Erfolgsproduzent Quirin Berg: "Wir sind nicht weit von der Weltspitze entfernt"

Quirin Berg: Jury-Mitglied der GOLDENEN KAMERA 2018.
Quirin Berg: Jury-Mitglied der GOLDENEN KAMERA 2018.
Foto: Andreas Wemheuer/GOLDENE KAMERA
Quirin Berg ist Produzent der ersten deutschen Netflix Original-Serie "Dark" und in diesem Jahr auch Mitglied der Jury für die GOLDENE KAMERA.

Gemeinsam mit seinem Partner Max Wiedemann gründete Quirin Berg (39) 2003 die Filmproduktionsfirma Wiedemann & Berg. Gleich mit dem ersten Kinofilm „Das Leben der Anderen“ gewannen sie 2006 den Oscar. Es folgten zahlreiche Produktionen für Kino und TV, bis Netflix im letzten Jahr mit „Dark“ die erste deutsche Serie für den Streamingdienst bei den Münchnern in Auftrag gab. Die Serie läuft seit dem 1. Dezember, wird in 190 Ländern gezeigt und Netflix hat bereits eine zweite Staffel bestellt. Im Interview verrät das diesjährige Jury-Mitglied der GOLDENEN KAMERA, warum sich internationale Serien demnächst auch auf dem US-Markt durchsetzen werden.

GOLDENE KAMERA: Herr Berg, ihre Mystery-Serie „Dark“ ist die erste deutsche Serie für den weltweiten Streamingdienst Netflix. Wie macht man eine deutsche Serie, die weltweit funktioniert?

Quirin Berg: Viele denken: Wenn etwas international Erfolg haben soll, müsse man internationale Elemente einbauen, ob im Setting oder bei der Besetzung. Aber das funktioniert selten. Mit „Dark“ hingegen sind wir bewusst einen anderen Weg gegangen. Wir haben die Geschichte ganz klar in Deutschland verortet und mit einem großartigen deutschen Ensemble gedreht. Gleichzeitig hat die Handschrift der Kreativen – insbesondere von Autorin Jantje Friese und Regisseur Baran bo Odar –eine Qualität auf internationalem Top Niveau. Es geht also eher um das „Wie“, nicht das „Wo“.

Jury-Mitglied der GOLDENEN KAMERA Quirin Berg im Interview

Netflix ist damals an mehrere deutsche Produzenten herangetreten. Sie bekamen den Zuschlag. Wie viele Serienstoffe mussten Sie vorschlagen bevor Netflix anbiss?

Ausgangspunkt für die Gespräche mit Netflix war der Kinofilm „Who am I?“, den wir mit Jantje Friese und Baran bo Odar gemacht haben. Im Thriller-Genre hatte es zuvor lange keinen deutschen Erfolg mehr gegeben. Auch die Verantwortlichen bei Netflix fanden den Film toll. Dann haben wir über einen Zeitraum von einem Jahr zwei, drei Themenideen diskutiert.

Wonach genau hat Netlix gesucht?

Netflix hat nicht vorgegeben wie genau diese eine Geschichte aussehen muss. Netflix hat sondiert mit wem sie gerne zusammenarbeiten würden. Dabei geht es vor allem um die Handschrift der Kreativen. Glücklicherweise hatten Jantje und Bo diese großartige Idee zu „Dark“, die auch schon über ein paar Jahre gewachsen war. Als die beiden es in Los Angeles bei Netflix präsentiert haben, war allen klar: Das ist der richtige Stoff.

Sie sind als Produzent international bestens vernetzt. Welchen Ruf hatten deutsche Serien bislang in der Welt?

Wir Deutschen sind oft sehr bescheiden. Gerade im Vergleich zu den Amerikanern formulieren wir deutlich leiser. Dabei dürften wir sehr selbstbewusst sein. Es kommt schon seit Jahrzehnten große Qualität aus Deutschland – im Kino und im Fernsehen. Und jetzt erleben wir im Entertainmentbereich den ganz großen Wandel durch die Digitalisierung, durch die Streaming-Möglichkeiten. Das ist eine Entwicklung, von der gerade auch all jene profitieren, die immer schon auf hohem Niveau gearbeitet haben. Die Fernseh-Welt schaut gerade sehr, was aus Deutschland kommt. Es gibt einige Serien, die schon jetzt herausstechen.

Zum Beispiel?

Da muss ich die Serie „4 Blocks“ erwähnen – auch wenn sie von uns ist (lacht). Durch den Handlungsort Neukölln ist das erstmal ein sehr spezielles deutsches Thema. Aber auch bei „4 Blocks“ ist es dann die Art und Handschrift der Umsetzung, die zu der grandiosen internationalen Resonanz führt.

