Kino-Event der Woche: "Das schweigende Klassenzimmer"

Ein bewegendes Plädoyer für Zivilcourage: Das neue Historiendrama von Lars Kraume ("Der Staat gegen Fritz Bauer") über eine DDR-Schulklasse, die 1956 mit einer Protestaktion für Unruhe im System sorgt.

Wer die Premiere von Lars Kraumes Adaption des gleichnamigen, autobiographischen Sachbuchs von Dietrich Garstka auf der Berlinale verpasst hat, kann und sollte dies ab dem 1. März im regulären Kinobetrieb nachholen, denn "Das schweigende Klassenzimmer" kommt als erfrischend erzählte und zugleich höchst relevante Geschichtsstunde daher...

Darum geht's in "Das schweigende Klassenzimmer"

1956: Bei einem Ausflug nach West-Berlin sehen die DDR-Abiturienten Theo (Leonard Scheicher) und Kurt (Tom Gramenz) im Kino Wochenschau-Aufnahmen des Aufstands ungarischer Studenten gegen die russische Besatzung. Zurück in Stalinstadt (heute: Eisenhüttenstadt) überreden sie ihre Mitschüler, im Unterricht eine solidarische Schweigeminute einzulegen. Eine kleine Protestaktion, die sich schnell zum existenzbedrohenden Politikum auswächst. Denn während Schulrektor Schwarz (Florian Lukas) das Ganze als jugendlichen Leichtsinn durchgehen lassen will, setzen Kreisschulrätin Kessler (Jördis Triebel) und der alarmierte Volksbildungsminister Lange (Burghart Klaußner) alles daran, der "konterrevolutionären" Rädelsführer habhaft zu werden...

Trailer zu "Das schweigende Klassenzimmer"

GOKA-Wertung

"Das Individuum muss sich fügen, sonst gibt es Anarchie. Ihr seid jetzt Staatsfeinde, weil ihr frei gedacht habt und daraus Taten folgten." Wenn der schwule Außenseiter-Großonkel Edgar (Michael Gwisdek) den aufmüpfigen Abiturienten die Brisanz ihrer Situation erläutert, mag das in Schriftform dozierend erscheinen. Im Rahmen der Filmhandlung spiegeln seine analytischen Worte aber die immer dramatischere Eskalation wieder, die aus den Schülern und ihren Familien Spielbälle eines perfiden Systems macht. Die Stärke von "Das schweigende Klassenzimmer" liegt darin, dass Theo, Kurt & Co. nach ihrer naiven Tat nicht nur mit den Machtstrukturen des jungen Arbeiter- und Bauernstaates, sondern auch mit den Sünden und Leiden der Elterngeneration konfrontiert werden – und so eine plumpe "Gut gegen Böse"-Zuschreibung vermieden wird.

Dabei erweist sich "Das schweigende Klassenzimmer" als ein mit großer Sorgfalt ausgestatteter aber konventionell inszenierter Schauspielerfilm, der bei der Besetzung der Schülerrollen bewusst auf etablierte Namen verzichtet hat und es von der Newcomer-Riege mit vor Spielfreude pulsierenden Darbietungen zurückgezahlt bekommt. Ein erfrischendes Paradebeispiel dafür, wie anhand von Einzelschicksalen deutsche Geschichte und gesellschaftspolitische Mechanismen auf der Leinwand lehrreiche Gestalt annehmen können.

Muss ich sehen, weil...
...die Suche nach den "Schuldigen" sowohl krimihafte (An-)Spannung als auch historische Symbolkraft entfaltet.

Für Fans von...
..."In Zeiten des abnehmenden Lichts" (2017) und "Freistatt" (2015)