"Rocketman": Bunte Musical-Fantasie über Popstar Elton John

Alles über den Elton-John-Kinohit "Rocketman" (Kinostart: 30. Mai 2019) mit Taron Egerton.

Elton John reihert sich die Seele aus dem Leib vor Angst. Dann geht er auf die Bühne, setzt sich hinters Klavier und spielt "Your Song". Obwohl das Lied erst in acht Monaten als Single herauskommt, dreht das Publikum im Club Troubadour in L.A. völlig durch – der Beginn einer Weltkarriere.

Trailer zu "Rocketman"

"Er war ein Megastar vor Ende des ersten Konzerts in Amerika", lautete eine Kritik nach diesem Auftritt vom 25. August 1970. Dexter Fletcher, der bereits an "Bohemian Rhapsody" mitwirkte, drehte jetzt einen Film über die frühen Jahre des dicklichen und linkischen Elton John (GOLDENE KAMERA 2003), der 1947 als Reginald Dwight geboren wurde.

Frühe Karriere von Elton John

In den legendären Abbey Road Studios in London erklären Fletcher und Hauptdarsteller Taron Egerton GOLDENE KAMERA, was die Fans zu erwarten haben. "Es ist kein Biopic, sondern eine Musical-Fantasie, basierend auf Eltons Leben", so Fletcher. "Es geht um die frühe Phase seiner Karriere und den Preis, den er dafür zahlte."

Elton John war 15 Jahre lang kokainabhängig, verkaufte nach seinem Coming-out 1976 deutlich weniger Platten und hat zumindest einmal versucht, sich mit 60 Valium umzubringen. Der Popstar, der bei vielen allein durch seine verrückten Brillen und Kostüme für Aufmerksamkeit sorgte, hatte ernste Probleme: "Ich bin zwanghaft und impulsiv. Ich kann nicht nur einen Drink nehmen, nur eine Droge, nur eine Brille oder ein Auto kaufen", sagte er einmal. Und so heißt der Film "Rocketman" nach dem Lied von 1972.

Dass der Song eine Drogenfantasie ist, begriffen viele erst, als William Shatner in seiner Version die Zeile "And I’m gonna be high as a kite" mehr sprach als sang und auf seine Zigarette starrte. "Elton produziert den Film und zeigt sich so in der Zeit seiner größten Verwundbarkeit – das ist mutig, denn es wird richtig hässlich", verrät Taron Egerton, der schon im Animationsspaß "Sing" (2016) "I’m Still Standing" sang. "Die Szene, in der er sich nicht aus dem Klo des Troubadour heraustraut, war die erste, die wir drehten", so Egerton. "Der Druck war massiv, und ich muss gestehen: Ich hatte wie Elton damals ein paar Ausraster." Warum sich Elton John nicht scheute, sein Leben mit allen Auf und Abs zu verfilmen, verrät uns der Star im Interview.

Elton John im Interview

Wie war es, Taron Egerton als Sie selbst auf der Leinwand zu sehen?

Elton John: Es ist grundsätzlich ein bisschen seltsam, sich selbst in einem Film zu sehen – wenn man noch am Leben ist! In den meisten Filmbiografien dreht es sich um tote Menschen. Aber Taron war so fantastisch, ich hatte nicht den Eindruck, dass ich zwei Stunden lang einem Schauspieler zuschaute, der mich darstellte, sondern ich sah mich selbst in "Rocketman". Das ist wohl das größte Kompliment, das ich ihm machen könnte.

Haben Sie während der Sexszene weggeschaut?

Elton John: (lacht) Ich habe mich sehr dafür eingesetzt, dass dieser Moment meines Lebens im Film gezeigt wird. Es war das erste Mal, dass ich Sex hatte. Ich hatte mir sehnlichst Liebe gewünscht, eine körperliche Beziehung. John Reid und ich haben wirklich unsere Kleider vom Leib gerissen. Als homosexueller Mann wollte ich diese Szene nicht unter den Teppich kehren oder wegretuschieren. Dieser Moment ist wer ich bin. Und es war ein schöner Moment. Als er nach dem Sex in meinen Armen lag, lächelte ich und dachte: "Ich bin normal. Ich hatte Sex." (lacht) Ich war 23 Jahre alt. Mein Vater predigte mir immer, dass masturbieren mich blind machen würde. Und dann brauchte ich mit 13 eine Brille. Ich dachte: "Oh Gott! Es stimmt!" (lacht)

Sie scheuen nicht davor, in "Rocketman" auch die dunklen Seiten Ihres Lebens zu zeigen: Drogen, Alkohol. Warum?

Elton John: Ich wollte, dass ein Film über mein Leben ehrlich ist. Man kann nicht nur die tollen Seiten zeigen. Der Film ist eine Fantasie, aber die Handlung ist wahr. (Ehemann) David (Furnish) hat vor Jahren eine Dokumentation über mich gemacht und ihr den Titel "Tantrums and Tiaras" gegeben, was perfekt mein Leben beschreibt. Ich konnte mit meinem fantastischen Erfolg nicht umgehen und bin durch dunkle Zeiten gegangen. Gerne blicke ich auf diese Phase nicht zurück, aber ich danke Gott, dass ich sie überlebt habe. Meine Musik hat mich gerettet, denn trotz all der Drogen und trotz meines schlechten Zustands habe ich immer weiter gearbeitet, habe Schallplatten aufgenommen und bin auf Tournee gegangen. Wenn ich aufgehört hätte, wäre ich wahrscheinlich nicht mehr am Leben.

Stimmt es wirklich, dass Sie einen Song so schnell komponieren können?

Elton John: Bernie (Taupin) und ich haben ein gemeinsames Talent: Er schreibt die Lyrik und ich die Melodie. Und das alles geht sehr schnell. Ich habe "Your Song" in weniger als 30 Minuten geschrieben. Wenn es länger dauert, lege ich den Text weg und versuche es ein anderes Mal. Ich kann nicht erklären, woher diese Gabe kommt. Ich lege einfach meine Hände auf die Tastatur, und dann passiert es einfach. Aber ich prahle nicht über mein Talent, und ich bringe nie Elton John nach Hause. Der bleibt auf der Bühne! Es gab eine Periode in meinem Leben, in der ich meine Goldenen Schallplatten und andere Symbole meines Erfolgs in meinem Haus ausstellte. Aber all diese Dinge werden jetzt in einer Lagerei aufbewahrt.

Bringen Sie Ihren Kinder das Klavierspielen bei?

Elton John: Zum Glück haben meine Kinder eine Begabung für Musik. Sie spielen Klavier, weil sie es wollen, nicht weil ich sie zwinge. Aber ich glaube nicht, dass sie zu einem Elton John werden (lacht).

Interview: Anke Hofmann