Tilda Swinton: "Für meine Rolle in 'Suspiria' gilt: Kunst ist wichtiger als Leben"

Im Remake von Dario Argentos Kultschocker "Suspiria" verwandelt sich Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton (unter anderem) in die mysteriöse Leiterin einer teuflischen Tanzakademie. Wir trafen die Ausnahmeschauspielerin zum Gespräch.

1977 schuf Dario Argento mit "Suspiria" ein Meisterwerk des italienischen Horrorfilms. 41 Jahre später legt Regisseur Luca Guadagnino eine von Amazon koproduzierte Neuauflage mit beachtlicher Besetzung vor. Denn im Remake (Kinostart: 15. November) wird die Leiterin einer mysteriösen Tanzakademie im Berlin der 70er Jahre von Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton ("Michael Clayton") verkörpert, die als Madame Blanc ihre "deutsche Seite" ausleben konnte...

Tilda Swinton über das "Suspiria"-Remake

Darum geht's in "Suspiria" (2018)

Mitte der 1970er Jahre kommt die amerikanische Tänzerin Susie Bannion (Dakota Johnson) ins geteilte Berlin, um an der renommierten Marcos Dance Academy von Madame Blanc (Tilda Swinton) zu lernen. Irgendetwas scheint dort aber nicht zu stimmen, denn kaum dass die panische Mitschülerin Patricia (Chloe Grace Moretz) dem Psychologen Dr. Klemperer (Lutz Ebersdorf) von diabolischen Hexenmächten im Institut berichtet, verschwindet sie spurlos. Während Susie immer mehr in den Bann von Madame Blanc und ihren Tanzlehrerinnen gerät, geht ihre verängstigte Freundin Sara (Mia Goth) nächtlichen Geräuschen nach und kommt einem furchtbaren Geheimnis auf die Spur...

Trailer zur Neuauflage von "Suspiria"

Dass Tilda Swinton im "Suspiria"-Remake nicht nur die Tanzakademie-Leiterin Madame Blanc spielt, verrät sie im Interview mit der GOLDENEN KAMERA...

"Suspiria" (2018): Tilda Swinton im Interview

GOLDENE KAMERA: Dario Argentos Original von 1977 war ein purer Horrorfilm. Der neue "Suspiria" spricht auch politische und soziale Themen an, oder?

TILDA SWINTON: Der Kulturkritiker Slavoj Žižek hat gesagt, dass uns das Kino zeigt, was wir begehren. Vielleicht hilft dann das Horror-Genre zu erkennen, wovor wir uns fürchten. Ich persönlich finde es gesund, sich den eigenen Ängsten zu stellen. Und dann aus dem dunklen Kino zurück ins helle Zuhause zu kommen, eine Tasse Tee zu genießen und zu realisieren, dass die Bedrohung nicht real ist. Was den Unterschied zwischen Dario Argentos und Luca Guadagninos "Suspiria" betrifft: Darios Version spielt in ihrer eigenen, zeitlosen Welt – die Handlung gleicht eher einer Fabel.

Re-Release-Trailer zum 40. "Suspiria"-Jubiläum

Aber Luca wollte die Neuverfilmung in das Jahr legen, als Darios Film in die Kinos kam: 1977. Das war ein sehr interessantes Jahr in Deutschland und speziell in Berlin. Das Trauma vom Zweiten Weltkrieg überschattete noch die Stadt. Der Feminismus war im Aufschwung und die Baader-Meinhof-Gruppe trieb ihr Unwesen. Natürlich ist der neue "Suspiria" auch eine Fabel, aber die Handlung ist stärker in der Realität verwurzelt.

Welche Tänzer und Choreographen haben Sie für Ihre Rolle als Madame Blanc inspiriert?

Das Aussehen und Verhalten von Madame Blanc war ganz Pina Bausch: die Kleidung, die Frisur. Und natürlich das ewige Zigarettenrauchen. Als Teenager war ich sehr von Pina fasziniert, aber leider habe ich sie nie getroffen. Ich habe Freunde, die eine sehr enge Beziehung mit ihr hatten. Und ich habe mit Tänzern gesprochen, die ihre Schule besucht haben. Sie haben Pina als sehr mütterlich, fast als Mutterglucke beschrieben.

Für die Tänze in "Suspiria" hat uns vor allem Mary Wigman, geborene Marie Wiegmann beeinflusst, die als Pionierin des rhythmisch-expressiven Ausdruckstanzes gilt. Ihr berühmtester Tanz ist der sehr brutale Hexentanz, den wir als Basis für unsere Choreographie nutzten.

Mary Wigman: "Hexentanz" (1921)

Mary Wigman war auch sehr passend als Modell für Madame Blanc, weil ihre Kompanie das Dritte Reich überlebt hat – ich nehme an, indem sie viele Abkommen traf. Und in unserem Film schließt Madame Blanc einen Pakt mit den Hexen, um ihre Kunst am Leben zu erhalten.

Der größte Einfluss für die Rolle im Allgemeinen war aber die Figur des Boris Lermontov in "Die roten Schuhe". Er war der Leiter und Choreograph der Tanzschule, dessen Motto hieß: Kunst ist wichtiger als Leben.

Haben Sie je davon geträumt, Tänzerin zu werden?

Ich liebe Tanzen. Als Schottin steckt es in meinem Blut! Als kleines Kind habe ich die Tanzschule besucht, aber dann wurde es ziemlich schnell klar, dass ich durch meine Größe keine Zukunft oder Karriere als Tänzerin haben würde. Aber ich fühle mich sehr geehrt, jetzt eine Tänzerin darstellen zu dürfen.

Abgesehen von Madame Blanc spielen Sie auch den Psychiater Dr. Josef Klemperer, obwohl sie das zuerst nicht zugeben wollten...

Also, laut Poster und Filmnachspann wird Dr. Klemperer von Lutz Ebersdorf dargestellt. Wer jedoch Lutz Ebersdorf spielt, das ist die große Frage. (lacht)

Und wer spielt Lutz Ebersdorf?

Sagen wir, ich habe eine sehr intime Beziehung zu Lutz, genau wie der Maskenbildner Mark Coulier, der für die Prothesen in "Suspiria" verantwortlich ist. Lutz Ebersdorf ist sozusagen das Kind von Mark und mir. (lacht)

Mögen Sie es, wenn Sie in den Spiegel schauen und sich selbst nicht mehr wiedererkennen?

Oh, das ist mein Traum als Schauspielerin! Ich versuche, in meinen Filmen so entfernt wie möglich von meiner eigenen Persönlichkeit zu sein. Und als Lutz Ebersdorf kann ich eine Erfahrung wiedererleben, die ich vor über 30 Jahren hatte: das drehen meines ersten Films. Für Lutz "Suspiria" ist sein Schauspieldebüt. Und eigentlich ist Lutz gar kein Schauspieler sondern ein Psychologe, der einen Psychologen spielt!

Bedeutet das, dass wir Lutz Ebersdorf noch in anderen Film sehen werden?

Er ist offen für Angebote. (lacht) Der Dreh hat ihm jedenfalls viel Spaß gemacht, und er verzichtet gerne wieder morgens auf das Ausschlafen, um in anderen Filmen mitzuspielen.

Interview: Anke Hofmann