Durch ganz dick und hauchdünn: "Das schönste Paar"

Im etwas anderene Vergewaltigungsdrama von Sven Taddicken gehen Maximilian Brückner und Luise Heyer als Filmehepaar durch verschiedene Phasen einer emotionalen Hölle. Wir trafen den Hauptdarsteller am Rande des Toronto Film Festivals zum Gespräch.

Eine der Überraschungen beim letztjährigen Toronto International Film Festival kam aus deutschen Landen. Denn bei Sven Taddickens Vergewaltigungsdrama "Das schönste Paar" (Kinostart: 2. Mai) mit Maximilian Brückner, Luise Heyer und Newcomer Leonard Kunz handelt es sich nicht um eine simple Rache-Geschichte, sondern um ein fein gesponnenes Psychogramm zweier Eheleute, die vom Schicksal doppelt geprüft werden...

Darum geht's in "Das schönste Paar"

Malte (Maximilian Brückner) und Liv (Luise Heyer) genießen ihre Sommerferien auf Mallorca in vollen Zügen – bis eines Abends drei deutsche Jugendliche das Lehrer-Ehepaar überfallen und Liv vor Maltes Augen von Sascha (Leonard Kunz) vergewaltig wird. Zwei Jahre später hat sich das traumatisierte Paar zurück ins Leben gekämpft und das Erlebte scheinbar hinter sich gelassen. Doch als Malte zufällig ihrem damaligen Peiniger begegnet und sich im Alleingang an seine Fersen heftet, beginnt nicht nur bei ihm die Fassade der verheilten Welt zu bröckeln...

Trailer zu "Das schönste Paar"

"Das schönste Paar": Filmkritik

Bereits in seinem Beziehungsdrama "Gleißendes Glück" mit Ulrich Tukur und Martina Gedeck hatte Regisseur Sven Taddicken das seelische Zerstörungpotential von Gewalt thematisiert und dabei auf klischeehafte Wendungen verzichtet. Auch bei "Das schönste Paar" lässt der Autorenfilmer die einfachen Strickmuster des "Rape & Revenge"-Genres links liegen und konzentriert sich bei seinem thrillerhaft eskalierenden Plot lieber auf die Psychen seiner traumatisierten Hauptfiguren.

Maximilian Brückner ("Schwarzach 23") und Luise Heyer, die für ihre Leistung hochverdient für den deutschen Filmpreis nominiert wurde, nutzen dieses dramaturgische Geschenk und laufen zu schauspielerischer Höchstform auf. Dank ihrer so feinfühligen wie Intensiven Darstellung erlebt auch der Zuschauer, wie individuell unterschiedlich die Verarbeitung eines erlittenen Ohnmachtsgefühls ablaufen kann und was es angesichts unauslöschbarer Schuld und Scham wirklich bedeutet, gemeinsam durch dick und dünn zu gehen. Liebesfilme können eben auch ganz anders aussehen!

Maximilian Brückner im Interview

Wie intensiv die Dreharbeiten zu "Das schönste Paar" waren, verriet uns Hauptdarsteller Maximilian Brückner am Rande der Weltpremiere in Toronto...

Maximilian Brückner über "Das schönste Paar"

GOLDENE KAMERA: Wie haben Sie Ihre Rolle als Opfer recherchiert?

MAXIMILIAN BRÜCKNER: In der ersten Szene werden eigentlich beide vergewaltigt. Die Frau natürlich buchstäblich, aber auch der Mann. Ich glaube sogar, dass der Unterschied marginal ist, denn ihm wurden – wenn ich das mal lapidar formulieren darf – die Eier abgeschnitten. Im ganzen Film stellt er sich die Frage: Was bedeutet es, ein Mann zu sein? Heißt es Beschützer sein? Meine Figur sucht nach dieser Antwort, denn er kann seiner Frau nicht mehr in die Augen sehen. Er fühlt sich als Versager.

Wir wehren uns zwar immer gegen die Stereotypen von Mann und Frau, aber wir leben sie alle. Sie stecken ganz tief in uns drin. Eine Frau ist natürlich ein ganz anderer Mensch als ein Mann. Sie denken auch anders. Und ein Mann geht völlig anders an diese Fragen heran als eine Frau. Und ich fand es toll, wie Regisseur Sven Taddicken ganz behutsam diese beiden Seiten gezeigt hat.

Wie hart war diese Vergewaltigungsszene für Sie?

Die Szenen in Mallorca waren unsere ersten Drehtage. Das war einerseits krass, weil wir sofort in medias res gesprungen sind. Aber andererseits auch gut, weil man dadurch von Anfang ein Gefühl für die Handlung hatte.

Wie dreht man so eine intime Szene?

So blöd sich das jetzt anhört: Diese Szenen sind ein Geschenk. Für mich als Schauspieler ist es toll, auch mal meine Grenzen überschreiten zu können. Ich lag zwei Tage nackt auf dem Boden. Privat habe ich natürlich kein Bedürfnis, das zu tun. (lacht) Aber für einen Schauspieler ist es eine wahnsinnige Herausforderung. Und wer liebt keine Herausforderung?

Was kann eine Beziehung nach so einem Trauma heilen oder retten? Liebe oder Selbstjustiz?

Der Prozess bringt die Heilung. Die Auseinandersetzung liefert die Chance für einen Neuanfang. Wegschieben hilft nicht. Natürlich kann man zum Doktor oder Therapeuten gehen, aber den Täter wieder zu sehen war wie eine Katharsis. Und jeder Schritt, jeder Kampf, jeder Streit, den sie miteinander haben, das war für mich noch mehr Liebe. Das Streiten und Sich-gegenseitig-weh-tun sind ja auch Zeichen der Liebe. Ich habe auch in meinem Leben erkannt, dass ich nicht durch die Erfolge weitergekommen bin, sondern durch die Niederlagen. Entweder brechen sie Dich, dann ist das leider so. Aber wenn Du es überstehst, dann kommst du auf der Lebenstreppe einen Schritt weiter.

Warum ist dieses Paar "das schönste"?

Das Paar ist nicht wunderschön, weil sie miteinander schlafen. Auch seine Hässlichkeit ist wahnsinnig schön. Das Streiten, das miteinander Kämpfen, das gehört alles dazu. Das wichtigste ist, dass man die Kommunikation nicht verliert. Das ist es, was eine Beziehung ausmacht. Eine Beziehung ist immer Arbeit.

Was bedeutet es für Sie, ein Mann zu sein?

Ich glaube, das sind Urinstinkte. Da kann ich gar nichts dafür. Mann und Frau werden ja als das starke und das schwache Geschlecht bezeichnet, aber das stimmt nicht. Ich bin wie Gabriel García Márquez der Meinung, dass Frauen die Welt zusammen halten und die Männer sie meistens zerbröseln. (lacht) Natürlich habe auch ich diesen Beschützerinstinkt, vor allem seit ich Vater geworden bin. Ich würde alles für meine Familie tun. Und wenn ich dann versage – auch wenn ich nichts dafür kann – ist es schwer damit umzugehen. Weil man vor lauter Selbstmitleid vergisst, sich in den anderen hineinzudenken, und lieber Scheuklappen aufsetzt.

Interview: Anke Hofmann