Vanessa Redgrave: "Ich fühle mich geehrt"

Leider konnte Vanessa Redgrave die GOLDENE KAMERA für ihr Lebenswerk persönlich entgegennehmen, dafür sprachen wir mit ihr über die Liebe zur Arbeit und ihren Eltern.

Wegen eines Unfalls musste Vanessa Redgrave ihre Reise nach Berlin absagen und ihren Ehemann Franco Nero bitten, für sie die GOLDENE KAMERA entgegenzunehmen. Wir konnten sie dennoch sprechen.

Interview mit Vanessa Redgrave

Nach der GOLDENEN KAMERA1993 für "Howard's End" und "Die junge Katharina" erhalten Sie jetzt eine GOLDENE KAMERA für Ihr Lebenswerk. Welche Emotionen löst ein Preis dieser Kategorie bei Ihnen aus?

Ich habe bereits fast zehn Auszeichnungen fürs Lebenswerk erhalten, die letzte war im Sommer 2018 in Venedig. Natürlich ist es wunderbar, dass die GOLDENE KAMERA entschieden hat, mir einen Preis für mein Lebenswerk zu verleihen. Es ist für mich keine neue Situation, aber ich begegne ihr mit viel Dankbarkeit.

Sie scheinen nicht an Ruhestand zu denken und es ist beeindruckend, wie viele Dinge Sie tun - gönnen Sie sich ab und zu eine Pause?

Oh, ich genieße meine Arbeit. Ich habe Glück, einer der wenigen Menschen zu sein, die ihre Arbeit wirklich genießen. Ich fühle mich in gewisser Weise geehrt, Teil der Künste zu sein - im Theater, im Film. Aber ich mag es auch, Zeiten zu haben, die ich mit meiner Familie verbringen kann.

Sie haben spannende Filmprojekte abgedreht, etwa "Georgetown" von Christoph Waltz. Der Film basiert auf dem Leben der US-Deutschen Viola Drath, eine wohlhabende Witwe aus der High Society in Washington D.C. Sie heiratete im Jahr 1990 den 40 Jahre jüngeren Albrecht Gero Muth, der dann 2012 des Mordes an ihr verurteilt wurde. Wie war es, mit Waltz zusammenzuarbeiten?

Nun, wieder hatte ich großes Glück. Erstens, weil das Skript ein wirklich interessantes ist. Und zweitens, weil nicht nur Christoph Waltz die Hauptrolle übernahm und Regie führte, sondern auch Annette Bening mit von der Partie war, die ich sehr bewundere.

Bis Januar haben Sie im Londoner West End in "The Inheritance" mit vielen jungen Schauspielern gespielt. Das Ensemble wurde damit überrascht, dass Sie ein Mitglied der Besetzung waren. Sind die Kollegen zuerst ein wenig überwältigt gewesen?

Nein, das nun wirklich nicht. In der Tat waren sie überrascht, denn unser hervorragender Regisseur Stephen Daldry ("The Hours", Anm. der Red.) hatte es bis zu einem gewissen Zeitpunkt geheim gehalten. Aber ich bin froh zu sagen, dass sie sehr glücklich darüber waren.

Warum hat Sie gerade dieses Stück auf die Bühne gelockt?

Es zeugt von tiefem Verständnis über die Tragödie, die AIDS einer ganzen Generation angetan hat. Viele aus der heutigen jungen Generation wissen davon nichts. Aber bei einem großen Schriftsteller, wie zum Beispiel Shakespeare, stellt man fest, dass inmitten einer großen Tragödie auch hoch Komisches Platz hat, denn so ist das Leben. Das Gleiche findet man auch bei Matt Lopez, dem wunderbaren Autor von "The Inheritance".

Ihre Karriere erstreckt sich bereits über mehr als fünf Jahrzehnte, Sie haben über 140 Rollen gespielt - Haben Sie Favoriten unter den Rollen, die Sie gespielt haben und an die Sie sich gerne erinnern?

Nein, so lebe ich nicht. Es gibt einige Rollen, die herausfordernder sind, es gibt einige Regisseure, die inspirierender sind. Aber ich versuche immer, die beste Arbeit zu leisten, so wie es mir möglich ist.

Video-Highlights | GOLDENE KAMERA 2019
Video-Highlights | GOLDENE KAMERA 2019

Sie sind in einer Familie von Schauspielern und Schauspielerinnen aufgewachsen - hat es Ihnen gefallen, dass Ihre Eltern Schauspieler waren?

Natürlich! Warum sollte es mir nicht gefallen haben? Schon sehr früh, als ich vier Jahre alt war, spielte ich kleine Theaterstücke und versuchte, auf diese Art Spenden für die Marine zu sammeln, damit sie während des Zweiten Weltkrieges Lebensmittel nach Großbritannien bringen konnte. Ich hatte einen Freund, der evakuiert wurde – das, was wir jetzt einen Binnenvertriebenen nennen. Er war 7 Jahre alt und liebte das Theater, und er schrieb einige Stücke und brachte mir bei, sie zu spielen, was ich liebte. Dank eines siebenjährigen Flüchtlings in seinem eigenen Land wurde ich Schauspielerin.