Die größten Geheimnisse der Star-Regisseure

Sie gehören zu den Besten ihres Fachs: die Regisseure Ron Howard (l.) und Martin Scorsese
Sie gehören zu den Besten ihres Fachs: die Regisseure Ron Howard (l.) und Martin Scorsese
Foto: Larry Busacca/Getty Images for DGA und Tim P. Whitby/Getty Images
Wie dreht man einen Blockbuster? GOLDENE KAMERA hat die Regiekurse von Martin Scorsese und Ron Howard absolviert.

Gemeinsam kommen beide auf drei Oscars, 91 Berufsjahre und sagenhafte 5,7 Milliarden Dollar Kino-Einspielergebnis: Martin Scorsese und Ron Howard sind zwei der erfolgreichsten Regisseure der Welt. Jetzt gewähren sie in Videokursen (www.masterclass.com) intime Einblicke in ihre Arbeit. GOLDENE KAMERA hat die je 30-teiligen Kurse von Scorsese ("Taxi Driver", "Departed") und Howard ("Apollo 13", "The Da Vinci Code") absolviert und Erstaunliches gelernt.

Phase 1: Drehbuch und Casting

Als Regisseure in Hollywoods Topliga können sich Scorsese und Howard ihre Projekte aussuchen; über ihre Agenten bekommen sie ständig neue Drehbücher angeboten. Aber wie in der Flut von Skripten den passenden Filmstoff finden? "Mich ziehen Themen wie Sünde, Vergebung und Gut gegen Böse an", verrät Scorsese. "Wer vom Kino fasziniert ist, findet in jedem Leben etwas Filmisches."

"MasterClass": Regisseur Martin Scorsese über Regiearbeit (OV)

Für Ron Howard verbindet die perfekte Geschichte stets etwas Altes mit etwas Neuem: "Der Zuschauer mag klassische Themen, will aber einen frischen Ansatz." Bestes Beispiel sei der erste "Star Wars"-Film (1977): Letztlich ein Märchen mit Zauberern und Prinzessin, aber atemberaubende Effekte und das Weltraumsetting machten den Film einzigartig. Hat Howard ein Drehbuch mit Potenzial gefunden, wendet er seine persönliche Checkliste an. "Ich bewerte die Kernkomponenten des Skripts, darunter Spannung, Themen, Hauptfiguren, mit ein bis zehn Punkten. Im Anschluss an die Bewertung geht es darum, das Skript zu optimieren." Das bedeutet: umschreiben.

"MasterClass": Regisseur Ron Howard über Regiearbeit (OV)

Geht es um historische Stoffe, birgt Recherche laut Martin Scorsese, dessen "Gangs of New York" Mitte des 19. Jahrhunderts spielt, besondere Gefahren: "Recherche darf dich nicht von dem abbringen, was ursprünglich dein Interesse an diesem Stoff geweckt hat. Nichts ist langweiliger als ein Film, der 100 Prozent historisch korrekt ist!"

Nächster wichtiger Schritt ist das Casting. "Die richtige Besetzung macht 85 bis 90 Prozent eines Films aus", meint Scorsese. Für kleine Rollen rekrutiert er gern Nichtschauspieler aus dem entsprechenden Milieu, so etwa im Gangsterfilm "Goodfellas": "Laien helfen manchen Profidarstellern dabei, vor der Kamera weniger gekünstelt zu wirken." Sind alle Rollen besetzt, wird geprobt. Martin Scorsese setzt auf intensive Leseproben, kennt aber auch die Grenzen: "Bei den Proben zu 'Wolf of Wall Street' musste ich Margot (Robbie, Anm. d. Red.) und Leo an manchen Stellen stoppen. Ich sagte: 'Hebt euch das für den Dreh auf!' Es soll unverbraucht wirken, wenn die Kameras laufen."

