Albrecht Schuch und "Systemsprenger" räumen die Lolas ab

Helena Zengel und Albrecht Schuch wurde als beste Schauspieler ausgezeichnet.
Helena Zengel und Albrecht Schuch wurde als beste Schauspieler ausgezeichnet.
Foto: obs/ZDF/Yunus Roy Imer
Beim ungewöhnlichen 70. Deutschen Filmpreis war "Systemsprenger" der große Gewinner des Abends. Der Film von Nora Fingscheidt erhielt als bester Film die Lola in Gold, die beiden Hauptdarsteller Helena Zengel und Albrecht Schuch wurden als beste Schauspieler ausgezeichnet.

Gleich zu Beginn gab es mit Helena Zengel die jüngste Preisträgerin, die je eine Lola entgegennehmen durfte: Helena Zengel, die Hauptdarstellerin aus „Systemsprenger“, ist gerade mal elf Jahre alt. Dann hat Albrecht Schuch auch gleich in beiden Schauspielerkategorien gewonnen: als bester Nebendarsteller in „Berlin Alexanderplatz“ und als bester Hauptdarsteller in „Systemsprenger“. Dem 34-Jährigen (GOLDENE KAMERA 2019) gelang damit derselbe Doppelschlag wie Laura Tonke vor vier Jahren. Und dann gewann „Systemsprenger“ auch noch sechs weitere Preise, inklusive die Lola in Gold als bester Film.

Ein wahrer Preisregen für ein mutiges Sozialdrama mit überaus schwierigem Thema, das auch noch von einer Spielfilm-Debütantin stammt, die zuvor nur Dokumentarfilme gedreht hat. Als deutscher Oscar-Kandidat hat es „Systemsprenger“ zwar nicht in die letzte Runde geschafft, aber dafür sahnte er beim Deutschen Filmpreis ab. Der in diesem Jahr auch noch zum 70. Mal verliehen wurde.

Aber all das war doch beinahe nebensächlich in diesem Jahr, in dem eben alles anders war. Weil es corona-bedingt keine Galashow gab, keinen Glamour, keinen roten Teppich und nicht einmal selige Preisträger, die ihre Trophäen in die Luft stemmen. Die Deutsche Filmakademie wollte die Verleihung dennoch nicht verschieben, weil sie, wie Akademiepräsident Ulrich Matthes sagte, erstens ein bisschen Freude machen und zweiten allen zurufen wollte: Das Kino soll leben! Ein Akt der Solidarität.

So stand denn Moderator Edin Hasanovic in einem ziemlich riesigen Studio ziemlich allein da. Nur wenige Laudatoren wie Iris Berben oder Fahri Yardim schauten auch kurz vorbei. Die meisten waren nur von außen zugeschaltet, wie auch die Preisträger. Der Abend hat uns dennoch ganz besondere Momente geschenkt. Denn Filmstars, das sind ja irgendwie Überwesen, nicht ganz von dieser Welt. Die, die über den roten Teppich wandeln, während der gewöhnliche Kinozuschauer sie nur aus der Ferne bewundern kann. Aber an diesem Abend kamen uns diese Filmwesen so nah wie nie.

Krönchen und Glitter-Konfett im Hobbykeller

Neulich erst durften wir beim virtuellen Benefiz-Konzert „One World: Together at Home“ internationalen Rock- und Popgrößen in die Stuben schauen. Und das durften wir nun auch beim deutschen Film. Und staunten nicht schlecht. Die einen trugen Smoking oder Abendkleid, die anderen Alltagsklamotten und rauchten, die einen saßen auf dem Sofa, vor einer Fototapete, in einem Kino oder machten ihren Hobbykeller zum Partyraum. Und wo sonst meist lange, ermüdende Dankesreden der Preisträger anstehen, gab es diesmal durchaus hübsche Alternativen. Die Kostümbildnerin Sabine Böbbis setzte sich ein Krönchen auf, die Komponistin Dascha Dauenhauer hielt Zettel in die Kamera mit den Vornamen all der Menschen, denen sie danken wollte, wozu aber nicht genug Zeit hatte. Und Gabriela Maria Schneider, die beste Nebendarstellerin, verstreute Glitter-Konfetti via Kamera. Und Sternenstaub rieselte über die Leinwände.

Aber dann passierte halt auch, was wir alle derzeit immer wieder im Home-Office in unseren Telefon- oder Videoschalten erleben Die Verbindung ist schlecht, die Bilder bleiben stehen oder man kann nichts hören. Aber alles war live, da konnte nichts geschnitten, nichts wiederholt werden. So bekam Nora Fingscheidt, die Regisseurin von „Systemsprenger“, vom fernen Vancouver aus zugeschaltet, ausgerechnet beim Regie-Preis lange nicht mit, dass sie die Siegerin ist, und wurde um diesen Moment gebracht. Und es war zwar eine hübsche Idee manch Nominierter, den Rest des Teams per Handy oder Computer dazuzuschalten. Aber dass es dadurch Übertragungsstörungen geben kann, das hat man vorher nicht ausprobiert.

