Plädoyer für die große Sache: "Ein verborgenes Leben"

August Diehl in "Ein verborgenes Leben".
August Diehl in "Ein verborgenes Leben".
Foto: UGC
Hollywoodmagier Terrence Malick hat ein cineastisches Meisterwerk geschaffen über einen Mann, der in schwierigen Zeiten Haltung zeigt.

Man muss sich gar nicht gegen andere stellen und aktiv Widerstand leisten. Manchmal reicht es schon, einfach zu sich selbst, zu seinen eigenen Überzeugungen zu stehen. Haltung ist ein rares Gut geworden in unserer heutigen Zeit, obwohl sie gerade jetzt wieder sehr nötig ist. Da wirkt dieser Film von Terrence Malick wie ein Plädoyer für die große Sache, für die es lediglich einen kleinen Schritt braucht: den Mut, Nein zu sagen.

Der Film "Ein verborgenes Leben", der am Donnerstag (30. Januar) ins Kino kommt, erzählt die wahre Geschichte von Franz ­Jägerstätter, einem Bauern aus den österreichischen Bergen, der ein einfaches Leben führte, bis sein Land sich willig dem nationalsozialistischen Nachbarland anschloss.

Ein bildstarkes Plädoyer dafür, sich nicht verleiten zu lassen

Die Wehrausbildung machte Jägerstätter noch mit. Aber als er in den Krieg ziehen sollte und wie alle den „Treueeid auf den Führer“ schwören musste, da verweigerte er diesen. Und dieses winzige Sandkorn brachte das gesamte Getriebe zum Knirschen. Ein sanftes, aber überzeugtes Nein hebt die Welt aus den Angeln.

Erst sieht man in schwarz-weißen Dokumentarbildern, wie streng koordinierte Menschenmassen Hitler berauscht zujubeln, wobei selbst die Kamera ehrfurchtsvoll vor dem Ver-Führer in die Knie geht oder das Ganze aus gottgleicher Perspektive von oben betrachtet. Höchst manipulierte und manipulative Szenen aus Leni Riefenstahls perfidem Propagandafilm „Triumph des Willens“.

Trailer: "Ein verborgenes Leben"

Der Bergfilm als Mittel gegen NS-Propaganda

Dann ein herber Schnitt auf die sattfarbene, entrückte Welt der Berge in doppelt so breitem Format. Der Bergfilm ist ja das einzige ur-deutsche Filmgenre, auch Leni Riefenstahl kam aus diesem Genre, bevor sie sich zu Hitlers williger Propaganda-Maschinistin machte. Hier aber wird diese so ideologisch aufgeladene Naturkulisse, diese Blut-und-Boden-Landschaft als Antithese gegen den Nazi-Spuk selbst gesetzt.

Hier bestellt Franz Jägerstätter (August Diehl), in körperlicher Anstrengung, aber in Harmonie mit der Umwelt und seinem Glauben, sein Feld. Nur kurz währt diese Idylle, bis der Bürgermeister als erster den Hass und die Fremdenfeindlichkeit der Nazis predigt und das Dorf infiziert.

Jägerstätter widersteht dem. Und weiß, welche Folgen das haben wird. Seine Zweifel darüber macht Jägerstätter erst mal mit sich, dann mit der Kirche aus. Aber der heimische Priester wie der Bischof in der Stadt raten ihm, den Eid zu leisten. Weil sonst der Druck auf seine Familie zu groß werde.

Es sind erschütternde Szenen, wie die Kirche hier in die Knie geht und ihren eigenen Glauben verrät. Anders als dieser einfache Bauer. Er verteidigt die Würdenträger noch, weil sie selbst unter Beobachtung stünden und in ihm vielleicht einen Agent provocateur sehen. Aber Jägerstätter kann und will nicht lügen, will nicht gegen sein Gewissen handeln. Will keinen Eid schwören auf jemanden, den er für das Böse selbst hält

Der Hassvirus wächst sich mehr und mehr aus

Sofort wird der Mann interniert und wegen „Wehrkraftzersetzung“ angeklagt. Und seine Frau Fani (Valerie Pachner), die die mühsame Landarbeit allein bewältigen und sich auch noch um ihre drei Kinder kümmern muss, sieht sich mehr und mehr der Ausgrenzung und dem Hass der Dorfbewohner ausgesetzt, die sie in Sippenhaft nehmen, sie als „Verräterin“ bespucken, schamlos Früchte von ihrem Feld stehlen und ihrem Mann offen den Tod wünschen.

