"Narziss und Goldmund": Tiefer Glaube trifft auf Lebenslust

Oscarpreisträger Stefan Ruzowitzky hat erstmals Hermanns Hesses „Narziss und Goldmund“ verfilmt. Leider ist das allzu kitschig geraten.

„Kümmere dich um ihn“, bittet der Abt seinen Novizen, als ein Edelmann dessen Sohn verstößt und ins Kloster schickt. Der Novize will erst nicht, er möchte nur Mönch werden und Gott dienen. Auf Menschen versteht er sich nicht gut. Aber dann kümmert er sich doch um den Knaben, der in allem das Gegenteil von ihm ist. Er kümmert sich über die Jahre sogar zu viel um ihn, so dass im Kloster schon Gerüchte über die beiden die Runde machen. Und derselbe Abt seinen Schüler schließlich bitten muss, den Jungen in die Welt zu schicken. Und von ihm zu lassen.

Hesse wollte "Narziss und Goldmund" nie verfilmt sehen

Das ist die Geschichte von „Narziss und Goldmund“ (Kinostart am 12. März), dem populärsten Roman von Hermann Hesse, der gerade junge Leser anspricht, weil er von den großen Fragen handelt, wie man ins Leben gehen und seinen Platz dort finden soll. Es ist die Geschichte von einem, der sich die Reize der Welt versagt und seine Lust in dunkler Klosterzelle in Striemen aus sich herauspeitscht, und von einem, der in die Welt zieht und alle Lüste sinnenfroh auslebt, bis er mit den Narben, die das Leben schlug, zurückkehrt.

Trailer: Narziss und Goldmund

Aufeinanderprall zweier Welten: Geist und Körper, Askese und Ausschweifung, ein Leben nach strengsten Regeln und eins in absoluter Freiheit. „Wir zwei sind Sonne und Mond, sind Land und Meer“, heißt es einmal.

Erste deutsche Kino-Adaption von Hesse

Nun ist das Buch, 90 Jahre nach seinem Erscheinen, erstmals verfilmt worden. Dabei mochte der Literaturnobelpreisträger Hesse das Kino nicht, stand dem Medium Film immer ablehnend gegenüber und wollte seine Werke explizit nicht verfilmen lassen.

Bis auf zwei amerikanische Kinofilme in den 70er-Jahren von „Siddharta“ und „Steppenwolf“ und einer wenig überzeugenden deutschen Fernsehadaption von „Der Abschied“ 2012 haben sich die Hesse-Erben an dieses Verdikt immer gehalten.

Mit „Narziss und Goldmund“ traut sich das deutsche Kino jetzt erstmals an einen der größten heimischen Literaten. Wenn man das Ergebnis sieht, kann man indes verstehen, warum Hesse sich dem Film so leidenschaftlich verweigerte.

Ein dramaturgisches Problem wird gelöst

Ein Vorzug des Films immerhin: Ein dramaturgisches Problem wird geschickt behoben. Im Roman verlässt Goldmund (Jannis Niewöhner) ja das Kloster, um dann als Landfahrer 15 Jahre allerlei Freuden und Sinnesgenüsse, aber auch die Schrecken von Pest und Gottlosigkeit zu erleben, bevor er als ein anderer zu seinem Jugendfreund zurückfindet. Die eine Titelfigur ist also die meiste Zeit abwesend.

In Stefan Ruzowitzkys recht freier Filmbearbeitung dagegen gibt es einen harten Zeitsprung, der gealterte, durch seine Erlebnisse halb blinde und verkrüppelte Goldmund kehrt ins Kloster zurück und erzählt Narziss (Sabin Tambrea) sein Leben. Eine Rahmenhandlung, die den abwesenden Narziss als Zuhörer und eigentlicher Adressat dieser Lebensbeichte integriert.

Vorwurf der Pornographie

Und noch ein Vorzug des Films: Die homosexuelle Komponente, die auch bei Hesse mehr als nur ein Subtext war, wird hier nicht prüde kaschiert oder als reine Männerfreundschaft uminterpretiert, die heimliche Liebe des Glaubensmannes zu dem Lebemann wird klar und offen klar ausgespielt. Wohingegen die vielen Sexszenen mit all den Frauen, die Goldmund auf seinem Lebensweg begegnen, eher recht züchtig erscheinen. Da mag man kaum glauben, dass Hesse 1930, nach Erscheinen des Romans, Pornographie vorgeworfen wurde.

Ruzowitzky versetzt das Geschehen allerdings in ein ziemlich märchenhaftes Mittelalter. Mit Wehmut mag man da etwa an „Der Name der Rose“ denken, das andere große Mittelalterepos nach literarischer Vorlage, in dem Jean-Jacques Annaud 1986 eindringlich zeigte, wie dreckig, arm und gewalttätig die Menschen damals waren, wie ihre Zähne, ihre Leiber, ja ihre Seelen faulten.

Muckibuden im Mittelalter

In „Narziss und Goldmund“ dagegen sind alle Menschen schön und strahlen mit perlweißen Zähnen und adretter Föhnfrisur. Kameramann Benedict Neuenfels rückt seine Protagonisten dabei immerzu ins beste Licht. Das sind keine Mönche im Kloster, sondern Models. Irgendwo in der alten Abtei muss wohl auch eine Muckibude versteckt sein, so attraktiv und durchtrainiert erscheint Jannis Niewöhner, der als Goldmund immer wieder seinen Astralkörper ausstellen muss. Wie er dabei zur Kunst, zur Holzschnitzerei findet, um sich auszudrücken, gerät dagegen weit weniger überzeugend.

Und das ist das größte Manko des Films: dass er nicht zu einer eigenen Kunst findet. Ruzowitzky, der für sein KZ-Drama „Die Fälscher“ 2008 den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film gewann, hat hier keine eigene, originäre Bildsprache entwickelt. Dass bei einer Verfilmung Hesses Beschäftigung mit Nietzsche oder C.G. Jung auf der Strecke bleibt, bleiben muss, ist zu verschmerzen.

Konventionelle Bilder in Hochglanzoptik

Hier wird aber der komplexe Roman auf sein bloßes Handlungsgerüst reduziert. Und statt dafür genuine, filmsprachliche Übersetzungen zu finden, wird die Handlung in sehr konventionelle Bilder gegossen, in Hochglanzoptik obendrein. Dagegen können auch die präsenten Darsteller wenig tun. Hesse mit Goldkante, sozusagen.

Kümmere dich, heißt es anfangs im Film. Auch wer Literatur verfilmt, muss sich kümmern: um dem Werk etwas Adäquates entgegenzusetzen, etwas Eigenes hinzuzufügen. Ruzowitzky ging an seine Adaption eher unbekümmert heran. Er trivialisiert den Roman zum kitschigen Abenteuer- und Herzschmerz-Dramolett. Das ist schade. Umso mehr, als dies, spät genug, die erste Hesse-Verfilmung im deutschen Kino ist.

Die Kinokritik ist ein Artikel der Berliner Morgenpost.