Im Gespräch mit "Club der roten Bänder"-Mitglied Ivo Kortlang

Die meisten kennen Ivo Kortlang als Toni in der Erfolgsserie "Club der roten Bänder". In unserer Rubrik 'GOKA-Talents' stellen wir den 22-jährigen Mann hinter der Rolle vor.

Seit dem 7. November geht immer montags um 20.15 Uhr auf VOX eine Erfolgsgeschichte weiter, mit der im Vorfeld kaum einer gerechnet hatte. Die Eigenproduktion "Club der roten Bänder", die auf dem autobiografischen Bestseller des Spaniers Albert Espinosa basiert und mit Fernsehpreisen überhäuft wurde, erzählt die Geschichte von einer Gruppe krebskranker Jugendlicher, die im tristen Klinikalltag ein besonderes Band der Freundschaft knüpfen. In der zweiten Staffel gibt es jetzt ein Wiedersehen mit Leo, Jonas, Alex, Emma, Hugo und Toni, die angesichts voranschreitender Heilungen erleben müssen, dass ihre innige Leidensgemeinschaft auseinander zu brechen droht...

Trailer zur 2. Staffel von "Club der roten Bänder"

Ivo Kortlang im Portrait

Dass Ivo Kortlang in der anspruchsvollen Rolle des unter einer milden Ausprägung des Asperger-Syndroms leidenden "Club der roten Bänder"-Mitglieds Toni Vogel unter Beweis stellt, wie man mit zurückgenommenen Spiel große Schauspielwirkung entfaltet, haben wir Mozarts "Zauberflöte" zu verdanken. Denn obwohl der 1994 geborene Berliner jede freie Kindheitsminute vor dem heimischen Röhrenfernseher verbrachte, war das darstellende Spiel nichts, was sich Klein-Ivo als Lebensinhalt vorstellen konnte. Das änderte sich, als der damals 11-Jährige in einer Aufführung seiner Waldorfschule ins Federkleid des Papageno schlüpfte und danach von einer Freundin, die bei "Die wilden Hühner" mitgespielt hatte, ermutigt wurde, es doch mal mit der Schauspielerei zu versuchen. Also meldete ihn seine Mutter in einer Komparsenagentur an, über die er 2007 für den Studentenabschlussfilm "Sara" gecastet wurde. Regisseurin Basia Baumann erkannte Ivos Potential und vermittelte ihn an eine richtige Schauspielagentur. Mit dem Ergebnis, dass der Schüler dank einer Sondergenehmigung auch vor der Kamera einen Lernprozess durchlaufen konnte, dessen Stationen von kleinen Episodenauftritten in etablierten TV-Formaten wie "Soko 5113" oder "Großstadtrevier" bis zu markanten Nebenrollen in Kinofilmen wie "Doktorspiele" (2013) oder "Bibi & Tina: Voll verhext!" (2014) reichten.

Zu seiner Durchbruchrolle in "Club der roten Bänder" musste Ivo indes von seiner Agentin überredet werden. Als ihn das Angebot erreichte, verbrachte der frischgebackene Abi-Absolvent eine soziale Auszeit in Palästina und brachte dem Projekt aus der Ferne zunächst gesunde Skepsis entgegen. Schließlich gab es im deutschen Fernsehen schon genug Krankenhausserien und für eigene Fiction-Formate war VOX zu diesem Zeitpunkt auch nicht gerade bekannt. Nach vielversprechenden Vorgesprächen mit den Serienmachern buchte der erfahrungshungrige Jungmime, der derzeit neben Katharina Schüttler und Benno Fürmann für die Coming-of-Age-Komödie "Ellas Baby" von Helmut-Dietl-Sohn David vor der Kamera steht, dann aber doch einen früheren Rückflug. Eine Entscheidung, die nicht nur im Hinblick auf die schauspielerische Herausforderung goldrichtig war, wie der 22-Jährige im Gespräch mit der GOLDENEN KAMERA deutlich macht: "Eine Kollegin sagte mir letztens: 'Es gibt immer ein bestimmtes Projekt, mit dem man den ersten großen Erfolg hatte und an das sich die Leute immer erinnern werden.' Ich bin unglaublich dankbar, dass es bei mir 'Club der roten Bänder' war, weil die Serie eine Message raussendet, die vor allem bei Betroffenen Anklang findet."

Ivo Kortlang im Interview

Was hat Dich ursprünglich an der Schauspielerei gereizt und wie hat sich diese Begeisterung über die Jahre verändert?

Eine wunderschöne Frage. Wenn ich ehrlich zu mir selber bin, war die Schauspielerei am Anfang einfach nur da. Ich habe das einfach gemacht und war mit dem Herzen noch gar nicht richtig dabei. In der Schule war Biologie voll mein Ding und das einzige Fach, in dem ich gerne Hausaufgaben gemacht habe. Also dachte ich: Nach dem Abitur werde ich Biologie studieren. Während des Abis habe ich aber recht viel gedreht und gemerkt, wie unglaublich viel Spaß mir das macht. Geschichten erzählen ist etwas Wunderschönes, denn Menschen versammeln sich, um sich gemeinsam Geschichten anzuschauen, gemeinsam zu lachen, gemeinsam zu weinen.

Wie hat sich diese Erkenntnis auf Dein Schauspielverständnis ausgewirkt?

