Meryl Streep: "Menschen, die die Welt verändern wollen, lassen sich nicht von Mistkerlen unterkriegen"

Das Biopic-Drama "Die Verlegerin" über die "Washington Post"-Herausgeberin Katharine Graham ist eine Ode an die Pressefreiheit. Wir trafen die Hauptdarsteller Meryl Streep, Tom Hanks und Regisseur Steven Spielberg zum gesellschaftspolitischen Gespräch.

Man mag es kaum glauben, aber die Elite Hollywoods in Gestalt von Meryl Streep, Tom Hanks und Regisseur Steven Spielberg hat noch kein gemeinsames Filmprojekt realisiert – bis jetzt. Mit dem Biopic "Die Verlegerin" (ab 22. Februar im Kino) nahm sich das mehrfach Oscar-gekürte Trio eines heute wieder brandaktuellen Stoffes an. Denn mit der US-Regierung legte sich "The Post" (so der Originaltitel) schon drei Jahre vor der Watergate-Affäre an...

Darum geht's in "Die Verlegerin"

1971 wird "Washington Post"-Chefredakteur Ben Bradlee (Tom Hanks) ein skandalöser Report über den Vietnamkrieg zugespielt. Lässt Verlegerin Katharine Graham (Meryl Streep) die staatsgeheimen Dokumente drucken, droht ein Prozess, der nicht nur ihren Verlag ruinieren könnte...

Trailer zu "Die Verlegerin" (Kinostart: 22.2.2018)

Meryl Streep im Interview

GOLDENE KAMERA: Warum hat es so lange gedauert, dass Tom Hanks, Steven Spielberg und Sie endlich zusammen arbeiten?

MERYL STREEP: Tom war schon mein Boss als Produzent von "Mamma Mia!" aber der Grund, warum wir bislang nie zusammen vor der Kamera standen, ist wohl, dass ich sieben Jahre älter bin – oder 27 Jahre zu jung, um seine Mutter zu spielen. Das ist einfach eine Realität in Hollywood. Und in Stevens Filmen dreht es sich meistens um männliche Figuren. Es gab einfach keine Rolle für mich in Produktionen wie "Band of Brothers“, "Der Soldat James Ryan", "Lincoln" oder "Amistad – Das Sklavenschiff". (lacht)

Steven Spielberg über seinen neuen Film "Die Verlegerin"

Wie haben Sie sich auf die Rolle der "Washington Post"-Verlegerin Katharine "Kay" Graham vorbereitet?

Ich habe mir jeden Morgen Katharine Grahams Tonaufnahme ihrer Autobiographie angehört und damit nicht nur ihre Stimme studiert, sondern auch ihre Gedanken und ihr Herz. Sie ist sehr emotional in diesen Aufnahmen und das Zuhören von einigen Momenten ist fast unerträglich schmerzhaft. Kays Stimme war sehr markant und nur wenige Menschen haben wie sie geredet. Aber gleichzeitig klang sie wie viele gebildete Frauen aus dieser Gesellschaftsschicht in der damaligen Zeit.

"Die Verlegerin" Meryl Streep im Interview

Warum ist ein Film über Kay Graham heutzutage relevant?

Sie hat sich mutig gegen das System gestellt, obwohl sie sich selbst in einer Position befand, in der sie um ihre eigene Legitimität kämpfen musste. Eine Person in ihrer Stellung hätte eigentlich selbstbewusst und nicht eingeschüchtert sein sollen, aber Kay war alles andere als das, weil Frauen zu der Zeit normalerweise keine Führungspositionen in der Geschäftswelt besaßen. Es gab nur wenige weibliche Ärzte oder Anwälte und noch weniger Frauen, die in der Regierung tätig waren. Und das ist noch nicht all zu lange her. Aber Kay hat bewiesen, dass eine großartige Anführerin in ihr steckt. Und sie hat entdeckt, dass das, was sie am meisten zurückhielt, weder die Gesellschaft noch Männer waren, sondern sie selbst. Wie viele Frauen von damals – und noch immer von heute – glaubte sie, dass sie ihrer Position nicht würdig sei oder dass sie ihren Erfolg nicht verdiente. Es ist das Hochstapler-Syndrom, das viele fantastische Menschen zurückhält.

Sie haben in Ihrer Karriere sehr viele außerordentliche Figuren dargestellt. Was haben all diese Frauen gemeinsam?

Optimismus. Menschen, die die Welt verändern wollen, sind voller Hoffnung. Und sie teilen das Ziel, sich nicht von den Mistkerlen unterkriegen zu lassen. (lacht)

Tom Hanks über "Die Verlegerin"

Steckt dieser Mut und Aktivismus auch in Ihnen?

Oh, ich bin alles andere als mutig. (lacht) Wenn es nach mir ginge, würde ich mich nie auf ein Podium stellen und über eine Rede halten. Aber zum Glück wurde mir von meiner Mutter eine große Neugier in die Wiege gelegt. Es interessiert mich sehr, was andere so mutig macht. Wie ihre Kindheit oder ihr Leben oder ihre Ängste sie zu diesen tapferen Taten oder Entscheidungen motiviert haben.

Eine momentan wichtige Initiative ist die Frauenbewegung gegen sexuelle Belästigung im Rahmen der #MeToo-Debatte. Sehen Sie eine Veränderung in Hollywood?

Ich hoffe, diese Bewegung hat nicht nur Hollywood verändert, sondern die Welt. Und ich glaube auch, dass diese Bewegung nicht mehr verschwinden wird. Sie hat Menschen ermutigt, ihr Schweigen zu brechen und sich gegen den Status Quo zu wehren, anstatt höflich passiv zu sein.

Interview: Anke Hofmann