Nirgendwo in Europa: "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl"

Arthur Kemper (Oliver Masucci) muss zusammen mit seiner Frau Dorothea (Carla Juri), Tochter Anna (Riva Krymalowski) und Sohn Max (Marinus Hohmann) vor den Nazis flüchten.
Arthur Kemper (Oliver Masucci) muss zusammen mit seiner Frau Dorothea (Carla Juri), Tochter Anna (Riva Krymalowski) und Sohn Max (Marinus Hohmann) vor den Nazis flüchten.
Foto: Warner Bros.
Caroline Link hat Judith Kerrs berühmtes Kinderbuch ergreifend verfilmt. Mit Bildern, die sich einbrennen – und traurig aktuell wirken.

Den Plüschhund oder das rosa Kaninchen? Das kleine Mädchen darf nur einen Koffer packen und ein Spielzeug mitnehmen. Die Entscheidung fällt schwer, bis sie sich für den Hund entscheidet. Ist ja nicht für lange, glaubt sie anfangs noch. Aber Anna reist mit ihren Eltern und dem großen Bruder nicht in Urlaub, sondern ins Exil. (ab 25. Dezember 2019 im Kino)

Und aller Besitz der Familie, der zurückbleibt, wird bald von den Nationalsozialisten konfisziert. Einschließlich das Plüschtier. Auf das rosa Tier brennt sich das ganze Verständnis der Neunjährigen, es wird zum Sinnbild für Heimat und Wurzeln, die verloren gehen, und für die Kindheit, die für das Mädchen jäh und vorschnell endet.

Trailer: "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl"

Das Trauma des Exils aus den naiven Augen eines Kindes

Schon Judith Kerr hat es in ihrem gefeierten Kinderbuch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ meisterhaft verstanden, das Grauen der Nazi-Zeit und der Vertreibung für Kinder verständlich zu vermitteln. Ein Kunstgriff natürlich, die Welt, die aus den Fugen gerät, aus den naiven Augen eines unschuldigen Kindes zu erzählen.

Aber eben nicht nur. Weil es Kerrs eigene Geschichte war. Die Autorin war selbst neun Jahre alt, als ihr Vater, der berühmte und gefürchtete Theaterkritiker und Autor Alfred Kerr, 1933 vor den Nazis fliehen musste.

Lauter Filme über kindliche Traumata

Nun wurde das Buch, das 1974 den Jugendliteraturpreis erhielt, zum Schulstoff wurde und mit dem ganze Generationen aufgewachsen sind, von Caroline Link verfilmt. Und wer sonst hätte das tun können? Immer wieder erzählt die Regisseurin in ihren Filmen eine schwierige Kindheit aus dem Blickwinkel der Betroffenen, immer wieder geht es dabei um großen Verlust und eine erzwungene Selbstfindung: ob in „Jenseits der Stille“ oder zuletzt die Hape-Kerkeling-Adaption „Der Junge muss an die frische Luft“.

Beim Thema Exil und Vertreibung muss man natürlich an Links größten Erfolg denken: „Nirgendwo in Afrika“, für den sie 2003 den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film gewann. Das zweite Mal überhaupt, das der Preis an Deutschland ging, das zweite Mal auch, dass er an eine Frau ging.

„Nirgendwo in Afrika“ basierte auf dem autobiografischen Roman von Stefanie Zweig, deren Flucht vor den Nazis sie bis nach Kenia führte. Das „Rosa Kaninchen“ sieht sich wie ein Vexierspiel dazu an, fast könnte man meinen, wie eine Fortsetzung. Quasi „Nirgendwo in Europa“.

Es gibt indes einen fundamentalen Unterschied: Als der Afrika-Film 2001 in die Kinos kam, schien das ein historischer Stoff. Jetzt, da „Das rote Kaninchen“ startet, ist in Deutschland wieder ein starker Rechtsruck zu verzeichnen, nehmen Ausgrenzung und Antisemitismus überall im Land erschreckend zu.

Bilder, die sich ins Gedächtnis brennen

Es ist ein Markenzeichen von Caroline Link, dass sie für ihre Filme immer ein unschuldiges Film-Kind findet, das noch nicht von regelmäßigen Dreharbeiten verdorben ist und gekünstelt posiert, sondern ganz natürlich spielt. Link hat ein feines Gespür dafür, die Kinder in die doch recht schweren Themen einzuführen, ohne sie damit zu überfordern, und pädagogisch einfühlsam durch die Dreharbeiten zu lotsen.

Diesmal hat sie aus zahllosen Bewerberinnen Riva Krymalowski als Hauptdarstellerin gekürt, die, wie Judith Kerr, aus Berlin stammt und, an solche Zufälle mag man kaum glauben, sogar in die gleiche Schule geht wie einst die Autorin.

Ein weiteres Markenzeichen von Link aber ist es, den Buchvorlagen weitgehend treu zu bleiben und für deren Schlüsselmomente doch adäquate Filmbilder zu finden, die sich sofort einbrennen. Wie eben die Neunjährige mit den beiden Stofftieren in der Hand. Wie die neugierige Nachbarin, die sich in Berlin allzu aufdringlich nach dem Befinden des Vaters erkundigt und in der selbst Kinder einen Spitzel erahnen, auch wenn sie das Wort Denunziant noch nicht kennen.

Exil, Flucht, Verlust von Heimat

Wie der Kalender, in dem das Kind jeden Tag abstreicht, bis sie wieder glaubt zurückkehren zu dürfen. Oder wie die Taschenuhr, die der Onkel vor Anna immer mit einem Trick geöffnet hat und die später an sie geht. Weil der Onkel (Justus von Dohnányi) gestorben ist. Das ist ein seltener Moment, in dem das Grauen des Nationalsozialismus direkt ausgesprochen wird. Denn der Onkel ist nicht, wie sie mit ihrem Vater (Oliver Masucci) und ihrer Mutter (Carla Juri) aus Deutschland geflohen.

Vor allem aber geht es im „Rosa Kaninchen“ um Exil und Flucht, den Verlust von Heimat und das Sich-Fremd-Fühlen. Was durch die derzeitige Flüchtlingskrise ebenfalls brennend aktuell ist und dem Zuschauer noch einmal eindringlich vor Augen führt, dass der Flüchtlingsstrom auch mal in die andere Richtung gegangen ist.

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