Sabin Tambrea: "Am Set übernimmt der Goldmund in mir"

Sabin Tambrea spielt den Narziss in der neuen Verfilmung von Hermann Hesses "Narziss und Goldmund".
Sabin Tambrea spielt den Narziss in der neuen Verfilmung von Hermann Hesses "Narziss und Goldmund".
Foto: RBB
Eigentlich wäre gerade viel los im Leben von Sabin Tambrea: Sein neuer Kinofilm "Narziss und Goldmund" ist vor kurzem angelaufen und die Fortsetzung der „Ku’damm“-Reihe steht an. Doch das Corona-Virus sorgt auch bei ihm für Entschleunigung.

Seit Donnerstag läuft "Narziss und Goldmund" im Kino. Doch aufgrund der Corona-Krise werden nur wenige Zuschauer die Verfilmung des weltweiten Hermann-Hesse-Bestsellers im Kinosaal sehen können. Darüber dürfte besonders Hauptdarsteller Sabin Tambrea traurig sein. Denn der "Ku'damm"-Star betonte in der Vergangenheit immer wieder, dass der Film für ihn ein echtes "Herzens-Projekt" sei. Nach dem Ende der Dreharbeiten im Oktober 2018 schrieb er bei Facebook: "Ich freue mich sehr auf den Zeitpunkt, an dem dieser Film auf Zuschauer trifft, denn es war eine Zeit voll schönster Begegnungen und beglückender schauspielerischer Arbeit."

Der in Rumänien geborene Tambrea (35), der als Zweijähriger nach Deutschland kam, spielt in "Narziss und Goldmund" den frommen Narziss, der später Abt des Klosters wird. Der als "Wunderknabe" geltende Novize freundet sich im mittelalterlichen Kloster Mariabronn mit dem jungen Klosterschüler Goldmund (Jannis Niewöhner) an, der so ganz anders ist als Narziß: Ein Träumer, getrieben von Leidenschaft und Schuldgefühl. Als Goldmund beschließt Mönch zu werden, ermutigt dieser ihn, das Kloster zu verlassen.

Trailer: Narziss und Goldmund

Sabin Tambrea sprach mit GOLDENE KAMERA exklusiv über „Narziss und Goldmund“ und die Dreharbeiten von „Ku’damm 63", bei denen er übrigens immer seine Kamera dabei hat, um die Dehpausen sinnvoll zu nutzen. Am Ende der „Ku’damm“- Staffeln waren es jeweils über 10.000 Bilder, die er am Set geschossen hat. Die Dreharbeiten zu "Ku'damm 63" sind - wie bei vielen anderen Produktionen auch - derzeit unterbrochen.

Sabin Tambrea im Interview

GOLDENE KAMERA: In Narziss und Goldmund geht es um die Dualität von Geistes- und Genussmensch. Zu welcher Kategorie würdest Du Dich zählen?

Da kann ich mich nicht festlegen, manchmal ist es tagesformabhängig. Als Schauspieler friste ich der Vorbereitung ein Narziss-Dasein, am Set übernimmt der Goldmund in mir, da ich dort auf unberechenbare Impulse reagieren muss. Ich denke, jeder Mensch ist eine Mischung dieser beiden Charaktere und je nachdem, wie die Gewichtung ausfällt, fühlt man sich eher Narziss oder Goldmund zugehörig. Aber man ist in den seltensten Fällen nur ein Teil von diesen beiden.

Es gibt dies e sehr schöne Szene, in der Du im Kloster die Rezitation übernimmst und Kraft Deiner Stimme die schlafenden und gelangweilten Brüder „erweckst“. Wie spielt man solch eine messianische Strahlkraft? Speziell wenn einem das System dahinter fremd ist.

Für mich als Atheist war bei dieser Figur die Hauptschwierigkeit, einen Menschen zu spielen, der ohne jede Einschränkung an Gott glaubt. Man muss es ernst nehmen, man muss die Religion und was sie für Narziss und die damalige Zeit bedeutet glaubwürdig rüberbringen. Ich musste dieses Gefühl übersetzen und für mich hat Musik eine vergleichbare Wirkung. Da habe ich die Chance gleich beim Schopfe gepackt, denn die Musik, die man da vom Orchester hört, habe ich selber komponiert. Ich komponiere für jede meiner Rollen eine Art Soundtrack, den ich mir zur Einstimmung anhöre. Und hier hat es sehr gut gepasst, weil Musik einem Glauben und Hoffnung schenken oder Ängste verschwinden lassen kann. Glücklicherweise hat sich Regisseur Stefan Ruzowitzky darauf eingelassen, und meine Musik in den Film übernommen.

