"Willkommen in Marwen": Steve Carell in Miniaturformat

Für die Biopic-Tragikomödie "Willkommen in Marwen" von Kultregisseur Robert Zemeckis ("Forrest Gump") schlüpft Steve Carell in die Rolle des traumatisierten Fotokünstlers Mark Hogancamp und seines Puppen-Alter-Egos. Wir trafen den Golden Globe-Gewinner zum Gespräch.

Mit tragischen Helden wie in "Jungfrau (40), männlich, sucht..." oder "Dan – Mitten im Leben!" hat sich Steve Carell einen Namen in Hollywood erspielt. In der Biopic-Tragikomödie "Willkommen in Marwen" (Kinostart: 28. März) von "Forrest Gump"-Regisseur Robert Zemeckis darf der US-Comedian seine Paraderolle jetzt gleich doppelt ausleben...

Steve Carell über "Willkommen in Marwen"

Darum geht's in "Willkommen in Marwen"

Als der Illustrator Mark Hogancamp (Steve Carell) in einer Bar erzählt, dass er gerne High Heels trägt, wird er von fünf Neonazis ins Koma geprügelt. Wiedererwacht aber ohne Erinnerung an seine eigene Vergangenheit kämpft sich Mark zurück ins Leben und flüchtet sich in seine selbst erschaffene Traumwelt "Marwen", in der es sein Alter Ego Cap'n Hogie und diverse Frauen aus seiner Umgebung in Puppengestalt mit den Weltkriegs-Reinkarnationen seiner Angreifer aufnehmen.

Beim jüngsten Zugang unter den Nazijäger-Dolls handelt es sich um Marks neue Nachbarin Nicol (Leslie Mann), in die sich der verschrobene Fotokünstler verliebt. Doch als Nicol im realen Leben Marks Liebesbekundung zurückweist und nicht nur der Tag seiner ersten Ausstellung, sondern auch die Konfrontation mit seinen Peinigern vor Gericht näherrückt, fällt es ihm immer schwerer, zwischen Realität und Phantasiewelt zu unterscheiden...

Trailer zu "Willkommen in Marwen"

Hintergrund: Miniatur-Künstler Mark Hogancamp

Die reale Attacke auf den Mark Hogancamp ereignete sich am 8. April 2000. Nach neun Tagen im Koma und 40 Tagen im Krankenhaus begann Hogancamp, sein Trauma zu verarbeiten, indem er in seinem Hintergarten die Miniaturwelt eines belgischen Dorfes zur Zeit des Zweiten Weltkriegs nachbaute und "Marwencol" – benannt nach Mark, Wendy und Colleen – mit Puppenversionen seiner Freunde und Peiniger bevölkerte.

Durch einen Bericht im Kunstmagazin "Esopus" im Jahr 2005 wurde der Dokumentarfilmer Jeff Malmberg auf Hogancamp und seine Installationen aufmerksam, der den angehenden Fotokünstler auf dem Weg zu seiner ersten Ausstellung begleitete und 2010 den Film "Marwencol" vorlegte...

Originaltrailer zur Dokumentation "Marwencol" (2010)

Wie der Dokumentarfilm für Regisseur Robert Zemeckis und Steve Carell zur Inspiration für "Willkommen in Marwen" wurde, verrät uns Mark Hogancamps Hollywood-Double im Interview...

Steve Carell im Interview

GOLDENE KAMERA: Was war bei Ihrer Darstellung von Mark Hogancamp und dessen Lebensgeschichte Ihr größtes Anliegen?

STEVE CARELL: Wir wollten Marks Geschichte gerecht werden und ihn so akkurat wie möglich darstellen. Das war unser größtes Anliegen. Ich hatte die Dokumentation "Marwencol" gesehen und war von Marks Geschichte zutiefst bewegt. Ich habe sofort herumgefragt, wer die Filmrechte daran hatte. Wie sich herausstellte, war das Robert Zemeckis. Also habe ich ihn kontaktiert und mich als Schauspieler zur Verfügung gestellt.

Das war das erste Mal, dass ich für eine Rolle meinen Hut in den Ring geworfen habe! Aber Marks Geschichte war so außerordentlich und mir so wichtig, dass ich irgendwie involviert sein musste. Wenn ich die Rolle nicht bekommen hätte, hätte ich mich als Produzent angeboten.

Wie war Ihre Begegnung mit dem wahren Mark?

Er ist ein fantastischer Mensch! Er war genau wie ich ihn mir vorgestellt hatte – und noch mehr: liebenswürdig, warmherzig, lustig, selbstironisch und unheimlich bescheiden. Er besitzt keinerlei Interesse an Ruhm oder Rampenlicht. Seine Kunst bedeutet für ihn Heilung. Als sich seine Krankenversicherung weigerte, ihm die Behandlung zu zahlen, wurde seine Kunstinstallation im Hinterhof zum Zufluchtsort, um mit seinen körperlichen und emotionalen Schmerzen fertig zu werden.

In "Willkommen in Marwen" spielen Sie zwei Rollen: Mark Hogancamp und sein Alter Ego Captain Hogie, den Sie im Blue-Screen-Verfahren dargestellt haben. Was hat Ihnen mehr Spaß gemacht?

Ich hatte noch nie mit Blue Screen und Performance Capture gearbeitet. Bob Zemeckis gab mir also einen Tipp: Es ist wie das Spielen in einem Theaterstück mit extrem niedrigem Budget: Es gibt keine Requisiten. Es gibt keine Kulissen. Es gibt keine Kostüme. Alle tragen einen grauen Jogginganzug und den Rest muss man sich vorstellen. Obwohl das eine völlig neue Herausforderung für mich war, habe ich mich als Schauspieler unheimlich frei gefühlt. Und da alle Schauspieler in diesen unmöglichen grauen Anzügen rumliefen, war geteiltes Leid nur halbes Leid. (lacht)