Jan Josef Liefers: "Das Leben versteht man erst im Rückblick"

Jan Josef Liefers spricht exklusiv über seine Rolle im neuen Kinofilm "So viel Zeit", das Scheitern von Rockbands und die Macht der Musik.

Rock ’n’ Roll – und der Tod: Das sind die wichtigsten Ingredienzen in Jan Josef Liefers' neuem Kinofilm "So viel Zeit", der am 22. November 2018 in die Kinos kommt. Die Story: Der Gitarrist Rainer (Jan Josef Liefers) will nach einer dramatischen ärztlichen Diagnose seine lange zerstrittene Band Bochums Steine noch einmal auf der Bühne vereinen.

Trailer zu "So viel Zeit"

Im Gespräch mit GOLDENE KAMERA verrät der 54-Jährige, welche Botschaft er mit diesem Film vermitteln möchte.

Interview mit Jan Josef Liefers

Todkrank, ein mieser Vater, egoistisch – aber musikalisch talentiert. Ist das die korrekte Beschreibung Ihrer Figur in der Tragikomödie "So viel Zeit"?

Ja. Rainer ist ein talentierter Musiker, aber als Mensch eher unbegabt. Ein schlechtes Gewissen ist Teil seiner Persönlichkeit. Und er ist in seinem abrupt beendeten Traum vor Jahren hängen geblieben. Weder hat er es geschafft, seinen schlimmsten Fehler in etwas Gutes umzumünzen, noch ihn zu verarbeiten.

Sie sind auch im wahren Leben Musiker. Wie fühlt es sich an, ein Bandmitglied zu spielen?

Als Schauspieler fällt es mir leichter, einen Banker oder einen Börsenmakler zu spielen – weil ich solche Menschen nicht besonders gut kenne. Doch als es um Rainer und seine Band im Film ging, war ich ziemlich pingelig, was die Glaubwürdigkeit der Handlung angeht.

Aber wieviel "Radio Doria" steckt in der Band "Bochums Steine"? Oder anders gefragt: Was von Ihren eigenen Erfahrungen als Musiker ist in "So viel Zeit" eingeflossen?

Bei "Radio Doria" bin ich der Sänger, bei "Bochums Steine" bin ich der Gitarrist und Jürgen Vogel singt. Und anders als Rainer habe ich mich noch nie auf der Bühne gekloppt. Denn dermaßen explodierende Egos, wie sie die beiden Frontleute in "Bochums Steine" verkörpern, gibt es bei RadioDoria nicht.

Und warum zerbrechen so viele Rockgruppen?

Weil die Egos der Musiker irgendwann überborden. Die meisten Bands scheitern an sich selbst. Meistens geht’s intern darum, wer bestimmt, wie die Band klingt, wie die Songs sind, wer was spielt und wer sich wem unterordnet.

Ist "So viel Zeit" pure Unterhaltung oder gibt Ihr Film auch Denkanstöße?

Für mich dreht sich der Film um drei Dinge: Erstens um die Kraft der Musik, zweitens um die Kraft der Freundschaft und drittens auch noch um die Frage, wie man seine Lebenszeit sinnvoll nutzt. Im Alter von 16 oder 17 ist dieser Aspekt noch nicht sooo bedeutsam, aber wenn man erst mal 50 ist und die Mitte seines Lebens hinter sich gelassen hat und dem Ende näher ist als dem Anfang, fragt man sich plötzlich, wie man seine beschränkte Zeit wirklich sinnvoll einsetzen kann.

Was heißt das konkret?

Dass wir Menschen zwar ständig vorwärts leben, aber unser Leben erst im Rückblick verstehen – und es dann oftmals zu spät ist, um nochmal was zu korrigieren. Rainer versucht auf seine Art, mit der ihm verbleibenden Zeit alte Fehler auszubügeln. Insofern ist "So viel Zeit" mehr als bloß purer, unterhaltsamer Zeitvertreib. Denn in diesem schönen Film geht’s auch um Liebe und um die Erkenntnis, dass auch sie endlich ist. Die Kernfrage lautet: Was würdest du anders machen, wenn dir das Ende deines Lebens angesagt wird.

Haben Sie sich selbst schon mal mit "Carpe diem" und "memento mori" auseinandergesetzt?

