Matthew McConaughey: "Als Teenager habe ich mich oft geprügelt"

Im Biopic-Drama "White Boy Rick" spielt Matthew McConaughey den Vater von Richard Wershe Jr., der 1984 als FBI-Informant und Teenager-Drogenpate für Furore sorgte. Wie er selbst die 1980er erlebte, verrät uns der GOLDENE KAMERA-Preisträger im Interview.

Außergewöhnliche Geschichten aus den 1980er Jahren scheinen es Matthew McConaughey angetan zu haben. Nach seiner Oscar-prämierten Performance in "Dallas Buyers Club" reist der GOLDENE KAMERA 2014-Preisträger jetzt unter der Regie von Hollywood-Debütant Yann Demange im Biopic-Drama "White Boy Rick" (Kinostart: 7. März) erneut zurück in eine Dekade, an die McConaughey gute Erinnerungen hat...

Matthew McConaughey und Yann Demange über "White Boy Rick"

Darum geht's in "White Boy Rick"

Matthew McConaughey spielt Richard Wershe Sr., der sich im heruntergekommenen Detroit des Jahres 1984 mit halblegalem Waffenhandel über Wasser hält und auch seinen 15-jährigen Sohn Rick (Richie Merritt) dazu einspannt. Während Gangboss Johnny Curry (Jonathan Majors) und seine Brüder Gefallen an Rick finden, rückt dessen Vater FBI-Agentin Alex Snyder (Jennifer Jason Leigh) auf die Pelle rückt. Für die Straffreiheit von Wershe Sr. lässt sich Wershe Jr. als Informant anwerben und wird von den FBI-Agenten dazu ermuntert, auch ins Drogengeschäft einzusteigen – mit fatalen Folgen...

Trailer zu "White Boy Rick"

Hintergrund

"White Boy Rick" gibt es wirklich. Der am 18. Juli 1969 in Detroit geborene Richard Wershe Jr. wurde im Alter von 14 Jahren vom FBI als Informant angeworben. Da er aber nach Ende seiner Undercover-Tätigkeit weiter mit Kokain handelte, wurde er 1987 zu lebenslanger Haft verurteilt.

2017 wurde er auf Bewährung entlassen, wanderte aber wegen des Verdachts auf Anstiftung zur Hehlerei wieder ins Gefängnis. Seine zweite Haftentlassung ist für den 25. Dezember 2020 angekündigt.

Matthew McConaughey im Interview

GOLDENE KAMERA: Ich nehme an, dass sich Ihre Erziehungsmethoden von denen Ihrer Figur in "White Boy Rick" sehr unterscheiden?

MATTHEW MCCONAUGHEY: (lacht) Richtig, ich lasse meine Tochter nicht einfach unbekleidet aus dem Haus stürmen. Oder lasse mich mit meinen Sohn auf krumme Geschäfte ein. Allerdings bin ich in ganz anderen Verhältnissen als Rick Wershe Sr. aufgewachsen. Obwohl ich seine Methoden nicht billige, kann ich sie verstehen. Er will – wie viele Väter, die ich kenne – der beste Freund seiner Kinder sein, und das ist für Eltern nicht unbedingt das richtige Rezept. Andererseits ist er alleinerziehend und gibt sich wirklich Mühe. Sein Herz sitzt am rechten Fleck.

Richie Merritt spielt Ihren Filmsohn und seine erste Rolle überhaupt. Erinnern Sie sich noch an Ihr "erstes Mal"? Standen Sie Richie mit Rat und Tat zur Seite?

Das war in der Tat ein Rollentausch für mich. Am Set von "Confusion – Sommer der Ausgeflippten" (1993) war ich der Schauspielanfänger mit drei Sätzen. Und erfahrenere Kollegen wie Ben Affleck oder Parker Posey flüsterten mir mitten in der Szene meinen Dialog zu. (lacht) Aber aus drei Sätzen wurden drei Wochen Dreharbeiten und ich habe von Anfang an gelernt, dass man am Set erst durch Kollaboration richtig arbeitet.

Richie wurde von einem Film-Scout im Büro des Schuldirektors entdeckt. Er stand noch nie vor der Kamera und hatte auch nicht das geringste Interesse daran. Er wusste nicht einmal, wer ich bin! (lacht)

Er ist in den Straßen von Baltimore aufgewachsen und während des Drehs waren wir uns nie hundertprozentig sicher, ob er am nächsten Tag wieder zum Set kommen oder den nächsten Bus nach Hause nehmen würde. Er war unberechenbar, was perfekt zur Rolle passte. Aber er ist auch ein Familienmensch – genau wie ich. Und das hat uns zusammen geschweißt.

Wie waren Sie als Teenager?

Ich gehörte zur populären Clique, weil ich ein recht guter Sportler war. Aber ich war auch mit Außenseiter wie Betty Rice befreundet, dem ersten Mädchen in Longview, Texas, das einen Nasenring hatte und ganz in schwarzem Grufti-Look rumlief. Ich habe mich damals oft geprügelt, weil ich mich für die Nerds und Underdogs einsetzte. Aber ich hatte auch viel Spaß. Ich fuhr einen Pick-Up – auf den die Mädels standen. (lacht)

Haben Sie zur Vorbereitung mit dem originalen Rick Jr. sprechen können?

Ich habe ziemlich viel Zeit mit Rick verbracht. Am meisten hat mich überrascht, dass er sich nicht als Opfer sieht. In meiner Karriere habe ich für meine Rollen viele Häftlinge kennen gelernt und 99 Prozent von ihnen beschwören ihre Unschuld. Aber Rick gibt ganz offen zu: "Ich war kein Engel. Ich habe verbrochen, wofür man mich beschuldigt. Aber nicht in dem Ausmaß, wie die Staatsanwaltschaft es ausgemalt hat. Die Mathematik stimmt einfach nicht. Ich sitze jetzt seit über 30 Jahren im Gefängnis und diese hohe Strafe habe ich nicht verdient."

Rick Jr. soll ja nun am 25. Dezember 2020 entlassen werden...

Wenn der Tag kommt, würde ich gerne am Gefängnistor stehen und ihn mit in Empfang nehmen.

Interview: Anke Hofmann