Kino-Event der Woche: "Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm"

Bertolt Brechts gescheiterte Verfilmung seiner "Dreigroschenoper" verwandelt ein Starensemble unter der Regie von Joachim A. Lang in großes Schauspielkino mit experimentellem Touch.

Lars Eidinger, Joachim Król, Hannah Herzsprung, Tobias Moretti, Claudia Michelsen – dass TV-Filmregisseur Joachim A. Lang ("George") für sein Kinofilmdebüt die Crème de la Crème deutschsprachiger Charakterdarsteller gewinnen konnte, dürfte mit ein Grund dafür gewesen sein, dass "Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm" das Filmfest München eröffnet hat. Viel entscheidender war und ist aber, dass Lang einen faszinierenden Konzeptfilm vorgelegt hat, an dem sich auch nach seinem offiziellen Kinostart am 13. September die Geister scheiden werden...

Darum geht's in "Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm"

Als sich sein Musiktheaterstück "Die Dreigroschenoper" nach der Uraufführung am 31. August 1928 auch dank der Kompositionen seines Freundes Kurt Weill (Robert Stadlober) über Nacht zum Kassenschlager mausert, schmiedet Bertolt Brecht (Lars Eidinger) noch größere Pläne. Er lässt sich auf einen gut dotierten Vertrag mit dem Produzenten Seymour Nebenzahl (Godehard Giese) ein, der den sensationellen Bühnen- in einen Filmerfolg verwandeln will.

Da aber das von Brecht erstellte Drehbuch unter dem Eindruck der politischen Umbrüche noch viel kapitalismuskritischer und unromantischer als die Vorlage ausfällt und so das Publikum vor den Kopf stoßen könnte, kommt es zwischen den unversöhnlichen Parteien zum Gerichtsprozess, den Brecht als eine Art juristisches Theaterstück zu inszenieren versteht...

Trailer zu "Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm" (Kinostart: 13.9.2018)

GOKA-Wertung

Der genial Kniff an "Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm": Regisseur Lang erzählt nicht nur diese reale Biopic-Geschichte, sondern präsentiert auf Grundlage von Brechts Filmtreatment und dem daraus hervorgegangenen "Dreigroschenroman" auch eine berauschend opulente Version des niemals gedrehten "Dreigroschenfilms", in dem der Londoner Verbrecherfürst Mackie Messer (Tobias Moretti) mit der Ehelichung von Polly (Hannah Herzsprung) den Widerstand ihres Bettler ausbeutenden Vaters Peachum (Joachim Król) und dessen Gattin (Claudia Michelsen) heraufbeschwört.

So sieht man beispielsweise Brecht beim Erläutern seiner filmischen Vision vom Büro des Produzenten direkt in die Filmszene treten – ein immer wieder kunstvoll und variantenreich eingewobener Regiekunstgriff, der das Konventionen sprengende "epische Theater" Brechts kongenial auf die Seherfahrung im Kinosaal überträgt. Oder in Brechts Worten: "Es geht nicht darum, die Bedürfnisse des Publikums zu befriedigen, sondern sie zu verändern."

Auch dass Lars Eidinger ausschließlich originale Brecht-Zitate spricht und dadurch im Vergleich zu seinen lustvoll theatralisch aufspielenden Kollegen blasiert und emotionslos rüberkommt, lässt sich als gelungener Versuch einer filmischen Irritation werten, die am Ende noch auf die Spitze getrieben wird.

Denn wenn sich Mackie Messer und seine Mannen in schlipstragende Banker vor moderner Hochhauskulisse verwandeln, versinnbildlichen sie damit Brechts Schreckensvision eines von Geschäftsleuten geführten Staatsapparats. Und damit ist dieser "Dreigroschenfilm" trotz Materialüberfülle nicht nur ein gelungenes Filmexperiment geworden, sondern auch ein historisches Gesellschaftsstück mit frappierend aktuellem Zeitbezug.