Oscar-würdig: Keira Knightley ist "Colette"

Bildgewaltig und kokett: Keira Knightley brilliert im Biopic-Drama "Colette" als tabubrechende Poetin Sidonie-Gabrielle Colette (1873-1954). Wir trafen ihre Interpretin zum Gespräch.

Jung verheiratete Provinzlerin steigt zur Bestsellerautorin auf, erfindet sich als bisexuelle Varietékünstlerin neu, arbeitet erfolgreich als Journalistin, avanciert in späteren Jahren zur Grande Dame der französischen Literatur und wird als erste Frau in ihrer Heimat mit einem Staatsbegräbnis geehrt: Das bewegte, unkonventionelle Leben der Sidonie-Gabrielle Colette (1873–1954) bietet die Grundlage für das Biopic "Colette" (ab 3. Januar im Kino) – und dürfte in seiner Radikalität nicht nur Hauptdarstellerin Keira Knightley verblüffen...

Keira Knightley über "Colette"

Darum geht's in "Colette"

Henry Gauthier-Villars, Künstlername "Willy" (Dominic West) lässt im Paris der 1890er-Jahre eine Reihe von Autoren als Ghostwriter für sich arbeiten. Auch seine junge Ehefrau Colette (Keira Knightley) greift für ihn zur Feder – und landet mit dem semi-autobiografischen Mädchenroman "Claudine" einen Hit.

Mit dem Erfolg findet Colette nicht nur den Mut, sich von ihrem notorisch fremdgehenden Ehemann zu emanzipieren und um ihre Urheberrechte zu kämpfen, sondern auch die Lust am sexuellen Experiment – mit Edelfrau Georgie Raoul-Duval (Eleanor Tomlinson) und Bildhauerin Mathilde de Morny, Künstlername "Missy" (Denise Gough).

Trailer zu "Colette"

GOKA-Wertung

Aus der biografischen Fülle der originalen "Colette" gelingt es dem US-Filmemacher Wash Westmoreland ("Still Alice"), ein stimmiges, mitreißendes und wunderbar bebildertes Porträt zu formen und damit wirkungsvoll aus der Masse der Biopics herauszustechen, die derzeit in die Kinos drängen.

Seine Magie verdankt "Colette" weniger der doch eher konventionellen Machart als den geschliffenen, oft überaus amüsanten Dialogen und seinen beiden Stars: Keira Knightley beweist in Höchstform, dass sie auch aus ihrer x-ten Korsettrolle neue Facetten kitzeln kann. Und auch Dominic West legt als despotischer Ehemann und Salonlöwe eine Glanzperformance hin.

Dass Westmoreland Colettes von Skandalen geprägte Vita entschärft hat: geschenkt. Gelingt es ihm doch mit seinem mitreißenden Künstlerinnenporträt zu zeigen, wie relevant die Arbeiten der Autorin ("Gigi", 1944) auch heute noch sind. Großes Kino!

"Colette": Keira Knightley im Interview

GOLDENE KAMERA: Diese Rolle scheint Ihnen auf den Leib geschrieben zu sein. Fühlen Sie sich so selbstbewusst wie "Colette"?

KEIRA KNIGHTLEY: Oh je! Selbstbewusstsein ist eine stetige Entwicklung im Leben. Was ich an Colette so liebe ist, dass sie nicht furchtlos, sondern mutig ist. Denn Mut bedeutet, dass man sich seinen Ängste stellt und sie überwindet.

Der Film spricht das Thema Geschlechtsidentität an und wie die Gesellschaft unsere Normen und Vorstellungen beeinflusst. Inwieweit haben Sie selbst diese Ketten gesprengt?

Ich sehe dieses Thema in all meinen Filmen wiedergespiegelt. In "Kick It Like Beckham" dreht es sich um das Tabu von Mädchen im Fußball. Und das "Fluch der Karibik"-Franchise zeigt, dass Frauen nicht die Jungfrau in Nöten sein müssen, sondern sich auch wehren können.

Colette galt als androgyn und hat sich gerne maskulin gekleidet, was damals illegal war. Ich selbst habe mich nie mit dem gesellschaftlich projizierten Bild der Frau identifizieren können und fühle auch heute nicht, dass ich der weiblichen Norm entspreche. Aber die wenigsten Menschen entsprechen diesen geschlechtlichen Archetypen – egal ob Mann oder Frau. Als kleines Mädchen dachte ich immer, dass die Welt für mich offen ist, denn auf dem Spielplatz gaben die Mädchen den Ton an. Aber als ich älter wurde sah ich, dass die Männer die Macht in ihren Händen halten.

Inwieweit haben Frauenbewegungen wie #MeToo oder #TimesUp die Situation für das weibliche Geschlecht verändert?

Ich finde es wunderbar, dass Frauen jetzt mehr zugehört wird. Vor diesen Bewegungen wurde die Stimme der Frau nicht beachtet oder sogar zum Schweigen gebracht. Aber Veränderung passiert nicht über Nacht. Es gibt noch viel zu tun und wir müssen einfach weiterhin unsere Stimmen erheben.

Würden Sie gerne als Mann wiedergeboren werden?

Fuck No! Nein, danke. Das wäre viel zu leicht. (lacht) Die Welt liegt dem weißen Mann zu Füßen. Das Leben ist viel interessanter, wenn man für seine Ideale kämpfen muss!

Interview: Anke Hofmann