Der Thriller-Geheimtipp aus den USA: "Searching"

Im Social-Media-Thriller von Regiedebütant Aneesh Chaganty versucht ein Vater, seine über Nacht verschwunden Tochter über das Internet wiederzufinden. Wir trafen die beiden Hauptdarsteller John Cho ("Star Trek") und Debra Messing ("Will & Grace") zum Gespräch.

Nach der Weltpremiere auf dem Sundance Film Festival der Thriller "Searching" (Kinostart: 20. September) von Aneesh Chaganty gefeiert, weil er mit visuellen Social-Media-Mitteln eine packende Geschichte über die Gefahren und Vorzüge des Internets erzählt. Großen Anteil an der rauschenden Resonanz hatten die beiden Hauptdarsteller: "Star Trek"-Star John Cho und "Will & Grace"-Ikone Debra Messing, die mit dem Internet und den sozialen Medien so ihre eigenen Erfahrungen gemacht haben...

John Cho und Debra Messing über "Searching"

Darum geht's in "Searching"

Seit seine Tochter ins College gezogen ist, kommuniziert der Witwer David Kim (John Cho) mit Margot (Michelle La) übers Internet. Als der Teenager über Nacht verschwindet und David eine Vermisstenanzeige aufgibt, bittet ihn Detective Vick (Debra Messing), in Margots Accounts nach Hinweisen zu suchen. Doch je tiefer David in die digitale Welt seiner Tochter vordringt, muss er erkennen, dass er von Margots Leben gar nichts weiß...

Trailer zu "Searching" (Kinostart: 20.9.2018)

"Searching": John Cho und Debra Messing im Interview

GOLDENE KAMERA: "Searching" liegt mit der neuen, von Produzent Timur Bekmambetov entwickelten Filmtechnik 'Screenlife' voll im Hollywood-Trend. War das mit ein Grund, warum Sie den Film gemacht haben?

JOHN CHO: Ich muss gestehen, dass ich die Rolle zuerst abgelehnt habe – obwohl ich ein Fan von Krimis und diesem Genre bin. Und mir gefiel, dass "Searching“ kein Blockbuster war, sondern ein Indie-Film, von denen es heutzutage zu wenig gibt. Aber als Regisseur Aneesh Chaganty mir am Telefon mitteilte, dass sich die Handlung nur auf Bildschirmen und in Social-Media-Fenstern abspielen würde, machte ich einen Rückzieher. Ich wollte kein YouTube-Movie drehen. Zum Glück hat Aneesh nicht locker gelassen und bestand darauf, dass wir uns persönlich treffen. Während diesem Meeting zeigte er mir auf seinem Laptop, wie der Film aussehen würde. Und das – zusammen mit seinem Enthusiasmus – hat mich dann überzeugt.

Interessant, dass es einer Begegnung von Angesicht zu Angesicht bdurfte, sie zu überzeugen, denn dieser Film zeigt, wie abgekoppelt wir voneinander sind und wie digital wir miteinander kommunizieren.

CHO: Der Film zeigt beide Seiten: Wie sich die Tochter Margot durch digitale Geräte und Internet-Chats selbst verliert, aber auch wie der Vater sie dadurch wieder zu finden versucht. Genau wie unter Menschen gibt es in der Computer-Welt Licht und Schatten, Gut und Böse. Unsere Smartphones und Gadgets können uns auch miteinander verbinden. Als Kind sind meine Familie und ich sehr oft umgezogen. Ich fühlte mich oft sehr einsam und alleine, denn ich musste immer wieder neue Freunde finden und war sehr oft das einzige asiatische Kind in der Klasse. Heutzutage hätte ich übers Internet Gleichgesinnte finden können, selbst wenn sie außerhalb meiner Schule oder meiner Stadt lebten. Anderseits kann das digitale Zeitalter auch sehr erschreckend sein, denn man weiß nie, was echt oder fake ist.

Erlernt die nächste Generation durch Technik und Internet eine neue Sprache?

CHO: Als Kind war es meine Aufgabe, für meine Eltern die Uhr am Videogerät umzustellen. Später war ich der Mann für den Kabelanschluss und dann der Computer-Doktor. Jetzt bin ich derjenige, der Hilfe braucht, denn mein 10-jähriger Sohn hat mich längst überholt, was die neue Technik angeht. Und egal, wie sehr ich mich bemühe mitzuhalten, ich hinke immer hinterher. Ich fühle mich wie mein Vater, der zwar ein bisschen Englisch sprechen konnte, als er nach Amerika kam, aber dann von seinem Sohn überflügelt wurde.

Der Computer und das Internet sind sicherlich eine neue Sprache und neue Art der Kommunikation, aber eine Sprache ist nicht gleichbedeutend mit Liebe oder Zuneigung. Das ist etwas, was Kinder nur von ihren Eltern und nie von einem Computer bekommen können.

Und was hat Sie an diesem Film gereizt, Debra?

DEBRA MESSING: Als ich das Drehbuch las und sah, dass es mehr Computer-Cursor-Action gab als Dialog, war mir sofort klar, dass "Searching" ein ganz neues Film-Vokabular darstellen würde. Als Fan von Innovationen war ich sofort begeistert. Und die Handlung berührte mich auch persönlich. Der Film dreht sich um einen Vater, der seine spurlos verschwundene Tochter mittels Internet sucht. Für Eltern ist das Internet eine zweischneidige Sache. Einerseits weiß ich, dass man die Zeiten nicht mehr zurück drehen kann. Kinder sitzen halt nicht mehr vor dem Fernseher, sondern starren auf ihre Smartphones oder sonstige digitalen Geräte. Ich habe strikte Regeln für meinen 14-jährigen Sohn: Instagram ist okay, dafür kein Snapchat, kein Twitter, kein Facebook. Ich weiß aber auch, dass ich ihn nicht vor allem und jedem schützen kann.

Ist Ihr Sohn mit diesen Regeln einverstanden? Und sind Sie mit ihm 'befreundet', um zu sehen, was er postet?

MESSING: Solange ich für sein iPhone bezahle, darf ich auch die Regeln setzen! (lacht) Er weiß, dass ich jederzeit sein Handy checken kann, um seine SMSs oder seine Browser-History zu lesen. Bis jetzt habe ich noch nie davon Gebrauch gemacht, weil ich ihm vertraue. Aber ich glaube, dass seine Angst, dass ich es könnte, ihn auf dem rechten Weg hält. (lacht)

Sie spielen in "Searching" eine Polizistin. Wie sehr passt diese Rolle zu Ihnen?

MESSING: Das Justizwesen hat mich schon immer fasziniert. Diese Rolle passt also sehr gut zu mir. Allerdings lag dieser Film außerhalb meiner Komfortzone. In fast allen meinen Szenen interagiere ich mit anderen via Bildschirm. Statt vor einem anderen Schauspieler zu stehen, hatte ich Johns Stimme im einen Ohr für unseren Dialog und Aneeshs Stimme im anderen, um mir Anweisungen zu geben, wo ich überhaupt hinschauen sollte: "Die Augen mehr nach links oben. Johns Gesicht wird dort sein." Aber ich bin so froh, dass ich in "Searching" mitspielen durfte, denn dadurch konnte ich Schauspiel-Muskeln nutzen, die ich nie zuvor angewandt habe.

Interview: Anke Hofmann