Kino-Event der Woche: "Werk ohne Autor"

Nach achtjähriger Pause kehrt Regisseur Florian Henckel von Donnersmark mit einer epochalen Künstlerbiografie ins Kino zurück und lässt Hauptdarsteller Tom Schilling die Irrungen und Wirrungen im Deutschland der Nachkriegszeit durchleiden.

Seit Florian Henckel von Donnersmark mit seinem Hochschul-Abschlussfilm "Das Leben der Anderen" 2007 gleich den Auslands-Oscar gewonnen hat, wurde der Kölner Regisseur mit dem Adelstitel als Hoffnungsträger des deutschen Filmadels gefeiert. Nach seinem schwachen Hollywood-Thriller "The Tourist" (2010) kehrte der 45-Jährige nun bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig mit der Weltpremiere seines dritten Films in die Spur zurück.

Passend zum Tag der deutschen Einheit kommt "Werk ohne Autor" am 3. Oktober in unsere Kinos und wird erneut für Deutschland ins Oscar-Rennen gehen – und das trotz dick aufgetragenem Pathos durchaus verdient...

Darum geht's in "Werk ohne Autor"

Im Dresden des Jahres 1937 wird der sechsjährige Kurt Barnert (Cai Cohrs) von seiner Tante Elisabeth (Saskia Rosendahl) an die Kunst herangeführt. Unter dem Nazi-Regime wird Elisabeth ihre Freigeistigkeit allerdings zum Verhängnis und Klein-Kurt muss hilflos mitansehen, wie seine Tante wegen angeblicher Schizophrenie im Euthanasie-Programm verschwindet. Trotz dieses Traumas bleibt Kurt als junger Mann (Tom Schilling) den künstlerischen Idealen seiner ermordeten Tante treu und schafft in den Anfangsjahren der DDR den Sprung vom Spruchband-Maler zum Kunststtudenten an der Hochschule, wo er die Arzttochter Ellie (Paula Beer) kennen und lieben lernt.

Trailer "Werk ohne Autor" (Kinostart: 3. Oktober)

Obwohl Kurt Barnert zum gefeierten DDR-Künstler aufsteigt, bleibt der Emporkömmling Ellies Vater Carl Seeband (Sebastian Koch) ein Dorn im Auge. Erst recht, als das junge Ehepaar Anfang der 1960er Jahre in den Westen rübermacht. An der Kunsthochschule in Düsseldorf versucht Kurt von allen ideologischen Zwängen befreit, seine wahre Identität als Künstler zu finden – ohne zu ahnen, dass sein ebenfalls in die BRD geflohener Schwiegervater bei der Auslöschung seiner geliebten Tante eine Schlüsselrolle gespielt hat.

Filmclip aus "Werk ohne Autor"

GOKA-Wertung

Wie bei seinem Erstling "Das Leben der Anderen", bei dem sich Florian Henckel von Donnersmark an der Biographie des Liedermachers Wolf Biermann orientierte, verwandelt er in "Werk ohne Autor" die Lebensgeschichte des Malers Gerhard Richter in ein fiktiv ausgeschmücktes Zeitdokument deutscher Geschichte. Mit der auf Fakten basierenden Barnert/Seeband-Konstellation webt er in die historische Lehrstunde geschickt einen Thriller-Subplot ein, der mit dazu beiträgt, dass bei der stattlichen Laufzeit von über drei Stunden niemals Langeweile aufkommt.

Dies ist auch den durch die Bank überzeugenden Schauspielern zu verdanken, die wie Oliver Masucci als Joseph-Beuys-Doppelgänger Antonius van Verten den bedeutungsschwangeren Dialogen des Drehbuchs faszinierenden Nachhall verleihen.

Filmclip aus "Werk ohne Autor" mit Oliver Masucci

Trotz dieser fesselnden Schauspielleistungen lässt sich kaum verhehlen, dass es dem Autorenfilmer Henckel von Donnersmark in erster Linie nicht um ausdifferenzierte Psychogramme der handelnden Figuren geht. "Werk ohne Autor" ist vielmehr als Hymne an einen romantischen Kunstbegriff konzipiert, nach dem die oftmals aus Schmerz und Schicksalsschlägen geborene Wahrheit ohne programmatische Intention des Künstlers in dessen Werk einfließt.

Auf Henckel von Donnersmarks komplett durchgestylten und auf große Emotionen setzenden Film lässt sich dieses schöpferische Idealbild zwar nicht übertragen. Doch der im deutschen Kino seltene Versuch, allegorische Geschichten mit dem ganz großen Erzählbesteck zu inszenieren, macht "Werk ohne Autor" trotzdem zu einem außergewöhnlichen Filmerlebnis.