"Winterreise": Bruno Ganz postum in seiner letzten Rolle

Der Kinofilm "Winterreise" mit Bruno Ganz handelt von deutsch-jüdischer Geschichte, dem Trauma der Zweiten Generation – und auch von Lücken in der Erinnerung.

Es ist immer etwas makaber, wenn Filme starten, deren Hauptdarsteller schon tot sind. Erst recht, wenn das schon eine Weile her ist. Das gilt auch für Bruno Ganz (GOLDENE KAMERA 2014), der bereits im Februar 2019 starb und dessen letzter Film am Donnerstag, den 22. Oktober ins Kino kommt. Kein großes Star-Kino wie "Ein verborgenen Leben“, sein vorletzter Film, der auch schon postum startete. Aber das nimmt auch im Rückblick noch für Ganz ein: dass er sich nie zu schade für kleinere Produktionen war.

Trailer: "Winterreise"

Darum geht's in "Winterreise"

"Winterreise" ist eine familiäre Aufarbeitung des US-Radiomoderators Martin Goldsmith. Immer wieder hat der seinen Vater über dessen Vergangenheit befragt. Und der hat immer abgeblockt. George Goldsmith hieß eigentlich Günther Goldschmidt und war ein vielversprechender Flötist. Bis die Nürnberger Gesetze der Nazis seine Karriere jäh vereitelten.

Er konnte nur noch über den Jüdischen Kulturbund musizieren, lernte dabei seine spätere Frau kennen. Und erlangte 1941, nach einem Konzert in der US-Botschaft, eine der letzten Visa in die Freie Welt, während alle Verwandten im Holocaust umkamen. In den USA sprach Goldsmith nie darüber. Und musizierte nie wieder. Sein Sohn ließ aber nicht locker. Und schrieb darüber auch das Buch, "Die unauslöschliche Symphonie“.

Hintergrund

Der dänische Filmemacher Anders Østergaard hat das nun als Dokudrama verfilmt. Mit Goldsmith Jr. hat er die vielen Gespräche zu Dialogen geformt. Bruno Ganz spielt den Vater, während der echte Sohn aus dem Off, teils immer drängender, die Fragen stellt, die lange abgeblockt werden.

Nach und nach aber kommt das lange Verdrängte dann doch ans Licht.

GOLDENE KAMERA Kino-Tipp, weil...

Ein erschütternder Film über deutsch-jüdische Vergangenheit und das Trauma der Zweiten Generation: dass die Eltern nicht reden wollten.

Østergaard unterwandert dabei die Regeln des Dokumentarischen ganz bewusst. Indem er die vielen Leerstellen mit Ersatzbildern auffüllt. Leonard Scheicher als junger Günther läuft da durch alte Fotos. Und wenn kein Originalmaterial habbar war, ist auch mal nur ähnliches Archivmaterial zu sehen. Das mag historisch fragwürdig sein, hat aber einen eigenen Reiz und macht tiefen Sinn, wenn es um Erinnerungsarbeit, Lücken und fehlende Bilder geht.