Zur Vorbereitung haben Jannis und Du mehrere Tage in einem Kloster verbracht. Welchen Eindruck hat diese Erfahrung bei Dir hinterlassen?

Gott bin ich nicht über den Weg gelaufen. (lacht) Bevor ich im Kloster war habe ich immer gedacht, dass es spannend wäre, irgendwann zu zeigen, wie Narziss an Gott zweifelt. Aber nachdem ich dort war und erlebt habe, wie fest diese Menschen in ihrem Glauben sind, habe ich eingesehen, dass Narziss diese Zweifel nicht kommen dürfen. Diese Erkenntnis war für mich das Wichtigste: Dass Narziss – egal was passiert – immer dieser Hoffnungsschimmer bleibt und dass er dadurch an den vielen Schicksalsschlägen nicht zugrunde geht.

Der Film ist auch die Feier einer besonderen Männerfreundschaft. Die homoerotischen Untertöne sind schon bei Hermann Hesse angelegt, treten im Film aber inszenatorisch deutlicher zu Tage. War das Absicht?

Im Roman ist es expliziter beschrieben als bei uns. Ich war bei der Re-Lektüre auch total erstaunt. An einer Stelle sagt Narziss zu Goldmund: „Deine Träume sind von Mädchen, meine von Knaben.“ Da waren wir dezenter. Wir haben aber nie Überlegungen gehabt, ob wir das jetzt zuspitzen oder entschärfen. Es sollte nur klar werden: Wäre Narziss ein sexuell aktiver Mensch, würde er wahrscheinlich Männer lieben, aber das religiöse Verbot verwehrt es ihm.

Was macht Hesses Mittelalterstoff in Deinen Augen so zeitlos?

Er ist zeitlos, weil jede Altersklasse etwas Eigenes und stetig etwas Neues in diesem Werk erkennen kann, sowie man es mit erweiterter Lebenserfahrung neu liest. Es liegt wirklich ein Schatz in diesem Buch, der sich nie erschöpft.

Mit „Ludwig II“, „Das Geheimnis der Hebamme“, den „Ku’damm“-Filmen und zuletzt „Babylon Berlin“ bist Du schon oft in historische Stoffe eingetaucht. Was ist für Dich persönlich der besondere Reiz am historischen Format?

Es ist eine Bereicherung, dass ich frühere Geschichtskapitel kennenlernen darf. Ich erweitere quasi meinen Horizont und sehe gleichzeitig, dass die Probleme immer die gleichen sind und die Menschen sich gleich dumm bleiben. Zumindest in dieser Hinsicht ist auf den Menschheit Verlass! (lacht)

Ist diese Horizonterweiterung auch der Grund, dass sich historische Stoffe vor allem im Fernsehen großer Beliebtheit erfreuen? Oder ist es eher die Flucht in eine bessere bzw. unkompliziertere Welt?

Das ist schwer zu beantworten. Ich persönlich bin des aktuellen Hasses im Internet und in den sozialen Medien jedenfalls überdrüssig. Deshalb tut es manchmal wirklich gut, ins unbekannte, warme Becken zu springen und nicht wie sonst ins Eisbecken der zeitgenössischen Realität. (lacht)

Du steckst gerade mitten in den Dreharbeiten zu „Ku’damm 63“. Was kannst Du uns verraten? Wo geht die Reise für Joachim Franck und seine Monika hin?

In den Himmel, in die Hölle und wieder zurück! Es geht wirklich durch alle Gefühlsebenen, die man sich vorstellen kann.

Dass heißt, Joachims extremer charakterlicher Wandel setzt sich fort?

Ja, absolut! Ich war beim lesen selber erstaunt, was noch alles in diesen Figuren steckt. Man kann leider nicht mehr verraten, ohne dass man den Menschen die Überraschung nimmt.

Und was für eine Art Lied oder Melodie hast Du für Joachim Franck komponiert?

Bei Joachim geht es in Richtung klassischer Filmmusik. Es geht ja um das Gefühl und ich bleibe da immer dem Filmgenre treu. Ich glaube, ich hatte gegenüber der GOLDENEN KAMERA einmal erzählt, dass ich mir für jede Rolle ein eigenes Parfum raussuche. Mit der Musik ist es ähnlich: Man erschafft sich eine wohlige Decke, in die man sich reinlegt, die entweder kühlend pikst, oder sich ganz weich und warm anfühlt.