Der Kinofilm „Nahschuss“: Ein Täter, der zum Opfer wird

„Nahschuss“ (ab Donnerstag, 12. August im Kino) erzählt von einem Mann, der in die Fänge der Stasi gerät–beklemmend intensiv gespielt von Lars Eidinger.

Das Flugzeug nach Äthiopien ist schon kurz vor dem Start, da wird der junge Ingenieur Franz Walter (Lars Eidinger) aufgefordert, wieder auszusteigen. Er soll die Stelle seiner alten Professorin an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin übernehmen. Es gibt da nur eine Bedingung: Er müsste halt erst mal ein Jahr für die HVA arbeiten, die Hauptverwaltung Aufklärung also, dem Auslandsnachrichtendienst der DDR.

Trailer: "Nahschuss"

Was tut man nicht alles, um auf der Karrieretreppe weiter aufzusteigen? Noch dazu, wo es ein fester Posten mit eigenem Büro ist, verbunden mit einer großzügigen neuen Wohnung – im Arbeiter- und Bauernstaat alles andere als selbstverständlich. Und: Es ist ja nur ein Jahr.

„Nahschuss“ handelt von einem, der in die Fänge der Stasi gerät

Dass er den Kontakt zu seinen alten Freunden abbrechen muss, dass zu seiner Hochzeit nur die neuen Kollegen der Staatssicherheit kommen und der Vater beginnt, unangenehme Fragen zu stellen, scheinen Umstände, die man noch hinnehmen kann. Aber als das Jahr um ist, will man ihn nicht gehen lassen. Er hat sich so gut eingearbeitet. Und als er murrt, wird ihm klargemacht, dass man die dringende Operation der zu erblinden drohenden Mutter auch schnell wieder streichen könnte.

„Nahschuss“ handelt von einem, der in die Fänge der Stasi gerät. Und sich immer tiefer darin verstrickt. Der Film zeigt, wie leicht man in die Maschinerie dieses Apparates hineinrutschen konnte. Und dass niemand davor gefeit war. Im Nachhinein ist es ja immer leicht, über Stasi-Leute zu richten. Es ist wie in einer anderen deutschen Diktatur: Hinterher will es keiner gewesen sein.

„Nahschuss“ ist „inspiriert von wahren Begebenheiten“

Als hätte es im Land nur heimliche Widerstandskämpfer gegeben und die Mitläufer wären nur eine Minderheit gewesen. Aber es war ja genau andersherum. Die wenigsten haben sich verweigert, um ihren Idealen treu zu bleiben. Und die, die sich darauf eingelassen haben, haben dies meist nicht aus Überzeugung getan oder weil sie gern ihre Umwelt bespitzelt hätten.

Die Führung der DDR, die ihrem eigenen Volk nicht vertraut hat und es systematisch bespitzeln ließ, ging dabei höchst perfide vor mit ihrem Mix aus Zuckerbrot und Peitsche, erst kleinen Vergünstigungen und dann größtmöglicher Druck.

„Nahschuss“ ist „inspiriert von wahren Begebenheiten“ und beruht auf dem Fall von Werner Teske, der 1981 als letzter Mensch in der DDR wegen Spionage hingerichtet wurde. Eine Geschichte, die noch bis heute, dafür hatte die Stasi gesorgt, weithin unbekannt ist. Und die nun endlich erzählt wird. Geschrieben und inszeniert hat den Film Franziska Stünkel, die schon mit dem Spielfilm „Vineta“ auf sich aufmerksam machte und mit dem 18-stündigen Dokumentarfilm „Der Tag der Norddeutschen Regie“, der das Leben von 121 Menschen an einem einzigen Tag zeigte.

Beklemmende Bilder

„Nahschuss“ erzählt in beklemmenden Bildern, die immer klaustropho­bischer werden, von einem System, aus dem es kein Entrinnen gibt. Und hat in Lars Eidinger und Luise Heyer ein kraftvolles Darsteller-Paar. Heyer als die Frau, die lange gar nicht wissen will, wie ihr Mann zu all den Vergünstigungen kommt und sich gern belügen lässt. Und Eidinger als Mann, der sich niemandem anvertrauen kann.

Der aber nicht so zynisch ist wie sein schmieriger Vorgesetzter (Devid Striesow). Und der immer mehr von Gewissensbissen, Skrupel und Scham befallen wird. Und von Ängsten, die sich zum Verfolgungswahn aus­weiten. Eidinger macht daraus eine schmerzliche Performance der zunehmenden Versteinerung, die unter die Haut geht und manchmal kaum auszuhalten ist. Bis der Mann schließlich von den eigenen Kollegen überwacht wird. Ein Täter, der zum Opfer wird.

Ein Drama, das konsequent auf Klischees verzichtet

„Nahschuss“ ist ein Film, der bleiben wird, und gerade jetzt, zum 60. Jahrestag des Mauerbaus, die Debatte über die Staatssicherheit und die Kooperation mit ihr noch mal ganz neu aufrollen könnte. Ein Film, der sich dabei jedes Sentiments oder gar Kitsches enthält, wie das Florian Henckel von Donnersmarcks Oscar-gekröntem Vergleichsfilm „Das Leben der Anderen“ durchaus zu eigen war.

Letztlich geht es hier auch nicht nur um die DDR. Sondern um ganz universelle Themen: Wie weit kann, wie weit darf man mitspielen in einem repressiven Staat, um sich selbst zu schützen? Wo ist da die Grenze? Unangenehme Fragen, die jeder Zuschauer selbst beantworten muss.