Die Tricks der Hollywood-Stars

Wie wird man einer der besten Schauspieler der Welt? GOLDENE KAMERA hat die Schauspielkurse von Samuel L. Jackson und Helen Mirren besucht – und dabei Erstaunliches erfahren.

Millionen Nachwuchsdarsteller träumen von spannenden Rollen, Megagagen und Filmpreisen. Zwei, die all dies erreicht haben, sind Samuel L.Jackson und GOLDENE KAMERA-Preisträgerin Helen Mirren. Jackson ist sogar der kommerziell erfolgreichste Schauspieler des Planeten. Sagenhafte 5,8 Milliarden Dollar spielten die Filme des US-Stars ("The Avengers", "Star Wars") bisher allein in den USA ein. Die Britin Helen Mirren zählt ebenfalls zu den angesehensten Vertretern ihrer Zunft. In ihrer Filmografie wechseln sich Kritikererfolge wie "Gosford Park" ab mit Blockbustern wie "R.E.D.". Für die grandiose Darstellung von Elizabeth II. in "Die Queen" erhielt sie 2007 den Oscar als beste Hauptdarstellerin.

Trailer: Helen Mirrens Masterclass

Jetzt geben Samuel L. Jackson und Helen Mirren Onlinekurse bei masterclass.com (jeweils 100 Euro). Nirgendwo sonst haben die beiden bisher so ausführlich über ihre Karrieren, Arbeitsweisen und Berufsgeheimnisse gesprochen wie hier. Vor allem in ihren Berichten über den eigenen Start liefern die Veteranen viele Tipps für Jungschauspieler.

Das Casting

Zum Vorsprechen müssen beide längst nicht mehr. Doch über viele Jahre waren solche Castings – selbst bei Rollen mit einem einzigen Satz – für sie Alltag. Oft gab es Dutzende Konkurrenten. Da klingt der Tipp von Samuel L. Jackson fürs Vorsprechen zunächst ziemlich überraschend: "Denke niemals darüber nach, die Rolle zu bekommen. Nutze einfach die Chance, dich zu präsentieren."

So ergatterte er 1988 im Film "Der Prinz aus Zamunda" die kleine Rolle eines Mannes, der ein Restaurant ausrauben will. "Ich kenne viele schwarze Schauspieler, die sagen: Ich spiele keine Gangster oder Häftlinge mehr! Die Kollegen sollten aber wissen: Wenn sie diese Rollen nicht spielen, werden sie auch nicht gesehen! Und darum geht’s in unserem Beruf. Mein Ziel war: Ich spiele den interessantesten Räuber, den ihr je gesehen habt. Die Szene ist kurz, aber ich wollte, dass die Zuschauer im Kino sich danach fragen: Wo geht dieser Typ wohl als Nächstes hin?"

Trailer: Samuel L. Jacksons Masterclass

Genaue Gründe für den Überfall verriet das Skript nicht. Also überlegte sich Jackson eine komplette Story: ein Mann, dem seine Frau die Hölle heiß macht, weil er nicht genug Geld mit nach Hause bringt. Für diese Minirolle mag das übertrieben klingen, doch bis heute erarbeitet sich Jackson so seine Rollen. Er erfindet eine komplette Biografie: Ist die Figur ein Einzelkind? Ist sie religiös? Ist sie ein ordentlicher Mensch? Hat sie viele Freunde? "Liefert das Drehbuch mir keine Antworten", so Jackson, "denke ich mir meine eigenen aus. Dem Regisseur ist nur wichtig, dass du deinen Text sagst. Aber um das überzeugend zu machen, muss ich aus einer Figur auf einer Drehbuchseite einen vollständigen Charakter entwickeln."

Eine weitere Lektion: Selbst erfolglose Castings können sich lohnen. 1991 sprach Jackson für Quentin Tarantinos Debüt "Reservoir Dogs" vor. "Ich spielte meine Szene mit Tim Roth und Harvey Keitel, und beide waren furchtbar! Sie haben mir mein Vorsprechen komplett versaut." Jackson bekam die Rolle nicht. Später traf er Tarantino wieder. Der erinnerte sich an Jacksons Casting und sagte: "Ich schreibe gerade etwas – dafür bist du perfekt!‘" Dieses "Etwas" war "Pulp Fiction". Samuel L. Jackson bekam die Rolle – und später dafür eine Oscarnominierung.

