"Ein nasser Hund": Als Jude unter Gang-Brüdern im Wedding

In „Ein nasser Hund“ (ab Donnerstag, 9. September im Kino) sucht ein iranischer Jude die Anerkennung muslimischer Gang-Brüder im Wedding.

Arye Sharuz Shalicar hat 2010 ein wichtiges Buch geschrieben. In seiner Autobiographie „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“ erzählt er eindringlich, wie er als iranischer Jude seinen Glauben verstecken musste, um im harten Wedding der 90er-Jahre die rechte Anerkennung unter den muslimischen Türken und Kurden rund um die Pankstraße zu erobern.

Trailer: "Ein nasser Hund"

Nun, die Pankstraße ist immer noch ein hartes Pflaster, weswegen uns Regisseur Damir Lukacevic gleich zu Beginn seiner ins Heute verlegten Verfilmung hineinwirft in die Welt der Graffiti und Gangs rund um den dominanten Husseyn (Mohammed Eliraqui), der vorneweg geht bei jeder Schlägerei, aber schnell zum Bruder im Geiste wird für den zunächst schüchternen Protagonisten Soheil (Doguhan Kabadayi). Der macht sich aber schnell mit großflächigen Graffiti einen Namen als „King Star“, besteht gar eine Art Initiationsritual, als er in einer Schlägerei ein Mitglied einer verfeindeten Kreuzberger Gang absticht. Also, alles gut, Bruder?

„Ein nasser Hund“: Der Davidstern verschwindet

Natürlich nicht, denn Soheil sieht zwar aus wie ein Muslim, ist aber Jude. Was seine hilflosen Eltern („4 Blocks“-Star Kida Ramadan und Dorka Gryllus) in ihrer kleinen Schneiderei auch hochhalten, aber Soheil erst interessiert, als er wegen seines offen getragenen Davidsterns von zwei Fremden übel angegangen wird.

Fortan verschwindet der Stern, und die Freunde kommen, was nicht gutgehen kann. Weil erstens auf der Straße im Wedding jeder jeden kennt und ausgerechnet die zarte Selma (Derya Dilber), in die sich Soheil langsam verliebt, in der Schneiderei zufällig Soheils Besucher aus der jüdischen Heimat entdeckt. So zieht sich langsam die Schlinge über Soheil zu.

„Ein nasser Hund“: Laiendarsteller sprechen die Sprache der Straße

Straßennamen, Straßenzüge, Spielplatz, Schlägerei, Sprayerei – „Ein nasser Hund“ wirft den Zuschauer mit großer Authentizität mitten hinein ins Gang-Leben. Die Darsteller, größtenteils, Laien, sprechen die Sprache der Straße, bewegen sich wie in ihrem natürlichen Umfeld vor der stets präsenten Handkamera und schaffen eine Unmittelbarkeit, die fesselt, aber auch zuweilen plakativ wirkt. Verstörende Sätze wie „Juden sind Lügner“ werden dabei allzu häufig ausgesprochen, um den nicht nur latenten Antisemitismus der Gang-Brüder zu verdeutlichen.

„Ein nasser Hund“: Liebesgeschichte und Buddy-Movie

Stark ist der Film aber vor allem, wenn er sich zurücknimmt und seine Personen nicht an die Wand stellt. Wenn Husseyn Soheil mit in die Moschee nimmt, zur Vergebung der Sünden vor Allah, an den Soheil natürlich nicht glaubt. Wenn Soheil Rückschläge in seinem langsamen Coming Out als Jude erfährt, wenn er immer wieder die strengen Sicherheitskontrollen in der Jüdischen Gemeinde passieren muss, weil er halt nicht wie einer aussieht, der da hingehört.

Oder wenn er mit Husseyn Plastikdeckel für einen guten Zweck sammelt – und mit dieser guten Tat Selma beeindrucken kann. Dann ist „Ein nasser Hund“ auch Liebesgeschichte und Buddy-Movie. Und weil Regisseur Lukacevic gleich zu Beginn eine falsche Fährte legt, deren Ziel er erst ganz am Ende verrät, weitet sich der Film aus den engen Straßen des Wedding hinaus und hinein in den Israel-Palästina-Konflikt. Interessant.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Rubrik Kultur der Berliner Morgenpost.