„Bis jetzt ist mir noch keiner auf die Schliche gekommen“

Foto: GOLDENE KAMERA/Arne Weychardt
So tickt Liam Neeson, der mit der GOLDENEN KAMERA 2018 für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde.

„Wenn du meine Tochter jetzt freilässt, soll’s das gewesen sein. Ich werde nicht nach dir suchen, ich werde dich nicht verfolgen. Aber wenn nicht, dann werde ich nach dir suchen und ich werde dich finden. Und ich werde dich töten“. Mit diesen Worten nahm die sowieso schon sensationelle Hollywood-Karriere von Liam Neeson eine seltene Wendung.

Der im nordirischen Ballymena geborene Brite hatte für die Schauspielerei seine Lehrerausbildung abgebrochen und war 1987 nach Los Angeles gezogen. Mit der Hauptrolle des Oskar Schindler in Steven Spielbergs erschütterndem Epos „Schindlers Liste“ (1993) wurde Liam Neeson – zurecht – über Nacht berühmt, für den Oscar nominiert und landete auf der A-Liste der Charakterschauspieler. Furchtlos nahm der heute 65-Jährige die mutigen und intensiven Rollen als schottischer Volksheld in „Rob Roy“ (1995) und als irischer Freiheitskämpfer in „Michael Collins“ (1996) an, für letztere wurde er auf den Filmfestspielen in Venedig als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet.

Sein Lieblingsfilm heißt „Michael Collins“

Bis heute ist „Michael Collins“ sein Lieblingsfilm, wie er im exklusiven Interview mit GOLDENE KAMERA verrät: „Vor allem, weil Regisseur Neil Jordan 14 Jahre warten musste, bis er endlich diesen Film drehen konnte. Denn Michael Collins war und ist immer noch eine sehr kontroverse Figur in der irischen Politik und bei der Geburt der Republik Irland.“ Überraschend steht nicht „Schindlers Liste“ ganz oben auf seiner Liste. „Was meine Schauspielleistung betrifft, gehört dieser Film nicht zu meinen Lieblingen. Trotz Oscar-Nominierung bin ich mit meiner Darbietung immer noch unzufrieden. Es gibt zwar einige Szenen, die mir gefallen, und ich finde, dass Steven einen wunderbaren Film gedreht hat. Aber er hätte einen anderen Schauspieler für die Rolle von Oskar Schindler wählen sollen“.

Liam Neeson wurde zum echten „Vieldreher“ mit über 100 Filmen und zusätzlichen Rollen am Broadway, was er stets mit der Arbeitsethik seiner Heimat erklärt. So war er als weiser Jedi-Ritter Qui-Gon Jinn in „Star Wars Episode I – Die dunkle Bedrohung“ (2001), als trauernder Witwer in „Tatsächlich... Liebe“ (2003) oder als Bösewicht Ra’s Al Ghul in „Batman Begins“ (2005) und in „The Dark Knight Rises“ (2012) zu sehen.

Erster Action-Film im Alter von 54 Jahren

Doch mit der oben zitierten, berühmten Telefon-Szene als Ex-CIA-Agent Bryan Mills, der seine Tochter aus den Fängen von Verbrecher rettet, in dem knallharten, gradlinigen, schön dreckigen Action-Hit „96 Hours“ (2009) – und natürlich den dortigen Schläger- und Schießereien – wurde aus dem Charakterschauspieler zusätzlich ein Actionheld, der nicht nur in zwei Fortsetzungen, sondern in vielen weiteren Hits wie etwa dem unterschätzten „The Grey – Unter Wölfen“ (2012), „Non-Stop“ (2014) und zuletzt „The Commuter“ (2018) Erfolge feierte. Liam Neeson bewies: Action ist erst dann glaubwürdig, wenn eine körperliche Topverfassung (als dreifacher irischer Jugendmeister im Schwergewicht für ihn kein Problem…) und große Schauspielkunst aufeinandertreffen.