Alles geben für die Rolle

Einen wichtigen Tipp für die Vorbereitung auf eine neue Rolle hat Helen Mirren parat. "Probe niemals eine Szene vor dem Spiegel", sagt die Schauspielerin. "Niemals! Es führt nur zu furchtbarem 'Fake Acting'. Wenn du die Rolle richtig vorbereitet hast, wird dein Gesicht automatisch das ausdrücken, was gerade in dir vorgeht."

Helen Mirren über die Vorbereitung auf eine neue Rolle

Die Rollen kann sich Mirren, genauso wie Samuel L. Jackson, längst aussuchen. Doch woran erkennt man eine gute Rolle? Helen Mirren hat ihre eigene Methode: "Wenn ich ein Skript erhalte, blättere ich sofort zur letzten Szene. Ist meine Figur dabei, ist es wahrscheinlich eine gute Rolle. Ist sie nicht dabei, schaue ich mir an, wie stark die letzte Szene meiner Figur ist. Verschwindet meine Figur einfach so, ohne Wirkung, aus der Story? Dann lohnt es sich für mich nicht, den Rest des Skripts zu lesen. Das mag furchtbar klingen, aber das System funktioniert jedes Mal."

Arbeitet Samuel L. Jackson an einer neuen Rolle, ist seine Devise stets die gleiche: Verändere dich so stark wie möglich! Lässt das Skript es zu, wird er kreativ: eine spezielle Gangart und Frisur, besondere Marotten und Spleens. "Mein Tipp: Erscheine zum Dreh lieber mit zu vielen als zu wenigen Ideen. Der Regisseur kann immer noch sagen: 'Lass dies weg, lass das weg!' Spontan Neues entwickeln ist erheblich schwieriger." Den Bösewicht in "Kingsman" etwa lispelnd zu spielen war die Idee Jacksons, der als Kind stark stotterte.

Helen Mirren "arbeitet" mit und an ihrem Skript

Besonders hilfreich ist stets der Austausch mit Experten. Im Thriller "Eine offene Rechnung" hatte Helen Mirren eine aufwendige Kampfszene. Die Darstellerin erinnert sich: "Unser Stuntman erklärte mir, wie sich eine Stichwunde anfühlt – als gerate dein ganzer Körper in Schockstarre. So habe ich die Szene gespielt." Auf eigene Beobachtungen kann Mirren zurückgreifen, wenn sie eine Alkoholisierte spielt: "Die große Gefahr beim Betrunkensein-Spielen ist zu übertreiben. Der Trick: Probiere einen Besoffenen zu spielen, der versucht, nicht betrunken zu wirken."

Das Spiel mit der Kamera

In ihrem Onlinekurs betont Mirren die besondere Beziehung zwischen Darsteller und Kamera: "Stelle dich gut mit dem Kameramann. Denn du brauchst ihn. Ich durfte manchmal schon meinen Text auf einem Zettel unterhalb der Kameralinse anbringen."

Samuel L. Jackson stimmt zu, halb im Scherz: "Sei nett zu Kameraleuten! Wenn sie wollen, können sie dich ganz schlecht aussehen lassen. Sie kennen jeden Winkel, aus dem du fett wirkst." Tatsächlich ist Jackson in der Branche dafür bekannt, jedes Crewmitglied besonders respektvoll zu behandeln. Bis heute erinnert er sich an das Schild, das 1994 im Produktionsbüro von "Stirb langsam 3" hing: "Pass auf, wem du heute auf die Füße trittst. Sie könnten mit dem Hintern verbunden sein, den du morgen küssen musst."

Noch knapper ist Helen Mirrens Fazit für angehende Schauspieler: "Sei pünktlich. Und: Sei kein Arschloch."