Dennoch: Die Serien-Konkurrenz aus USA, Großbritannien aber auch Skandinavien scheint immer noch übermächtig. In welchen Bereichen sind diese Länder Deutschland noch voraus?

Wir sind nicht weit von der Weltspitze entfernt. Es gibt in Deutschland viele großartige Kreative, die auf Weltniveau arbeiten können und es auch tun. Fakt ist aber, dass der deutschsprachige Markt so groß ist, dass er sich lange selbst genug war. In den vergangenen Jahrzehnten bestand wenig Notwendigkeit, Produktionen durch Auslandsverläufe zu finanzieren. Anders dagegen in Skandinavien. Um dort bestimmte Projekte überhaupt finanzieren zu können, holte man Partner wie das ZDF oder die BBC dazu. Der Blick auf den internationalen Markt war dort absolut nötig. Die globalen Möglichkeiten sind jetzt auch für uns eine Motivation.

Und was ist mit den USA und England?

Die haben über die Omnipräsenz ihrer Sprache einen ganz anderen Aufschlag. Das wird auch so bleiben. Interessant wird es, wenn internationale Serien für den englischsprachigen Markt auf Englisch synchronisiert werden. So macht es Netflix jetzt beispielsweise bei „Dark“. Für Amerikaner war das lange undenkbar, viele sind immer noch skeptisch. Wenn sich das durchsetzt – und davon bin ich überzeugt – eröffnet das spannende Möglichkeiten für gute Serien aus aller Welt.

Bildergalerie zur Netflix-Serie "Dark"

Einer ihrer Produktionen, die Landesgrenzen überschritt, war der Oscar-prämierte Film „Das Leben der Anderen“ (2006). Wenn Sie den Stoff heute auf dem Tisch hätten: Würde Sie daraus heute eher eine Serie als einen Kinofilm machen?

Manche Stoffe brauchen die Erzählstrecke einer Serie, um ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Aus der Welt von „Das Leben der Anderen“ hätte man theoretisch noch vieles mehr erzählen können. Aber es ging eben ganz konkret um diese eine Geschichte, und die war so auf den Punkt, dass sie den Rahmen des Kinofilms perfekt ausgenutzt hat.

Noch einmal zurück zu „Dark“: Wenn die Serie erfolgreich ist, könnten weitere deutsche Serien folgen. Merken Sie, dass Ihnen diesmal selbst deutsche Konkurrenten die Daumen drücken?

Ja. Ich glaube, wir alle wünschen uns, dass es funktioniert. Das gilt aber auch für andere Projekte wie etwa „Babylon Berlin“ bei Sky. Denn jetzt werden die Weichen für die Zukunft gestellt. Aber eines darf man nicht vergessen.

Und das wäre?

Anders als im linearen Fernsehen ist es nicht wichtig, wie viele Menschen „Dark“ am ersten Abend schauen. Es wird dauern, bis sich die Serie rumspricht und im Idealfall um die Welt reist. Die spannende Frage ist: Wie wird „Dark“ in drei Monaten oder sogar einem Jahr weltweit gesehen?

In der Serie gibt es eine schöne Anspielung auf „Captain Future“ – eine alte Trickserie, auf Sie die Remake-Rechte halten. Wann können Fans mit dem fertigen Film rechnen?

Ich liebe „Captain Future“. Und es ist für uns ein Traum auch dieses-Projekt irgendwann zu realisieren. Aber ich kann Ihnen noch keinen festen Zeitplan nennen. Wir arbeiten jedenfalls gemeinsam mit unseren Partner von Syreal Film und Regisseur Christian Alvart, daran. Aber es wird noch etwas dauern. Wir sind alle auf sehr schöne Art durch andere Projekte abgelenkt worden.

Quirin Berg über die "Captain Future"-Neuverfilmung

Eines dieser Projekte ist die GOLDENEN KAMERA 2018, wo Sie in der Jury sitzen. Wie hitzig war denn die erste Jury-Sitzung?

Ich freue mich sehr, diesmal in der Jury sitzen zu dürfen. Es ist großartig sich ganz fokussiert den Raum zu nehmen alle relevanten deutschen Projekte anzuschauen. So einen Überblick verschafft man sich selten. Und das macht wirklich großen Spaß, zumal die Jurykollegen wunderbar sind und es in diesem Jahr so viele starke Projekte gibt. Da wird schon sehr energisch diskutiert. Über Details darf natürlich noch nicht reden. Aber ich bin mir sicher, dass wir im Februar ein paar tolle Neuigkeiten zu verkünden haben.

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