Ein Wettlauf gegen den Tod: Oscar-Kandidat "1917"

Das Drama "1917" (Kinostart am 16. Januar) zeigt das Grauen des Ersten Weltkriegs hautnah. Wir sprachen mit Regisseur Sam Mendes über seine persönliche Inspiration zu dem Film.

Für viele war sie das Highlight des James-Bond-Films „Spectre“: Die vierminütige Eröffnungsszene in Mexiko, die 2015 ohne sichtbaren Schnitt auskam. Damals experimentierte Regisseur Sam Mendes mit dem sogenannten One Shot: eine Filmsequenz, die wirkt, als wäre sie komplett am Stück gedreht worden.

Mit „1917“ gelang es dem britischen Oscarpreisträger („American Beauty“) jetzt, ein fast zweistündiges Kriegsdrama so zu inszenieren, als würde die Kamera in Echtzeit und ohne Pause zwei Soldaten (George MacKay, DeanCharles Chapman) begleiten. Tatsächlich sind es viele mehrminütige Takes, die raffiniert aneinandergesetzt sind. „Ich wollte, dass der Zuschauer jeden Schritt, jeden Atemzug der beiden Jungs miterlebt“, sagt Sam Mendes zu GOLDENE KAMERA.

Darum geht's in "1917"

Auf dem Höhepunkt des Ersten Weltkriegs wartet auf die zwei britischen Frontsoldaten Blake (DeanCharles Chapman) und Schofield (George MacKay) eine unmögliche Mission: Sie sollen eine Nachricht an eine 1600 Mann starke Truppe überbringen, die mitten im Feindgebiet festsitzt und kurz davor steht, von den Deutschen in einen Hinterhalt gelockt zu werden. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Atemlose Spannung, die von der ersten Sekunde an fesselt.

Trailer: "1917"

Den One-Shot-Stil zu nutzen war für den Regisseur eine emotionale Entscheidung, keine technische. „Jeder Schnitt bringt Distanz zwischen Figur und Publikum. Das wollte ich vermeiden.“ Und so folgt die Kamera den Protagonisten über Schlachtfelder, durch Schützengräben, Wälder und zerbombte Städte – ohne Zeitsprung oder plötzliche Perspektivwechsel. Als „einen regelrechten Tanz zwischen Kamera und Schauspielern“ beschreibt der Regisseur die Arbeit seines 70-jährigen Kameramanns Roger Deakins (Oscar für „Blade Runner 2049“).

Making of "1917"

Eine Story aus erster Hand

Neben Filmen wie „Im Westen nichts Neues“, „Apocalpyse Now“ und „Der Soldat James Ryan“ zog Mendes seine Inspiration für die Story auch aus dem engsten Familienkreis. Sein Großvater kämpfte für Großbritannien im Ersten Weltkrieg. Eine seiner Erzählungen blieb dem Filmemacher besonders in Erinnerung: „Oft sollte er einem anderen Bataillon Nachrichten überbringen. Weil er nur 1,64 Meter groß war, konnte er sich im Winternebel verstecken und unentdeckt sein Ziel erreichen.“

Als Held wird er von seinem Enkel jedoch nicht verehrt. „Er betonte immer, wie viel Glück er hatte, mit dem Leben davongekommen zu sein. Auch Jahre später spürte er immer noch den Schlamm der Schützengräben an seinen Händen“, erzählt Mendes. Und warum ausgerechnet 1917? In jenem Jahr zogen sich die Deutschen an der Westfront unvermittelt zurück. Nach drei Jahren intensiver Kämpfe wussten die Briten für rund 72 Stunden nicht, wo der Feind lauerte. „Das ideale Zeitfenster, um meine Story zu erzählen.“

Bei den Golden Globes 2020 wurde "1917" als Bestes Filmdrama ausgezeichnet, Sam Mendes wurde als Bester Regisseur geehrt. In insgesamt neun Kategorien ist das Werk bei den Oscars nominiert, die am 10. Februar verliehen werden. Auch hier darf sich Mendes Hoffnung machen, die Auszeichnung für den Besten Film und die Beste Regie abzuräumen.

GOLDENE KAMERA Kino-Tipp, weil...

Wuchtiges, brillant gefilmtes Meisterwerk, das den Schrecken des Krieges erlebbar macht.