Deutsches Drama zum Syrienkrieg: "Nur ein Augenblick"

Karim (Mehdi Meskar) und seine Freundin Lilly (Emily Cox) erwarten ein Baby.
Karim (Mehdi Meskar) und seine Freundin Lilly (Emily Cox) erwarten ein Baby.
Foto: Neue Impuls Film
Randa Chahouds Drama über den Syrienkrieg und seine Folgen ist gut gemeint, erzählt aber allzu naiv von zu vielen Konfliktthemen. (ab dem 13. August im Kino)

Ganz schön naiv. So muss man den Protagonisten dieses Films wohl nennen. Seine Eltern haben den jungen Syrer Karim (Medhi Meskar) auch deshalb zum Studieren nach Deutschland geschickt. Weil er einst mit seinem Bruder bei einem Privatkonzert ein Freiheitslied anstimmte und beide deshalb verhaftet wurden. Fünf Jahre später lebt Karim in Hamburg mit seiner schwangeren Freundin Lilly (Emily Cox) ein sorgloses Studentenleben. Bis er erfährt, dass sein Bruder in Idlib ist.

Spontan beschließt er, dorthin zu reisen. Nur einen Augenblick wird das dauern, sagt er Lilly, dann ist er wieder zurück. Doch daraus wird eine Odyssee. Der Bruder hat gegen Assads Truppen gekämpft und wird nun im Gefängnis gefoltert.

Blauäugiger Protagonist, unbedarfte Freundin

Der junge, sensible Mann lässt sich halb ohnmächtig, halb reflexartig überreden, ihn zu befreien. Anfangs weigert er sich noch, von einer Waffe Gebrauch zu machen. Bald tötet er doch. Und immer wieder. Bis er selbst verhaftet und gefoltert wird. Während seine Freundin zuhause sitzt und nicht versteht, warum er sie allein gelassen hat.

Ganz schön naiv. So muss auch der Zuschauer bei diesem Film sein. Der Bürgerkrieg in Syrien dominiert seit Jahren die Nachrichten. Selbst wer das nur ganz oberflächlich verfolgt, weiß letztlich mehr als Karim, der sich völlig blauäugig in diesen Konflikt hineinziehen lässt.

Trailer: "Nur ein Augenblick"

„Nur ein Augenblick“ verfolgt durchaus gute Absichten. Das Drama nicht nur als Nachrichtenstoff, sondern durch ein Einzelschicksal zu vermitteln. Um angesichts der immer größeren Flüchtlingsströme verständlich zu machen, warum die Menschen in Massen aus diesem Land fliehen. Und dass der Konflikt auch in unsere Gesellschaft hineinwirkt.

Inszeniert mit stets erhobenem Zeigefinger

Die Berliner Filmemacherin Randa Chahoud, Tochter einer Deutschen und eines Syrers, griff zudem die Geschichte eines libyschen Freundes auf, der wie sie in Berlin studierte, bis sein Bruder von Gaddafis Truppen verhaftet wurde – und er sein Leben aufgab, um als Rebell in den Kampf zu ziehen.

Doch Chahoud nimmt sich zu viele Themen auf einmal vor. Und inszeniert das mit erhobenem Zeigefinger für ein Publikum, bei dem so gar kein Grundwissen vorausgesetzt wird. Wie bei der Freundin, die Emily Cox mit bedauernswerter Arglosigkeit spielen muss. Auch die Figur des Karim geht einem nie wirklich nah, weil Hauptdarsteller Meskar blass und unmotiviert bleibt.

Richtig kolportagehaft aber wird es, wenn die Regisseurin, die auch das Drehbuch schrieb, das Geschehen reißerisch zuspitzt. Während Karim in einem Gefecht ein kleines Mädchen retten will und dieses eine Kugel trifft, die für ihn bestimmt war, gebiert Lilly zuhause Karims Baby. Stirb und werde, Schmerz als vereinigendes Moment? Das ist eher ärgerlich als aufklärerisch.

Das Beste kommt im Abspann

Die kräftigste Szene kommt erst im Abspann, wenn ein syrischer Journalist in einer Fernsehsendung erzählt, wie er im Gefängnis ein kleines Mädchen trösten wollte und ihr eine Geschichte vom Mond und von einem Vogel erzählte.

Das Kind schaute nur ungläubig: weil es im Gefängnis geboren ist und gar nicht wusste, was ein Mond oder ein Vogel ist. Diese eine dokumentarische Szene hat mehr Kraft als das ganze Drama davor. Der Film lohnt nur für diesen einen Augenblick.

Ein Artikel der Berliner Morgenpost.