Wie überall in diesen Corona-Tagen war Improvisation angesagt

Der Deutsche Filmpreis 2020, es war ein Experiment. Und in dieser Art nie dagewesen. Zwar ohne Show, aber dafür erstmals live vom deutschen Fernsehen übertragen. Der arme Edin Hasanovic mühte sich redlich, durch den Abend zu leiten. Überwiegend nur mit einem DJ und dem Hund Wilma an seiner Seite. Aber so locker und flockig wie vor zwei Jahren ist ihm das nicht gelungen. Manche Pointen zünden eben nicht, wenn keiner lacht. Und dann gab es auch noch Pannen im Studio, als etwa Ronald Zehrfeld mit Motorrad ins Studio fuhr und der große Auftritt daneben ging.

Im Vorfeld gab es manche Verärgerung, warum die ARD den wichtigsten und höchstdotierten deutschen Kulturpreis nicht mal mutig ins Hauptprogramm setzte und die Verleihung deshalb erst um 22.30 Uhr startete und bis nach 1 Uhr nachts ging. Im Nachhinein muss man dem Sender wohl zustimmen, dass die Entscheidung schon richtig war. Zumal nicht wenige Laudatoren ziemlich unbekannt waren. Wo waren sie denn alle, die Stars und Sternchen, die sich sonst am Teppich drängen? Und wenn gleich mehrere zugeschaltete Produzenten bei den Hauptpreisen durcheinander sprechen und im Hintergrund auch noch Sektkorken knallen, dann versteht der Zuschauer einfach gar nichts. Aber es war eben, wie überall in diesen Corona-Tagen, Improvisation angesagt. Irgendwann, wenn wir diese Zeit hoffentlich alle vergessen haben, wird diese Show aber vielleicht ein ziemlich einzigartiges Dokument sein.

„Systemsprenger“ der große Abräumer mit acht Lolas

Ach ja, die Preise! Die gab es ja auch. Es war ein Rennen zwischen Burhan Qurbanis radikaler Neuinterpretation von „Berlin Alexanderplatz“ auf einen Geflüchteten im heutigen Berlin (elf Nominierungen) und Nora Fingscheidts „Systemsprenger“ (zehn Nominierungen) über ein schwer erziehbares Kind, das durch alle Sozialsysteme fällt. Am Ende war „Systemsprenger“ der große Abräumer mit acht Lolas, während „Berlin Alexanderplatz“ nur auf fünf Trophäen kam, und die meist in Nebenkategorien.

Noch schlimmer freilich traf es Ilker Catak mit seinem „Es gilt das gesprochene Wort“, der zwar Bronze bekam als drittbester Film, aber sonst in keiner Kategorie obsiegen konnte. Aber das gehört nun mal zu einer solchen Preisverleihung dazu. Und zeigt nur, welch einen starken Jahrgang der deutsche Film hier zu bieten hat. Auch wenn diese Filme nicht zu sehen waren. Bei aller ehrlichen Solidarität der Akademie muss man aber schon fragen, warum man nicht wenigstens einen Vertreter der Kinowirtschaft mit in den Abend eingebunden hat. Denn es sind die Kinobetreiber, die derzeit am meisten zu leiden haben.

Die Preisträger in der Übersicht

Bester Spielfilm in Gold: „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt

Trailer zu "Systemsprenger"

Silber: „Berlin Alexanderplatz“ von Burhan Qurbani

Trailer: "Berlin Alexanderplatz"

Bronze: „Es gilt das gesprochene Wort“ von Ilker Çatak

Trailer: "Es gilt das gesprochene Wort"

Regie: Nora Fingscheidt für „Systemsprenger“

Drehbuch: Nora Fingscheidt für „Systemsprenger“

Hauptdarstellerin: Helena Zengel in „Systemsprenger“

Hauptdarsteller: Albrecht Schuch in „Systemsprenger“

Nebendarstellerin: Gabriela Maria Schmeide in „Systemsprenger“

Nebendarsteller: Albrecht Schuch für „Berlin Alexanderplatz“

Bester Dokumentarfilm: „Born in Evin“ von Maryam Zaree

Trailer: "Born in Evin"

Bester Kinderfilm: „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von Caroline Link

Trailer: "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl"

Kamera: Yoshi Heimrath für „Berlin Alexanderplatz“

Schnitt: Stephan Bechinger und Julia Kovalenko für „Systemsprenger“

Musik: Dascha Dauenhauer für „Berlin Alexanderplatz“

Szenenbild: Silke Buhr für „Berlin Alexanderplatz“

Kostümbild: Sabine Böbbis für „Lindenberg! Mach dein Ding“

Trailer: "LINDENBERG! Mach Dein Ding"

Maskenbild: Astrid Weber und Hannah Fischleder für „Lindenberg! Mach dein Ding“

Tongestaltung: Corinna Zink, Jonathan Schorr, Dominik Leube, Oscar Stiebitz und Gregor Bonse für „Systemsprenger“

Visuelle Effekte: Jan Stoltz und Claudius Urban für „Die Känguru-Chroniken“

Trailer zu "Die Känguru-Chroniken"

Besucherstärkster Film des Jahres: „Das perfekte Geheimnis“ von Bora Dagtekin

Trailer: Das perfekte Geheimnis

Ehrenpreis: Regisseur Edgar Reitz

Ein Artikel der Berliner Morgenpost aus der FUNKE Mediengruppe.