"The Father": Verrückt sind nur die anderen

"The Father" (ab dem 26. August im Kino) ist ein eindringliches, verstörendes Drama über Demenz. Anthony Hopkins bekam dafür einen Oscar.

Das Wort fällt in keiner Szene, und doch steht es stets wie ein Elefant im Raum. Ein Begriff, der alles erklären würde, aber auch ein Urteil mit irreversiblen Konsequenzen wäre: Demenz.

Trailer: "The Father"

Darum geht's in "The Father"

Der 80 Jahre alte ehemalige Unternehmer Anthony (Anthony Hopkins) wohnt mit seiner Tochter Anne (Olivia Colman) in seiner riesigen Wohnung in London. Er geht einkaufen, pfeift munter, während er die Tüten in der Küche auspackt. Und hält dann irritiert inne, weil er nicht weiterweiß. Immer wieder verlegt er seine Uhr – und beschuldigt andere, sie gestohlen zu haben. Dann vermisst er ein Gemälde, das immer an der Wand hing. Aber das sind nur Kleinigkeiten.

Plötzlich steht ein fremder Mann in der Wohnung, der behauptet, der Gatte seiner Tochter zu sein. Und das schon seit zehn Jahren. Aber hat Anne nicht gerade noch erklärt, sie wolle noch Paris ziehen, um nach vielen Jahren der Einsamkeit endlich wieder mit einem Mann zusammenzuleben? Als Anthony den Mann hinauswerfen will, versteift sich der sogar dazu, dies sei gar nicht Anthonys, sondern Annes Wohnung. Und dann kommt noch eine Fremde zur Tür herein. Und gibt sich als Anne aus.

Der Zuschauer wird in die Rolle des Dementen gezwungen

Es gibt bereits zahlreiche Filme, die das Tabuthema Demenz behandeln, und auch schon etliche Filmstars, die darin glänzten. Judi Dench etwa in „Iris“, Julie Christie in „An ihrer Seite“ oder Julianne Moore in „Still Alice“. Viggo Mortensens Demenzdrama „Falling“ läuft derzeit noch im Kino. Aber all diese Filme näherten sich dem Thema von außen, beobachten also die erkrankte Person und zeigen deren geistigen Verfall auf.

„The Father“ von Florian Zeller, der ab Donnerstag, den 25. August in unsere Kinos läuft, ist anders. Weil er zu großen Teilen die Perspektive des Erkrankten einnimmt. Und dabei bewusst mit der Wahrnehmung des Zuschauers spielt. Mal sind es nur kleine Details, Möbel, die verrückt sind, Türen, die woanders hinführen. Und da es in dieser Wohnung ziemlich viele Flure und Türen gibt, offenbart jede Kamerafahrt neue Überraschungen. Aber die Verwirrung wird größer und offensichtlicher, wenn die eigentlich topmoderne Küche plötzlich ganz rustikal eingerichtet ist. Oder wenn eben nicht Olivia Colman im Flur steht, sondern Olivia Williams.

Der Film wirkt wie eines der berühmten verwirrenden Bilder von M. C. Escher, die scheinbar logisch aufgebaut sind und doch immer in die Irre führen. An nichts kann man sich festhalten, ständig wird einem der Boden unter den Füßen weggezogen. Der Film zwingt dem Betrachter die Perspektive des Demenzkranken auf. Wobei man sich immerzu selbst die Frage stellen muss: Was ist wahr, was Halluzination? Eine immersive Erfahrung, gegen die man sich genauso wehrt wie jener Anthony gegen die Ahnung, er könnte verwirrt sein. Nicht ich bin verrückt, die anderen sind es, das ist seine Abwehrreaktion in starken Momenten. Dann sieht er sogar eine Verschwörung von Erbschleichern, die ihn aus dem Haus vertreiben soll. Dann aber gibt es wieder Momente, in denen er ganz in sich zusammenfällt. Und keinen Halt mehr sieht. Sind das alles nur Halluzinationen? Auch der Zuschauer kommt da zunehmend ins Schwimmen.

