Viggo Mortensen: "Wir brauchen Filme wie 'Green Book', die uns zum Nachdenken anregen"

In "Green Book - Eine besondere Freundschaft" glänzen Mahershala Ali und Viggo Mortensen als schwarzer Starpianist und sein weißer Chauffeur auf ihrem 60er-Jahre-Roadtrip durch den rassistischen Süden der USA. Im Interview verrät uns der "Herr der Ringe"-Star, warum die für 5 Oscars nominierte Dramedy für ihn ein ganz besonderer Film ist.

Eigentlich ist Peter Farrelly für deftige Comedy-Kost a la "Dumm und Dümmer" oder "Schwer verliebt" bekannt. Doch für die Biopic-Dramedy "Green Book – Eine besondere Freundschaft" (Kinostart: 31. Januar) hat der Regisseur und Co-Autor die ganz feine Humor-Klinge gezückt und ein bezauberndes Buddy-Movie geschaffen, das bei den diesjährigen Golden Globes bereits mit drei Trophäen ausgezeichnet wurde und mit fünf Nominierungen inklusive der "Bester Film"-Kategorie ins Oscar-Rennen geht.

Darum geht's in "Green Book – Eine besondere Freundschaft"

Mahershala Ali ("Moonlight") spielt den schwarzen Pianisten Dr. Don Shirley, der Anfang der 1960er Jahre in New York einen Fahrer sucht, der ihn auf einer Tournee durch den Süden der USA chauffiert. Der Job fällt dem italo-amerikanischen Nachtclub-Türsteher Tony Lip (Viggo Mortensen) zu, der seiner Frau Dolores (Linda Cardellini) verspricht, ihr während des achtwöchigen Trips regelmäßig zu schreiben.

Während der distinguierte Künstler und der rustikale Prolet anfangs wenig gemein haben, schweißt die rassistische Ausgrenzung, die Dr. Shirley auf ihrer Reise entgegenschlägt, beide zusammen. Und ihre unerwartete Freundschaft führt nicht nur dazu, dass Don zum lyrischen Ghostwriter für Tonys Liebesbriefe mutiert, sondern auch dass beide ihre von Vorurteilen und Selbstbetrug geprägten Weltansichten überdenken.

Trailer zu "Green Book - Eine besondere Freundschaft"

"Green Book": Hintergrund

Der Filmtitel "Green Book" nimmt Bezug auf den Reiseführer "The Negro Motorist Green Book", in dem von 1936 bis 1966 die Unterkünfte und Tankstellen im Süden der USA aufgelistet waren, in denen auch Farbige bedient wurden, und somit die Reiseroute für Dr. Shirley und Tony Lip vorschrieb.

Über die Innigkeit der Freundschaft zwischen dem Pianisten Donald Walbridge Shirley und seinem Fahrer Frank Anthony Vallelonga genannt Tony Lip, die beide 2013 verstarben, gibt es unterschiedliche Meinungen. Das Drehbuch stammt von Tonys Sohn Nick Vallelonga, der für "Green Book" Gespräche mit seinem Vater und dessen damaligen Briefe an seine Mutter verarbeitete. Tony Lip war ab den 1980er Jahren als Schauspieler aktiv und vor allem für seine Rolle des Mafia-Paten Carmine Lupertazzi in "Die Sopranos" bekannt.

"Green Book": die GOKA-Filmkritik

Regisseur Peter Farrelly und seinen grandiosen Hauptdarstellern Viggo Mortensen und Mahershala Ali gelingt das Kunststück, mit "Green Book – Eine besondere Freundschaft" nicht nur eine hoch vergnügliche Buddy-Komödie zu präsentieren. Das Trio zaubert gleichzeitig ein bis ins Mark treffendes Lehrstück über die Gegenpole Intoleranz und Freundschaft auf die Leinwand. Und damit erweist sich ihr fein ausbalanciertes Roadmovie, das als sozialkritische aber nie dogmatische US-Antwort auf "Ziemlich beste Freunde" durchgeht, als der perfekte Film zur (im Wortsinn) rechten Zeit.

"Green Book": Interview mit Viggo Mortensen

GOLDENE KAMERA: Wie haben Sie Ihren inneren "Tony Lip" gefunden?

VIGGO MORTENSEN: Ich war sehr nervös, in diese Rolle zu schlüpfen, vor allem weil ich keinen Tropfen italienisches Blut in mir habe. Ich wollte den Italo-Amerikaner nicht als Karikatur darstellen oder einfach nur imitieren, wie man es vom TV und Kino kennt. Ich wollte diesem Menschenschlag und natürlich dem originalen Tony Lip Respekt erweisen.

Originalclip aus "Green Book - Eine besondere Freundschaft"

Das Drehbuch war einfach zu gut und zu bewegend, um die Rolle abzulehnen. Es ist wichtiger denn je, dass wir Stoffe verfilmen, die auf wahren geschichtliche Begebenheiten basieren und uns zum Nachdenken über das Jetzt anregen – ohne uns dabei vorzuschreiben, was wir denken oder fühlen sollen. "Green Book" hat keine politischen Absichten. Der Film handelt einfach von der Begegnung zweier Männer und ihrer sich entwickelnden Freundschaft.

Viggo Mortensen und Mahershala Ali über "Green Book"

Zu Beginn des Films wird Tony Lip als unterschwelliger Rassist dargestellt. Hatten Sie Bedenken, diese Seite ihrer Figur zu zeigen?

Ich selbst nicht. Und Regisseur Peter Farrelly sowie die Drehbuchautoren um Tonys Sohn Nick Vallelonga auch nicht. Erstens, weil es wirklich wahr ist, dass Tony Lip einstmals rassistische Denkweisen hatte. Und zweitens, weil ohne diese Tatsache meine Figur keine interessante Entwicklung durchmachen würde.

Bei jedem Interview bringen Sie Ihren Mate-Tee mit und berichten über Ihren gesunden Lebensstil. Deswegen war es etwas schockierend, Sie im Film mit so viel Appetit paniertes Hähnchen und Hot Dogs verschlingen zu sehen!

(lacht) Und ich habe jeden Bissen genossen! Am Anfang hat das viele Essen viel Spaß gemacht. Nach einer Weile wurde es allerdings etwas lästig, andauernd Fast Food futtern zu müssen, um meine 20 Kilo Übergewicht für die Rolle zu behalten. Wenn ich montags zum Set kam, beschwerten sich die Kostümbildner, dass meine Hosen zu locker saßen, weil ich mich übers Wochenende zu gesund ernährt hatte. Also stopften sie mir sofort ein paar Donuts oder eine Pizza in den Mund. (lacht)

Originalclip aus "Green Book - Eine besondere Freundschaft"

Haben Sie diese Extra-Kilos also leicht wieder verloren?

Nein! (lacht) Abzunehmen war schwieriger und hat weniger Spaß gemacht als das Zunehmen! Nicht nur, weil mein Körper jetzt daran gewöhnt war, viel und reichlich zu essen, sondern auch, weil alles so lecker schmeckte. Und natürlich weil ich nicht mehr 20 bin und mein Stoffwechsel langsamer als früher ist. Zuerst verlor ich überhaupt kein Gewicht und hatte schon Angst, dass ich an meine extra Pfunden hängen bleiben würde. Aber jetzt habe ich fast schon wieder mein Normalgewicht erreicht.

Interview: Anke Hofmann