Terrence Malick wurde in den 70er-Jahren mit nur zwei Filmen zu einem Kultregisseur des New Hollywood, hat sich dann aber über 20 Jahre zurückgezogen. Um sich 1998 zurückzumelden – nicht nur mit einem neuen Film, sondern einer ganz neuen Ästhetik, fernab vom tradierten Erzählkino.

August Diehl im Interview

Mit einer scheinbar schwebenden Kamera, die den Protagonisten mehr in seiner Gedankenwelt als in so etwas wie einem Handlungsablauf folgte. Eine kongeniale Visualisierung des aus der Literatur bekannten „Stream of Consciousness“. Ein ­kinematografischer Bewusstseinsstrom also, mit überwältigenden Bildkompositionen und einem Klangflickenteppich aus elegischer Musik und inneren Monologen aus dem Off.

Auf unvergleichlich eigene Weise zeichnete Malick damit immer wieder das Individuum als Fremden, Verlorenen in seiner Umwelt, sei es im Krieg („Der schmale Grat“, 1998), bei der Eroberung Amerikas („The New World“, 2005) oder in der eigenen Familie („Tree of Life“, 2011). In seinen letzten Werken aber verkam diese originäre Filmsprache zur Masche, zum Selbstzweck, so dass sich nicht nur Malicks Protagonisten, sondern auch das Publikum in seinen Arbeiten fremd und verloren fühlte.

Das typisch Malick’sche Gefühl der Fremdheit

Man gab den Regisseur schon verloren, da meldet er sich nun zurück mit diesem erschütternden Meisterwerk. Im Nachhinein scheinen seine letzten Filme wie Fingerübungen gewesen zu sein – für diesen einen großen Wurf, in dem er endlich wieder eine Geschichte zu erzählen hat, seine Ästhetik feiner und spärlicher, aber umso eindringlicher einsetzt.

Das typisch Malick’sche Gefühl der Fremde gilt hier der eigenen Umwelt, die plötzlich eine andere ist, die plötzlich infiziert ist vom Fieber des Hasses. Auch in „Ein verborgenes Leben“ gibt es in epischen drei Stunden wieder nur wenige Dialoge, aber hochvirtuose Bild- und Klangkompositionen, für die es zwingend die große Kinoleinwand braucht.

In den USA ist Jägerstätter viel bekannter als in Europa

Je mehr die Tragödie ihren Lauf nimmt, desto mehr verstummt dabei der Mann, der seinem Gewissen folgt. Der Bewusstseinsstrom aber untermalt erst die eigenen Zweifel, ob er das Richtige tut, und dann das starke Band, das den Inhaftieren mit seiner Frau in den fernen Bergen verbindet: der einzige Mensch, der ihn versteht und zu ihm hält. Auch wenn sie dafür selbst angefeindet wird. Und wie er mit Valerie Pachner zusammenspielt, wie ihre Liebe immer stärker wird durch die Ausgrenzung der anderen, das lässt keinen unberührt.

Wie lange Malick indes an seinen Filmen werkelt, schneidet und nachbessert, zeigt sich auch daran, dass hier Schauspieler wie Bruno Ganz, der vor einem Jahr, oder Michael Nyqvist, der bereits 2017 gestorben ist, ihre letzten Auftritte haben. Malick braucht immer so lang, um seine Bilder in diesen für ihn so typischen, einzigartigen Sog atmosphärischer Stimmungen zu bannen.

Eine Botschaft, die uns alle angeht

Eine visuelle Offenbarung, eine Ausnahmeerfahrung im Kino, eine cineastische Meditation. Und zugleich ein bildstarkes Plädoyer dafür, eine Haltung einzunehmen. Und dafür auch Konsequenzen in Kauf zu nehmen. Selbst wenn sie wie im Fall Jägerstätter die schlimmsten Folgen für ihn und seine Familie haben.

Dass Malick so lange an seinen Filmen sitzt, macht diesmal vielleicht sogar tiefen Sinn. Das Erstarken neuer, nationalistischer Töne und Hassparolen nicht nur in Deutschland und Österreich war schon im Drehjahr 2016 nicht zu überhören, nimmt seither aber immer erschreckender zu. Umso notwendiger ist es, sich mutig dagegenzustellen. So historisch und individualistisch die Geschichte des Franz Jägerstätter scheint, so universell und hochaktuell ist ihre Botschaft, die uns alle angeht.

Die Kinokritik erschien zuerst in der Berliner Morgenpost.

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