„„Als ich „96 Hours“ drehte, war ich 54. Ich hatte bis dahin immer nach einer Rolle gesucht, die mich auch körperlich herausfordert. Es gab einige Filme, in denen ich ein Schwert schwingen durfte. Oder ein Lichtschwert, wie in den „Star Wars“-Filmen.“ Die Rolle überhaupt zu bekommen, war allerdings nicht so einfach: „Als ich das Drehbuch zu „96 Hours“ las, meldete sich der kleine Junge in mir, und der Gedanke, drei Monate in Paris zu drehen und mit Stuntmännern Kampfszenen einzustudieren, gefiel mir. Aber die Rolle fiel mir nicht in den Schoß. Auf dem Shanghai Film Festival, wo ein Film meiner Frau lief, war Luc Besson, der Drehbuchautor von „96 Hours“, in der Jury. Ich sprach ihn an und fragte, ob er mich auf seine Castingliste setzen könnte...“

Trailer: "96 Hours"

Nach dem tragischen Tod seiner Frau Natasha Richardson nach einem Skiunfall 2009, half der Beruf Liam Neeson in einer schweren Zeit. „Mein Job kann sehr kathartisch sein. Der Film „The Grey – Unter Wölfen“ hat mir nach dem Verlust meiner Frau sehr geholfen. Auf dem ersten Blick besteht kein Zusammenhang zwischen dieser fantastischen Geschichte eines Mannes, der von Wölfen gejagt wird, und dem tragischen Unfall einer Liebsten. Aber die Dreharbeiten in Kanadas Wildnis waren erlösend für mich“.

Er ist überzeugt davon, dass seine Frau heute bei den Protesten der #MeToo-Bewegung mitmarschieren würde. „Früher habe ich Politik gehasst. Ich bin mit politischen Unruhen und Gewalt in Nordirland aufgewachsen. Als Student der Queen’s University in Belfast habe ich miterlebt, wie Bomben im Stadtzentrum explodierten und Tag und Nacht Panzerwagen durch die Straßen rollten. Als Vater, als Wähler und heute 65-jähriger Mann will ich aber wissen, was in der Welt und in unserer Gesellschaft passiert. Dass Menschen, vor allem Frauen, auf die Straße gehen und protestieren, das habe ich schon viele Jahre nicht mehr gesehen. Ich finde das toll und gewaltig! Und wir Männer sollten dieser Bewegung den Rücken stärken. Am wichtigsten ist dabei eine gute Ausbildung. Ich bin Sonderbotschafter von Unicef, und gelegentlich bekomme ich Einblick in schreckliche Statistiken. Ein Beispiel: 135 Millionen Mädchen in Entwicklungsländern wird eine Schulausbildung verweigert. Wenn wir jetzt über Lohngleichheit bei Frauen und Männern sprechen, müssen wir über Ausbildung sprechen. Erst wenn Mädchen in der ganzen Welt zur Schule gehen dürfen, wird die Welt ein Stückchen besser sein“.

Ein guter Rat von Clint Eastwood

Die Auszeichnung mit der GOLDENEN KAMERA 2018 für sein Lebenswerk ist dem Nordiren – wie alle seiner vielen Preise – eher peinlich. „Ich fühle mich sehr geehrt. Um ehrlich zu sein, auch ein bisschen wie ein Betrüger, weil jeder Film ein Gemeinschaftswerk ist. Aber ich weiß, dass jede Preisverleihung mehr Menschen ins Kino lockt, und komme auf alle Fälle gerne." In seiner Dankesrede erzählte der Nordire eine witzige Anekdote über den Beginn seiner Karriere: „Vor 30 Jahren habe ich einen Film mit Clint Eastwood gedreht. Ich hatte eine kleine Rolle und war mit dem Text unzufrieden. Ich fragte Clint, wie ich damit umgehen sollte. Und er sagte:’ Du hast deine Zeilen, sag sie doch einfach’. Und genau daran habe ich mich immer gehalten.“

Hoffen wir, dass Liam Neeson seine Ankündigung, keine Actionfilme mehr zu drehen, noch einmal überdenkt. „Wenn der Moment kommt, dass ein Stuntman das übernehmen muss, werde ich das Actiongenre an den Nagel hängen. Ich gebe mir vielleicht noch 18 Monate oder zwei Jahre“, bleibt er gegenüber GOLDENE KAMERA vorsichtig. Dies würde ja reichen für die Actionszenen von „Marlowe“, den für 2019 angekündigten Film mit Liam Neeson als Detektiv-Legende Philip Marlowe, mit dem er dann auf Augenhöhe mit Humphrey Bogart wäre...

Das war die GOLDENE KAMERA 2018