"Destroyer": Nicole Kidman will Rache

Eine traumatisierte Polizistin jagt den Gangster, der ihr Leben zerstörte. So war GOLDENE KAMERA-Preisträgerin Nicole Kidman noch nie zu sehen!

Sie ist nur ein Schatten ihrer selbst: Erste Bilder von Nicole Kidman im "Destroyer"-Look sorgten schon lange vor dem Kinostart (in Deutschland am 14. März) für Aufsehen. Die GOLDENE KAMERA-Preisträgerin 2017 hat schon alles gespielt – aber diese krasse Verwandlung lässt sich höchstens mit der von Charlize Theron in "Monster" (2003) vergleichen. Und das menschliche Wrack, das Kidman hier verkörpert, als Antiheldin zu bezeichnen, wäre noch freundlich.

Darum geht's in "Destroyer"

Die Kollegen vom LAPD rümpfen bloß die Nase, als Detective Erin Bell (Kidman) zum Dienst auftaucht. Sie ist noch nicht wieder nüchtern und hat die Nacht offenbar im Auto verbracht. Ein Wunder, dass sie nicht längst gefeuert wurde. Keiner ahnt, dass Erin auf eigene Faust ermittelt. Vor 18 Jahren brach ihr Leben auseinander. Jetzt ist der Kerl, den Erin dafür verantwortlich macht, wieder aufgetaucht. Und diesmal wird sie ihn zur Strecke bringen, um jeden Preis.

Rückblenden enthüllen nach und nach, was damals passiert ist: Die junge Undercover-Polizistin Erin und ihr attraktiver Partner Chris (Sebastian Stan, bekannt als Marvels Winter Soldier) schleusen sich in die Gang des charismatischen Silas (Toby Kebbell) ein. Sein Metier: Banküberfälle und Drogengeschäfte. Erin und Chris geben das Aussteigerpaar – und verlieben sich.

Trailer zum Thriller-Drama "Destroyer"

Was ist so entsetzlich schiefgelaufen, dass die verzweifelte Erin zum Zombie mutierte? Gegenwart und Vergangenheit fließen ineinander – um am Ende mit einem verblüffenden Kniff aufzuwarten.

Filmkritik

Regisseurin Karyn Kusama wurde für ihr Debüt "Girlfight" (2000) gefeiert und fiel mit dem Scifi-Murks "Æon Flux" (2005) in Ungnade.

Dieser kompromisslose Mix aus Thriller und Charakterstudie greift: ein grimmiger Film noir in grellem Sonnenlicht, das aber keine Wärme ausstrahlt. Erins radikaler Alleingang ist nicht nur ein atemberaubender Kraftakt von Oscar-Preisträgerin Nicole Kidman ("The Hours"), sondern führt auch in die schäbigen Ecken von Los Angeles. So traurig wie in diesem abgründigen Schuld-und-Sühne-Trip hat man die Stadt der Engel noch nicht gesehen.

Nicole Kidman im Interview

GOLDENE KAMERA: In "Destroyer" sind Sie fast nicht wiederzuerkennen. Wie fordernd war diese Rolle für Sie?

NICOLE KIDMAN: Erin Bell war eine schwere Rolle, denn sie ist völlig anders als ich. Ich bin nicht nur in fast jeder Szene zu sehen, sondern auch in Nahaufnahme. Mein Gesicht füllt den ganzen Bildschirm. Es gab also keinen Spielraum zum Verstecken oder Fälschen. Meine Gefühle mussten von tief innen kommen und ehrlich sein. Natürlich ist damit ein Film wie "Destroyer" ein Traum für jeden Schauspieler und ich war sofort dazu bereit, mich dieser Figur völlig hinzugeben. Außerdem bekomme ich nur sehr selten Actionrollen angeboten und wenn dann auch noch eine Frau Regie führt, konnte ich einfach nicht Nein sagen.

Konnten Sie Erin wieder abschütteln, wenn Sie abends nach dem Dreh nach Hause zu Ihrer Familie gingen?

Nein, aber zum Glück habe ich einen sehr verständnisvollen Ehemann, der den artistischen Prozess versteht und mir viel Freiraum gibt. Meine Kinder waren allerdings geschockt, ihre Mutter so aufgelöst zu sehen. Aber was sie am meisten erschreckt hat war mein Look. (lacht) Andererseits sind sie jetzt 8 und 10 Jahre alt und verstehen, was es bedeutet, eine Schauspielerin als Mutter zu haben. Sie sind es inzwischen gewohnt, dass ich mich für jede Rolle verändere. Aber mit "Destroyer" habe ich die gesamte Familie fast an ihre Grenzen gebracht.

Wie haben Sie sich selbst gefühlt, wenn Ihnen Erin aus dem Spiegel entgegen schaute?

Zum Glück hat sich Erin nie im Spiegel betrachtet, also habe ich das auch nicht getan. (lacht) Und wenn ich doch einmal einen Blick von mir in Kostüm und Maske erhaschte, habe ich mich nicht wiedererkannt.

Erin ist Undercover-Polizistin. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Ich habe einen Monat lang mit Soldaten trainiert, die mich wirklich nicht mit Samthandschuhen angefasst haben. Als ich zum ersten Mal das Sturmgewehr AR-15 abfeuerte, habe ich vor Schock laut geschrien. Diese Waffe ist wirklich heftig! Aber sie haben mich so trainiert, dass es wenigstens vor der Kamera so erscheint, als ob der Gebrauch dieser Waffe für mich das Natürlichste der Welt ist.

Wie tough sind Sie selbst?

In Erin steckt eine Ur-Kraft, die hoffentlich auch bei mir zum Vorschein kommen würde, wenn einer meiner Liebsten oder generell ein anderer Mensch in Gefahr wäre! Ich glaube, dass ich stärker bin als ich es von mir annehme. Meine körperliche Stärke kann sich vielleicht weniger sehen lassen, aber emotional bin ich sehr belastbar, vielleicht sogar unverwüstlich. Ich habe mich schon oft selbst überrascht.

Interview: Anke Hofmann