Die Last der Verantwortung: "Atlas" mit Rainer Bock

In seiner ersten Filmhauptrolle glänzt Theatermime Rainer Bock als in die Jahre gekommener Möbelpacker, der seinem von der Miet-Mafia bedrohten Sohn beisteht – gespielt von GOLDENE KAMERA-Preisträger Albrecht Schuch.

Dass im gefeierten Theatermimen Rainer Bock auch ein herausragender Film- und Serienschauspieler von internationalem Niveau steckt, dürfte spätestens seit seiner Gastrolle als deutscher Bauingenieur Werner Ziegler in der 4. "Better Call Saul"-Staffel bekannt sein. Eine Hauptrolle blieb dem gebürtigen Kieler aber rätselhafter Weise verwehrt – bis jetzt.

Im Charakterdrama "Atlas" (Kinostart: 25. April) darf der 64-Jährige endlich unter Beweis stellen, dass er mit schauspielerischer Leichtigkeit die Last eines ganzen Films auf den Schultern tragen kann – genau wie der titelgebende Titan der griechischen Mythologie die Last der Welt.

Darum geht's in "Atlas"

Der ehemalige Gewichtheber Walter Scholl (Rainer Bock) arbeitet als Möbelpacker für die Firma von Roland Grone (Uwe Preuss), der sich auf Zwangsräumungen spezialisiert hat. Als Walter bei einem Einsatz mit Gerichtsvollzieher Alfred Hoppe (Thorsten Merten) im erfolgreich Widerstand leistenden Wohnungsinhaber Jan Haller (Albrecht Schuch) seinen Sohn wiedererkennen zu glaubt, zu dem er im Kindesalter den Kontakt abgebrochen hat, beschließt er, Jan und seiner Familie zu helfen. Hinter Grones Firma steckt nämlich der kriminelle Afsari-Clan, der in Frankfurt mit der Luxussanierung geräumter Altbauwohnungen das große Geld macht und in Gestalt des skrupellosen Moussa (Roman Kanonik) keine Gefangenen macht...

Trailer zum Charakterdrama "Atlas"

Filmkritik

Indem Regisseur und Drehbuchautor David Nawrath sein Spielfilmdebüt "Atlas" als nahezu dialogfreie Milieustudie beginnt und mit dem wortkargen Einzelgänger Walter dem "kleinen Mann" ein filmisches Denkmal setzt, bereitet er seinem Protagonisten ausreichend Raum zur schauspielerischen Entfaltung.

Rainer Bock dankt es ihm, indem er sein stoisch-hypnotisches Mienenspiel, unter dessen vermeintlicher Maskenhaftigkeit noch die kleinste emotionale Nuance durchschimmert, um eine ungeahnte Körperlichkeit ergänzt. Seinem breitschultrig durchs triste Leben stapfenden Walter wohnt eine verborgene Gewalttätigkeit inne, die sich jederzeit entladen könnte und es in höchster Not auch tut.

Als typologischer Gegenpol überzeugt der frischgebackene GOLDENE KAMERA-Preisträger Albrecht Schuch als Walters ahnungsloser Sohn Jan, dessen unbedarft-impulsive Kämpfernatur diesem mit Thriller-Elementen angereicherten Vater-Sohn-Drama zusätzliche Spannung verleiht. Allein die im Vergleich schlichte Zeichnung des Filmschurken Moussa mindert die Faszination dieser kleinen aber sehr feinen Filmallegorie über Schuld, Sühne und die schwere Last der selbstauferlegten Verantwortung.