Ja, als mein eigener Vater an Krebs erkrankte und später daran starb. Zwischen Diagnose und Tod hatte er noch drei Jahre – aber diese Zeit hat er nicht genutzt, um die ganze Klaviatur der heutzutage angebotenen Therapien durchzugehen, sondern sich für Lebensqualität statt für mehr Lebenszeit entschieden. Während der ihm bleibenden Spanne hat er manches besser gemacht als früher. Er wollte seine Enkel erleben, etwas mit ihnen unternehmen. Das fand ich bemerkenswert, und es deckt sich absolut mit meinem eigenen Empfinden: Wir merken meist erst, was wichtig und bedeutsam ist, wenn es schon zu spät ist.

Doch wie hat diese Erfahrung Ihres Vaters Ihr eigenes Leben verändert?

Es hat uns einander viel näher gebracht. Während mein Vater allmählich auf das Lebensende zusteuerte, haben wir eigentlich ausschließlich gute Erfahrungen gemacht. Heute fehlt er mir manchmal sehr, und mir ist schmerzhaft bewusst geworden, dass ich nun der einzige, lebende Mann in unserer Familie bin. Aber mir war schon vor dem Tod meines Vaters klar, dass man – wenn man im Alter gute Erinnerungen haben will – bereits jetzt dafür sorgen muss. Und obwohl man unmöglich alles richtig machen kann, und auch Leute enttäuschen muss, und den höchsten Ansprüchen nicht gerecht werden kann, lohnt es sich, es trotzdem zu versuchen.

Was haben Rockmusik und Sterben gemeinsam?

In der Musik liegt sehr viel mehr, als wir mit Worten ausdrücken können – denn Musik ist die Sprache des Unterbewussten und der Seele. Oft entsteht sie aus Schmerz, aber manchmal auch aus einer überschwänglichen Freude. Mit Musik können wir uns ausdrücken, wenn unsere Worte nicht mehr ausreichen. Und natürlich hat jeder große Komponist versucht, ein großes Requiem zu schreiben – und das Wissen um den Tod, aber auch die Angst davor, in Musik zu übertragen. Dasselbe gilt übrigens auch für die Freude. Doch vor allem für die Liebe. Denn die Musik schenkt uns Liebe.

Wie definieren Sie "Rock"? So wie im Film, also als pures Leben?

Naja, wenn man hört, dass Mick Jagger inzwischen nur noch frischgepressten Ingwersaft mit Karotten und Orangen trinkt, dann ist das auch eine Form von Leben. In der Regel steht Rock für ein Leben auf der Überholspur: schneller, höher, weiter, Gas geben, saufen, Drogen und Sex. Aber all das sind keine besonders smarten Klischees, ungeeignet für ein langes Leben. Wer auf ein Rockkonzert geht, kann mal die Sau rauslassen, und muss am nächsten Morgen trotzdem seine Kinder zur Schule bringen. Als Konzertbesucher holt man sich einen Teelöffel von dem ab, worin der Klischee-Rockmusiker jeden Tag untergeht. Und viele sind deshalb jung gestorben.

Haben Sie Verständnis für jene Exzesse, die sich manche Bands erlauben?

Ja und nein. Ein zerklopptes Hotelzimmer lässt sich reparieren, aber mich würde eher interessieren, wo die ganze Zerstörungswut herkommt, die macht, dass man sich und die Dinge um sich herum kaputt machen will.

Im Film zerbrechen Sie eine Gitarre. Habe Sie das auch schon mal im wahren Leben getan?

Nein, aber ich habe mal eine zersägt, allerdings nur, weil ich aus den Teilen eine andere bauen wollte. Inzwischen weiß man aber auch, dass viele große Rockmusiker, die ihr Instrument auf der Bühne zerdreschen, es zuvor gegen eine billige Kopie ausgetauscht haben. Denn eine Gitarre ist für ihren Besitzer etwas absolut Heiliges.

Was ist Ihre Religion? Die Musik?

Religion ist ein System, das wir uns geschaffen haben, um uns in einen höheren Zusammenhang zu stellen und gleichzeitig Regeln zu geben. Denn es ist schwer zu ertragen, dass wir nur zufällig existieren und dass sich die Evolution einen Scheiß dafür interessiert, ob wir glücklich werden. Meiner Meinung nach sehnen sich die Menschen nach einem System, bei dem jemand die Fäden in der Hand hat – jemand, der alles geschaffen hat, und unseren Weg vorzeichnet. Ich bin kein religiöser Mensch, und ich glaube in diesem Sinne nicht an einen Masterplan.

