"Widows - Tödliche Witwen": Viola Davis im Interview

Im Thriller-Drama von Oscar-Preisträger Steve McQueen ("12 Years a Slave") spielt Viola Davis eine Ganovengattin, die mit Leidensgenossinnen das Erbe ihrer toten Männer antritt. Wir sprachen mit dem "How to Get Away with Murder"-Star über den Film und Sexszenen mit Liam Neeson.

Mit "Widows - Tödliche Witwen" (Kinostart: 6. Dezember) legt der "12 Years a Slave"-Regisseur Steve McQueen nicht nur sein Thrillerdebüt vor. Der britische Autorenfilmer und Oscar-Preisträger schrieb auch "How to Get Away with Murder"-Star Viola Davis eine neue Paraderolle auf den Leib, die für die 53-jährige Amerikanerin in mehrerer Hinsicht eine neue Herausforderung darstellte...

Viola Davis im Interview zu "Widows"

Darum geht's in "Widows - Tödliche Witwen"

Chicago: Nachdem bei einem Raubzug alles schieflief, trauern drei sehr unterschiedliche Frauen um ihre toten Gangster-Gatten. Veronica (Viola Davis) bringt Alice (Elizabeth Debicki), Linda (Michelle Rodriguez) und deren Babysitterin Belle (Cynthia Erivo) dazu, selbst den letzten Coup der Männer durchzuführen – und gerät dabei zwischen die Fronten des Bezirkswahlkampfes, in dem der korrupte Jack Mulligan (Colin Farrell, GOLDENE KAMERA 2017) und der brutale Jamal Manning (Brian Tyree Henry) antreten.

Trailer: "Widows - Tödliche Witwen"

GOKA-Wertung

"Widows - Tödliche Witwen" besteht aus epischen, dabei geschickt miteinander verknüpften Geschichten, die von durchgängig großartigen Schauspielern verkörpert werden. Regisseur Steve McQueen ist mit der Adaption der britischen Serie "Widows" (1983-1985) ein Kinoknaller gelungen: ein brillanter Mix aus Thriller und Drama über Frauen im Freiheitskampf.

"Widows"-Chefin Viola Davis im Interview

GOLDENE KAMERA: In "Widows - Tödliche Witwen" sehen wir eine Gruppe von Frauen, die eigentlich ein normales Leben führen wollen, aber durch außergewöhnliche Umstände zu Kriminellen werden. Steckt in uns allen das Potential zum Verbrecher?

VIOLA DAVIS: Klar! (lacht) Wenn zu viel auf dem Spiel steht, ist alles möglich. In uns allen steckt Sophies Entscheidung. Was ich damit meine ist, dass man sich manchmal in Situationen wiederfindet, in der man nur die Wahl zwischen Überleben oder vor die Hunde gehen hat. Es ist leicht, im Leben den unbescholtenen Weg zu gehen, wenn man andere Optionen hat. Aber wenn man wirklich nicht mehr ein- und ausweiß...

In den USA leben 46 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze. Wenn man $20,000 oder weniger im Jahr verdient, mit Ach und Krach zwei Kinder ernährt und einem dann $10,000 für eine nicht ganz legale Tat angeboten werden, wird es jeder tun oder zumindest darüber nachdenken. Ich bin sehr arm aufgewachsen und habe als Sieben- oder Achtjährige ein paar Brownies geklaut, weil ich hungrig war. In jedem steckt also die Kapazität zum Gauner, vor allem in verzweifelten Situationen.

Filmclip: "Widows - Tödliche Witwen"

Ihre Figur Veronica behauptet, dass sie ungestraft davon kommen wird, weil niemand Frauen einen solch cleveren und gewagten Raub zutraut. Inwieweit sind Sie in Ihrem Leben unterschätzt worden?

Niemand hat mich ernst genommen, weil ich aus Central Falls komme, das den Spitznamen "Achselhöhle von Rhode Island" trägt. Aber ich habe mich nie in eine Schublade stecken lassen. Ich habe mich immer – wenn auch unbewusst – von meiner Leidenschaft leiten lassen. Mir ist nie der Gedanke gekommen, dass ich zu etwas nicht fähig sei. Ich glaube, dass habe ich meiner großen Phantasie zu verdanken. Dadurch habe ich immer zu meinem eigenen Rhythmus im Leben getanzt.

"Widows - Tödliche Witwen" spielt in Chicago. Inwieweit spielt die Stadt im Film eine Sonderrolle?

Chicago hat eine sehr hohe Kriminalitätsrate. Alleine am 4. Juli diesen Jahres gab es über 200 Schießereien und mehr als ein Dutzend Toter. Während der Dreharbeiten wurde nur ein paar Meter von uns entfernt jemand in den Kopf geschossen und getötet. Wir haben in Vierteln wie Englewood, Garfield Park und Lawndale gedreht, in denen es sehr viele Unruhen gibt. Diese sozialen Unruhen sind in der Politik und dem amerikanischen Rassismus verwurzelt. Trotzdem muss ich sagen, dass ich mich als Besucher dieser Stadt in Chicago verliebt habe.

Im Film gibt es nicht nur Verbrechen sondern auch Liebe. In den Bettszenen mit Liam Neeson wirkt ihre Figur Veronica super glücklich. Waren Sie das beim Dreh auch?

(lacht) Diese Szenen waren entsetzlich für mich, weil ich normalerweise Putzfrauen oder Drogenabhängige spiele und es nicht gewohnt bin, vor der Kamera sexualisiert zu werden. Diese Sexszenen waren also sehr schwierig für mich, denn es sind sehr private und verletzliche Momente. Die Liebe zwischen Veronica und Harry, das Anfassen und Küssen muss von Herzen kommen. Aber gleichzeitig gibt Dir Regisseur Steve McQueen Anweisungen wie: "Mehr Leidenschaft! Öffnet euren Mund weiter!" (lacht) Aber Liam war ein Gentleman – sehr respektvoll, elegant und cool.

Interview: Anke Hofmann; Filminhalt und Wertung: Oliver Noelle