motto ist: Das Alltägliche macht das Außergewöhnliche umso kostbarer. Und das Außergewöhnliche macht das alltägliche Leben erträglicher.

Interview: Anke Hofmann