Jessica Chastain: Eine Klasse für sich

Vor dem Start ihres neuen Kinofilms spricht GOLDENE KAMERA exklusiv mit Jessica Chastain darüber, wie sich Hollywood verändern muss.

Es gibt Formulierungen, mit denen man Jessica Chastain besser nicht kommen sollte. Die Beschreibung "starke Frauen", wenn es um ihre Rollen geht, ist für die Schauspielerin ein rotes Tuch. "Ich weiß nie, was ich dazu sagen soll. Jede Frau ist stark – und jede Frau hat Schwächen. Was genauso für Männer gilt", betont sie dann auch gleich zu Beginn des Interviews mit GOLDENE KAMERA. "Was ich suche, sind Rollen, die komplex und gut geschrieben sind. Dass die dann immer als besonders stark empfunden werden, liegt vor allem daran, dass es die meisten Frauenfiguren leider nicht sind." Allerdings gibt es in Hollywood nur wenige Stars, die eine derartige Vorliebe für durchsetzungsfähige, willensstarke Frauen haben wie sie.

Vielbeschäftigter Hollywood-Star

In ihrem neuen Kinofilm "Die Frau, die vorausgeht" (seit dem 5. Juli 2018 im Kino) spielt die 41-Jährige eine verwitwete New Yorker Malerin, die Ende des 19. Jahrhunderts auf eigene Faust in den Wilden Westen aufbricht, um Stammeshäuptling Sitting Bull zu porträtieren. Im packenden Politthriller "Die Erfindung der Wahrheit" (14. Juli, 20.15 Uhr, Sky Cinema) ist sie eine eiskalte Waffenlobbyistin, zuletzt leitete sie in "Molly’s Game" einen illegalen Poker-Club.

Bildergalerie: "Die Erfindung der Wahrheit"

Eine Frau, die ihr Ding durchzieht und sich aufs Kämpfen versteht, ist Chastain allerdings auch, wenn sie nicht vor der Kamera steht. Ziel ihrer Produktionsfirma Freckle Films ist es, "die Filmindustrie ein wenig aufzurütteln und zu verändern", wie sie es ausdrückt. "Ich will meinen Teil zu mehr Diversität in unserer Branche beitragen und zusätzliche Optionen für Frauen hinter der Kamera schaffen, ob nun als Autorinnen oder Regisseurinnen."

Auch ihren Twitter-Account nutzt die Kalifornierin, die letzten Sommer ihren italienischen Lebensgefährten heiratete, weniger zur Selbstdarstellung denn für Aktivismus: "Ich habe definitiv kein Interesse daran, Details aus meinem Privatleben zu teilen. Aber ich will Aufmerksamkeit auf Dinge lenken, die mir am Herzen liegen. Das kann Kunst oder Literatur genauso sein wie Tierschutz."

Neue Filmprojekte

Bei den Filmfestspielen in Cannes stellte Chastain gerade ihr neuestes Projekt vor: "355" wird ein Agententhriller, in dem nur Frauen die Hauptrollen spielen, neben ihr selbst unter anderen die Oscargewinnerinnen Penélope Cruz, Marion Cotillard und Lupita Nyong’o. Und bei der Weihnachtskomödie, die sie bald mit Octavia Spencer drehen wird, pochte sie darauf, dass sie und ihre afroamerikanische Kollegin das gleiche Gehalt bekommen.

Eine Form der Gleichberechtigung, die in Hollywood noch alles andere als selbstverständlich ist. "Zusammenhalt unter Frauen ist etwas, das ich von meiner Großmutter und meiner Mutter gelernt habe", erklärt sie. "Nichts finde ich schlimmer als dieses Klischee, dass wir untereinander immer stutenbissig sind."

Der Eindruck täuscht nicht, dass in der Filmbranche derzeit kaum jemand fleißiger ist als Jessica Chastain. Gerade einmal acht Jahre ist es her, dass sie ihr Leinwanddebüt gab. Heute kann sie bereits auf gut 20 hochkarätige Kinorollen sowie zwei Oscarnominierungen zurückblicken. "Ich staune selbst manchmal", lacht sie. "Aber ich liebe den Job einfach sehr und kann schlecht Nein sagen, wenn sich mir eine Chance bietet." Um ein solches Pensum zu bewältigen, muss man schon selbst eine verdammt starke Frau sein. Aber das wird sie sicher nicht gern hören ...