Hintergrund

Florian Zeller, 1979 in Paris geboren, wurde mit dem Thema Demenz in seiner eigenen Familie konfrontiert. Und hat es zunächst in einem Theaterstück „Le père“ verarbeitet, das 2012 in Paris uraufgeführt wurde. 2015 wurde es schon einmal verfilmt, mit Jean Rochefort und Sandrine Kiberlain unter dem Titel „Floride“. Dann aber hat sich der Dramatiker selbst darangesetzt und mit dem Briten Christopher Hampton, der seine Stücke ins Englische übersetzt hat, ein Drehbuch entwickelt. Das Zeller dann auch selbst verfilmt hat. Dabei vermeidet der Regiedebütant konsequent die üblichen Taschenspielertricks des Kinos, wie man versucht, das Bühnenhafte von Theateradaptionen vergessen zu machen. Indem man mehr Figuren aufbietet etwa oder den Spielraum erweitert. Nein, Zeller hält an der Konstellation seines Kammerspiels fest.

GOLDENE KAMERA Kino-Tipp, weil...

Der Film spielt fast ausschließlich in der großen, verschachtelten Wohnung, die wie eine letzte Festung und Verschanzung des Dementen wirkt. Und Zeller betont noch diese Reduktion, ja steigert den huis clos, den geschlossen Raum, ins Paranoide.

Vor allem aber verlässt er sich dabei ganz auf seine Schauspieler Olivia Colman und Anthony Hopkins. Letzteren wollte er unbedingt haben für diese Rolle, für ihn hat er den Film entwickelt. Und obschon Hopkins in seiner langen Karriere wahrlich viele beeindruckende Leistungen vollbracht hat, dürfte dieser verzweifelte Alte, der seine Demenz leugnet und verdrängt, eine seiner stärksten sein. Er darf hier eine ganze Bandbreite an Gefühlen spielen: von Wut, Empörung und Bosheit über verletzten Stolz und Verbitterung bis zu ganz zarten Momenten der Verletzlichkeitkeit und Verlorenheit.

In Olivia Colman hat Hopkins eine kongeniale Partnerin. Die Szenen zwischen ihnen lassen niemanden unberührt. Denn auch ihre Anne ist verzweifelt, weil sie ihrem Vater helfen will und es doch allein nicht kann.

Eindringliches Kammerspiel für zwei große Mimen

Der Film deutet an, dass sie viele Opfer für ihn auf sich nimmt. Und dass auch ihre Ehe in die Brüche gegangen ist, weil sie sich zu sehr um ihren Vater kümmert. Aber das bleibt, wie so vieles, nur angedeutet. Denn auch das ist eine Stärke dieses Films. Dass vieles ungesagt bleibt oder auf der Zunge verbissen wird. Umso beredter die Gesten und Blicke der Hauptdarsteller. Der Film offeriert ihnen eine große Bühne. Und sie wissen sie einzunehmen und auszuspielen. Der so verstörende wie einmalige Kniff, den Zuschauer in die Rolle des Erkrankten zu zwingen, nimmt buchstäblich gefangen. Und der Film, der naturgemäß kein gutes Ende nehmen kann, aber sich auch da jeglicher Sentimentalität enthält, wirkt lange nach.

„The Father“ war für sechs Oscars nominiert. Zwei hat er bekommen. Für das beste Drehbuch. Und den besten Hauptdarsteller. Für den mittlerweile 83-jährigen Hopkins war es der zweite Oscar, nach „Das Schweigen der Lämmer“ vor 29 Jahren. Schon das war ein später Durchbruch: Hopkins war damals bereits 54 und glaubte nicht mehr an eine große Karriere. Doch erst danach hat er seine größten Rollen gespielt und sich als einer der vielseitigsten Charakterdarsteller des internationalen Kinos etabliert. Er hat sein Talent freilich auch immer wieder mit einer gewissen Verachtung an routinierte Streifen verschwendet. Wie etwa im Thriller „The Virtuoso“, den ein berechnender Verleih nun genau am selben Tag startet wie „The Father“. „The Virtuoso“ dürfte bald wieder vergessen sein, „The Father“ aber wird bleiben als eine von Hopkins’ reifsten und tiefsten Leistungen.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Rubrik Kultur der Berliner Morgenpost.