Kino-Event der Woche: "Ballon"

Wie zwei Familien 1979 die spektakuläre Flucht aus der DDR gelang, erzählt Michael Bully Herbig in seinem packenden Thriller-Regiedebüt nach wahren Begebenheiten.

Die Geschichte ging um die Welt: In der Nacht zum 16. September 1979 gelang zwei Familien aus Thüringen die Flucht aus der DDR – im selbst gebauten Heißluftballon. Ausgerechnet Comedian Michael Bully Herbig ("Der Schuh des Manitu") hat nun aus diesem Stoff einen beeindruckenden Thriller gemacht, der unter dem schlichten Titel "Ballon" am 27. September in den Kinos startet...

Darum geht's in "Ballon"

Kaum 50 Kilometer Luftlinie: Der Westen ist so nah und doch so unerreichbar. Wirklich? Peter Strelzyk (Friedrich Mücke) und Günter Wetzel (David Kross) aus Pößneck in Thüringen tüfteln einen mutigen Fluchtplan aus: Ein selbst gebauter Heißluftballon soll sie nach drüben tragen. Den ersten Versuch wagt Peter mit seiner Frau und den beiden Söhnen Frank (Jonas Holdenrieder) und Andreas (Tilman Döbler) allein. Wetzels haben es sich anders überlegt: Das Risiko ist zu hoch, wenn sie erwischt werden.

Und tatsächlich: Kurz vor der Grenze stürzen die Strelzyks ab und hetzen durch die Nacht zurück nach Hause. Der zurückgelassene Ballon wird natürlich entdeckt und ruft die Stasi auf den Plan. Während die Beamten Hinweise sammeln und den "Landesverrätern" gefährlich dicht auf der Spur sind, planen Peter und Günter unter Hochdruck den nächsten Anlauf.

Trailer zu "Ballon"

Der reale Hintergrund von "Ballon"

Auf die Idee, die Grenze durch die Luft zu überwinden, bringt Günter Wetzel ein Artikel über das jährliche Ballonfahrertreffen in Albuquerque aus einer Westzeitschrift, die seine Schwägerin mitbrachte. Wetzel, damals 24, weiht sei­nen Freund und Kollegen Peter Strelzyk ein, beide arbeiten als Elektrotechniker. Den Ballon näht Wetzel aus Futterstoff für Lederwaren – heimlich auf der alten Näh­maschine der Schwiegermutter. Die Größe des Ballons schätzt er grob, den Brenner bastelt er, der gern Physik studiert hätte, aus einer Gasflasche und einem Ofenrohr, den Korb aus Winkeleisen und einer Blech­platte, Wäscheleinen dienen als Geländer.

BR-Feature über die Heißluftballon-Flucht 1979

Am ersten Fluchtversuch nimmt Wetzel mit seiner Familie aber nicht teil – auch weil ihm der Ballon nicht stabil genug erscheint. Er be­hält recht. Der Ballonstoff hat sich in den Wolken voll Feuchtigkeit gesogen und den Absturz nur 200 Meter vor der Grenze verursacht. Bei ihrem gemeinsamen Anlauf mit einem größeren Ballon macht der Wind Probleme: Er trägt die beiden Familien nicht gen Westen, sondern nach Süden – aber weit genug. Der zweite Ballon landet auf einem Feld im fränkischen Naila.

Die Geschichte ging um die Welt und wurde bereits 1982 unter dem Titel "Mit dem Wind nach Westen" von Disney verfilmt. Was Michael Herbig vor das Problem stellte, dass die Filmrechte in den USA gebunkert waren. Hollywoodkollege Roland Emmerich ließ seine Kontakte spielen und half mit, dass die Rechte für Deutschland freigegeben wurden.

Clip aus "Mit dem Wind nach Westen" (1982)

Die GOKA-Wertung zu "Ballon"

Und das Resultat, mit dem Comedian Bully Herbig (in Eigenregie zuletzt "Bullyparade: Der Film") souverän das Genre wechselt, ist perfekt. Dass man das Happy End von vornherein kennt, tut der Spannung keinen Abbruch. Denn wie um Himmels willen haben die das geschafft?! Fast nebenbei ist "Ballon" zudem eine akribisch-authentische Zeitreise – da sitzt jeder Schnauzer. Günter Wetzel fungierte als Berater, das Filmteam erhielt sogar Einsicht in die Stasi-Akten zum Fall.

Für Gänsehaut sorgt auch der starke Gegenspieler in Gestalt von Stasi-Oberstleutnant Seidel – genial gespielt von einem unheimlich ruhigen Thomas Kretschmann, der mit 19 Jahren selbst aus der DDR geflohen ist. Auch seinetwegen ist "Ballon" ein aufregender deutscher Krimi auf internationalem Topniveau geworden. Der Wind dreht sich!