Wollten Sie schon als Knirps Sänger und Schauspieler werden?

Weder noch: Ich wollte Gitarrist werden und in einer Band sein. Das habe ich mir wirklich erträumt, aber in der DDR wurde nichts daraus, und die Partei und die Staatsführung haben die Rockmusik extrem misstrauisch beäugt. Deshalb habe ich mich schließlich für den Weg des Schauspielers entschieden, weil mir der – auch aufgrund meines familiären Hintergrunds – sehr vertraut war.

Werden die Film-Songs – etwa "Drei Affen" oder "So viel Zeit" – veröffentlicht?

Hoffentlich, weil sie ziemlich gut sind! Den letzten Abspannsong "So viel Zeit" haben wir übrigens erst ganz zum Schluss produziert. Als ich im Urlaub war, schickte mir der Produzent den Track. Dann habe ich ein Mikrofon in den Kleiderschrank meiner Frau gehängt, und den als Gesangskabine benutzt. Es gibt keine bessere Gesangskabine als den Kleiderschrank einer Frau. Der viele fluffig Stoff von all den schicken Kleidern absorbiert die meisten unerwünschten Reflexionen bestens.

Als die Bandmitglieder von "Bochums Steine" einen Sänger suchen, erkundigt sich ein Bewerber nach der Jury – was man als Anspielung auf Castingshows wie "DSDS" verstehen kann. Was halten Sie von solchen Sendungen?

Ich gucke manchmal "The Voice", und meine Kinder lieben das. In der "Voice"-Jury sitzen Musiker mit Kompetenz und eigenen Karrieren. Manchmal unterhält es mich besser, manchmal nicht so. Aber wenn mir als 14-Jährigem jemand gesagt hätte, dass ich bei sowas vielleicht entdeckt würde, dann wäre ich da auch gerne hingegangen.

Kannten Sie Sie Scorpions, die in "So viel Zeit" gemeinsam mit "Bochums Steine" im "Rockpalast" auftreten, schon vorher persönlich? Und wie war der Dreh mit den Jungs?

Klaus Meine kannte ich schon länger vom Guten-Tag-Sagen, aber die komplette Band habe ich zum ersten Mal vor mir stehen gehabt. Ich finde es toll, dass die mitgemacht haben. Die brauchen ja so etwas nicht für ihre Karriere, die haben schon alles erreicht. Aber auch, dass ein Schauspieler wie Jörg Hartmann als kaum wiederzuerkennender Radiomoderator auftaucht, finde ich super. Letztlich waren wir alle begeistert, dass wir einen Film drehen konnten, in dem Musiker, Musik und die Leidenschaft für Musik eine so große Rolle spielen.

Das Motto der Band lautet: "Für uns muss es laut sein." Für Sie auch?

Manchmal muss man wirklich laut sein – aber ich mag auch Stille mal sehr gern. Man kann Nächte durchmachen, aber irgendwann muss man auch wieder schlafen.

Und Ihre Meinung über den Tod und das Sterben? Muss man das Ganze überhaupt ernst nehmen oder sollte man dem lockerer, mutiger und durchaus auch mal Witze reißend begegnen?

Durchaus ruhig mal schwarzhumorig. Tod und Sterben sind zwei verschiedene Dinge – und die Art unseres Abgangs können wir zum Teil sogar mitgestalten. Wollen wir viel zu früh wegen eines illegalen Autorennens mitten in der Stadt sterben oder lieber friedlich in hohem Alter, wenn wir von allem genug erlebt haben?

Träumt ein Künstler davon, auf der Bühne zu sterben?

Auf der Bühne muss es nicht unbedingt sein, aber ohne Ankündigung mitten aus dem bunten Leben gerissen zu werden, das könnte ich mir schon vorstellen – auch, wenn es nicht leicht für die anderen ist. "Peng und Aus" – das fände ich gut.

Schlußfrage: Welcher Songtitel beschreibt Ihr Leben am besten?

"You can't always get what you want". Ach, Quatsch! Eigentlich habe ich viel von dem bekommen, was ich wollte. Insofern eher: "Shine on you crazy Diamond". Diesen Titel könnte ich mir gut auf meiner Beerdigung vorstellen.