Damals hat bei mir eine Entwicklung eingesetzt, die bis heute fortdauert: Ich bin interessiert an Wahrhaftigkeit. Es ist mir enorm wichtig, in den Rollen eine Wahrhaftigkeit zu finden. Herauszufinden, warum sie die Dinge, die sie tun, wirklich tun. Oft erscheint das so irrational und oberflächlich. Das machen wir Menschen und auch Schauspieler ja unglaublich gerne, einfach ein Klischee reinzuhauen. Das trifft aber in den wenigsten Fällen den Punkt. Da ist immer eine tiefere, wahrhaftigere Ebene. Und das herauszufinden und in der Vorbereitungszeit daran zu knobeln, wofür meine Rolle kämpft, führt zu einer unglaublichen Liebe und Verbundenheit zu der Figur. Kurz gesagt: Meine Einstellung zur Schauspielerei hat sich total verändert. Sie ist mein Leben geworden.

Welche drei Rollen vor dem Durchbruch mit "Club der roten Bänder" waren für Dich rückblickend besonders bedeutend und warum?

Für mich sind rückblickend die Rollen bedeutend, bei denen ich immer mehr gemerkt habe, dass die Schauspielerei meine Passion ist. Angefangen hat es 2010 mit meiner ersten größeren Rolle im Kinofilm "Ameisen gehen andere Wege". Da habe ich zum ersten Mal verstanden, was es bedeutet, eine Figur zu kreieren. Damals war ich 16 Jahre und in einem Alter, in dem Du eigentlich noch gar nicht richtig reflektierst. Aber hier war ich dazu quasi gezwungen und das war extrem spannend. Denn dann kommt es zu ganz vielen Aha-Momenten: "Ach krass, so funktionieren Menschen!" Damals hatte ich die erste richtig bewusste Verbindung zu einer Rolle.

Das erste Mal, dass ich bei einer Rolle richtig in die Tiefe gegangen bin, war "Von jetzt an kein Zurück". Meine Rolle sieht sich in einem dieser total autoritären Jugendheimen der 1960er Jahre dem Prinzip "Survival of the fittest" ausgesetzt und muss extreme Dinge tun, um sich über Wasser zu halten. Das war das erste Mal, dass ich mich mit so einem krassen Schicksal emotional auseinandersetzen musste und abends völlig fertig nach hause gekommen bin. Diese erstmalige Konfrontation mit richtig essentiellen Dingen hat mich überrascht, aber gleichzeitig habe ich gemerkt: Das liegt mir total. Damals habe ich zum ersten Mal versucht, die Wahrhaftigkeit zu finden, von der wir vorhin gesprochen haben. Ich glaube, diese Rolle hat mich an den Punkt gebracht, an dem ich im Moment gerade bin.

Trailer zu "Von jetzt an kein Zurück" (2014)

Die letzte Rolle vor "Club der roten Bänder" war "Bibi & Tina". Dazu muss ich sagen: Egal ob es jetzt eine Komödie oder ein Kinderfilm ist – jeder Mensch und damit auch jede Rolle hat etwas, wofür er kämpft, hat tiefe Ängste und tut Dinge, um am Ende des Tages besser schlafen zu können. Da hatte ich das Vergnügen, mit Detlev Buck zu drehen und es war total spannend zu sehen, dass es da nicht nur um Jux und Dollerei ging, sondern auch diese Leute mit echt großen Dingen konfrontiert sind. Da habe ich auch das erste Mal mit einem Coach zu tun gehabt und erlebt, wie bereichernd es ist, wenn man noch einmal mit einem anderen über die eigene Rolle reflektiert.

Mini-Feature zu "Bibi & Tina: Voll verhext!" (2014)

Wie befremdlich oder bereichernd ist es für Dich, vor der Kamera Coming-of-Age-Rollen zu spielen, während Du selber noch in dieser Lebensphase steckst?

Ein Freund und guter Kollege sagt immer: "So what, benutze es!" Wenn bei einer Rolle Dinge auftauchen, die ich an mir selber sehe, lautet daher meine Devise: gnadenlos mit reinlegen! (lacht) Ich spiele meistens Jugendliche zwischen 16 und 18 und meistens Rollen, bei denen so eine latente Unsicherheit mitschwingt. Das fällt mir mittlerweile schwer, muss ich gestehen. Ich bin jetzt 22 und mir immer sicherer, in dem, was ich tue und auf welche Ziele ich hinarbeite. Diese Sicherheit muss ich immer wieder knacken und loslassen. Das ist eher ein Hindernis, das es immer wieder abzubauen gilt.

Kommen wir zu "Club der roten Bänder". Was erwartest Du Dir von der zweiten Staffel?

Ich würde mich einfach total freuen, wenn die Leute wieder genauso begeistert mit dabei sind und unserer Geschichte folgen. Für mich geht es weniger darum, ob jetzt auch die zweite Staffel wieder so erfolgreich wird. Diese Angst habe ich nicht, denn ich habe das Gefühl, dass wir etwas Gutes abgeliefert haben. Aber ich bin gespannt, ob wir die Leute damit wieder erreichen können. Und wenn das passiert, ist mir die Quote egal.

Du hast gesagt, dass Toni eine besondere Rolle ist. Abgesehen vom Autismus und von seiner telepathischen Begabung – was ist schauspiele