Phase 2: Die Dreharbeiten

Egal wie viel ein Regisseur vorher plant: Beim Dreh kommt vieles anders. Für Ron Howard kein Grund für Frust. Bestes Beispiel ist "Frost/Nixon". Howard musste sein Herzensprojekt über ein TV-Duell zwischen Ex-US-Präsident Richard Nixon und Moderator David Frost wie einen Independent-Film drehen: mit wenig Geld und noch weniger Zeit. Das Manko entpuppte sich als Segen. Der zum Teil dokumentarische Stil gibt den Dialogen besondere Dynamik. "Frost/Nixon" gilt als einer der besten Howard-Filme. Vielleicht ja auch wegen seines Umgangs mit den beiden Hauptdarstellern: Howard hielt Michael Sheen und Frank Langella am Set bewusst voneinander fern, um die Rivalität der Figuren vor der Kamera zu unterstützen.

Schauspieler erfordern immer besondere Sensibilität, wie Martin Scorsese weiß: "Nimm dir Zeit, um Darsteller scheitern zu lassen, und sag ihnen, dass es okay ist. Einige brauchen diesen Prozess eben, um ihre Performance zu finden." Hat ein Schauspieler eine Idee, lässt Scorsese sie möglichst gewähren: "Statt die Zeit mit Diskutieren zu verbringen, lasse ich lieber die Kamera laufen. Ob ich das Material verwende, ist eine andere Frage."

Einer, der das weidlich ausnutzte, war Jack Nicholson. In "Departed" improvisierte er viele Szenen. In einer stellt er als Gangsterboss die Männlichkeit von Sullivan (Matt Damon) infrage. "Jacks Improvisieren drohte aus dem Ruder zu laufen", erinnert sich Scorsese. "Die Stimmung am Set war angespannt." Dann erkannte Scorsese das Potenzial: Was, wenn tatsächlich Impotenz für Sullivans Probleme mit seiner Freundin sorgt? Die Änderungen kamen ins Skript. "Das hat die Figur Sullivan noch komplexer gemacht", findet Scorsese.

Auch Kollege Ron Howard hat für die Arbeit am Set einen Tipp: "Für Regieneulinge ohne Schauspielhintergrund ist es lebenswichtig, zumindest ein paar Schauspielstunden zu nehmen. Es hilft ihnen zu verstehen, wie angsteinflößend Schauspielern sein kann."

Phase 3: Im Schneideraum

Ist alles im Kasten, geht die Arbeit richtig los. "Ein Film entsteht erst im Schneideraum", sagt Ron Howard. "Vorher sammele ich lediglich Rohmaterial." Selbst Veteranen fürchten mitunter diese Arbeit. "Mein schwierigster Film im Schnitt", so Howard, "war 'Apollo 13'." Lange schaffte es der Regisseur nicht, die unterschiedlichen Erzählperspektiven des Astronautendramas – von Crew, Bodenpersonal, Angehörigen – zusammenzubringen. "Schließlich haben wir einige Szenen im Schnitt neu erfunden. Wir haben etwa neue erklärende Dialoge aufgenommen und über Passagen gelegt, in denen der Sprechende nicht im Bild war oder die Kamera so weit weg war, dass man den Mund nicht genau sah. Es war sehr kreatives Schneiden."

Trailer zu "Apollo 13"

Auf eine Enttäuschung müssen sich Filmemacher laut Martin Scorsese aber einstellen: "Wenn dich das Anschauen der ersten Schnittfassung deines Films nicht krankmacht, stimmt etwas nicht. Du denkst zwar bei jedem neuen Film: Diesmal passiert das nicht – aber es macht dich jedes Mal wieder krank."

Seinen wichtigsten Tipp aber gibt Martin Scorsese Nachwuchsregisseuren am Schluss: "Finde deinen eigenen Weg! Es gibt keine Anleitung, keine Geheimnisse." Anleitungen vielleicht wirklich nicht. Aber einige Regiegeheimnisse haben er und sein Kollege Ron Howard durchaus verraten.