Regisseur Christoph Schrewe: "Sex, Drugs, Römer und Kelten - mehr Spaß geht nicht!"

Christoph Schrewe führt Regie bei den letzten beiden "Britannia"-Folgen – inklusive großer Schlachtszenen. Was es mit dem Bären während der Dreharbeiten auf sich hatte und wie der Deutsche in den USA erfolgreich wurde, verrät der Regisseur im Exklusiv-Interview.

Interview mit Christoph Schrewe

Was drehen Sie aktuell in L.A.?

Im Moment drehe ich zwei Folgen der Serie 'Shooter' mit Ryan Phillipe in der Hauptrolle. Wir sind bereits in der dritten Staffel und ich war von Anfang an dabei. 'Shooter' war ein Kinofilm mit Mark Wahlberg, der dann als Action-Serie adaptiert wurde. Wir drehen meist in den Canyons nördlich von Los Angeles.

Wie gelang Ihnen der Sprung über den großen Teich?

Um ehrlich zu sein war das eine Kombination aus Glück und Chuzpe: Ich habe seit vielen Jahren parallel zu meinen Arbeiten in Deutschland immer wieder auf englisch gedreht, vor allem in Kanada. 2011 fing ich dann an großen europäischen Co-Produktionen zu arbeiten, "Borgia" und "Versailles". Durch diese Arbeiten bin ich in eine amerikanische Agentur aufgenommen worden. Das hat mir die Tür ein ganz kleines bisschen geöffnet. Schnell musste ich lernen, dass die Amerikaner viel kurzfristiger Regisseure buchen als es in Deutschland oder Frankreich der Fall ist. So haben meine Frau und ich dann beschlossen alles auf eine Karte zu setzen, unsere Wohnung zu verkaufen, um das erste Jahr in Amerika zu finanzieren, und ich habe wieder von vorne angefangen. Mich kannte ja keiner. Da meine Frau Amerikanerin ist, hatte ich ein großes Problem weniger: das Visa. Aber um einen Job zu bekommen, müssen dich eine Menge Leute absegnen, daher war sehr, sehr viel Klinkenputzen notwendig. USA Network und Sam Esmail haben mir dann meinen ersten Auftrag gegeben: "Mr.Robot", erste Staffel, Folge 8. Das war viel Arbeit und Einsatz dort hinzukommen, aber ein riesiges Glück mit dieser tollen Serie in Amerika anzufangen...

Was war die Motivation, es in den USA zu versuchen? Sie haben auch in Deutschland große TV-Projekte verwirklicht…

Zum 50. Geburtstag wollte ich es noch einmal wissen. Ich hatte ja in Deutschland eine wunderbare Karriere und herrliche Projekte. Aber einmal bei den großen weltweit gesehenen Fernsehproduktionen dabei zu sein, hat mich doch ungemein gereizt.

Was ist Ihr liebstes Projekt aus Ihrer "Deutschlandphase"?

Meine ProSieben Komödien, jede einzelne, und 'Das Goldene Ufer' fürs ZDF. Das war meine letzte deutsche Arbeit: über frühe deutsche Auswanderer in die USA. Herrlich. Und der 'Seewolf', unbedingt der 'Seewolf'.

Was halten Sie von Serien, die aus ihrem Heimatland kommen?

"Weinberg", "Babylon Berlin", "4 Blocks", "Dark" - supercool. Ich habe in dem Moment in Amerika angefangen, wo es auch in Deutschland langsam losging mit spannenden und herausragenden Serien.

Bildergalerie: "4 Blocks" erhielt in diesem Jahr die GOLDENE KAMERA als "Beste Miniserie/Mehrteiler":

Glauben Sie, bei internationalen oder US-amerikanischen Serien sind viel komplexere Stoffe denkbar als bei einer deutschen Produktion?

Das geht in Deutschland jetzt auch langsam los. Aber der Markt ist einfach riesig in den USA, so dass viel mehr verschiedene Sachen ausprobiert werden. Zudem werden viele Produktionen nicht mit Blick auf die Quote produziert, sondern um Aufmerksamkeit zu erregen, wie beispielsweise "Mr.Robot". Solche Juwelen werden speziell geschaffen, um sich zu unterscheiden, um etwas zu kreieren, das sonst keiner so hat.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie als verlässliche Größe für internationale und US-TV-Produktionen gelten und sich dort wirklich einen Namen verschafft haben?

Da klopfe ich auf Holz. Unsere Branche ist immer in einem permanenten Umbruch und man muss sich immer wieder selbst erfinden. Aber ich drehe das ganze Jahr und treffe mich jetzt mit Produzenten und Schauspielern von denen ich vor ein paar Jahren nur träumen konnte...

Ist die Konkurrenz größer als in Deutschland?

Viel härter.

Sie haben das "Britannia"-Finale gedreht inklusive großer Schlachtszenen – was war die größte Herausforderung?

Das war mit Abstand die größte Schlachtszene, die ich je gedreht habe. Da ist man doch sehr froh, wenn das ohne große Verletzungen gelingt, vor allem weil wir viel mit Feuer und Explosionen gearbeitet haben. Doch am Schwierigsten war die Szene am Anfang mit dem Bär. Der Bär sollte zum leblosen Körper von Divis schwimmen und an ihm schnuppern. Wir hatten einen echten Bären, aber ein echter Bär ist eben auch sehr gefährlich. Wir haben dann das Kamerateam in einen gut verankerten Käfig gesperrt, mit Löchern für die Kameras, und dann den Bären ganz nah angelockt. Ein absurdes Bild.

Gibt es für besonders aufwendige Folgen auch mehr Gehalt?

Schön wär's. Aber sie sind vom Kreativen her besonders aufregend: 7 Tage lang an ein paar Minuten Schlacht zu drehen, mit Hunderten von Stuntleuten, Kameras überall und Schauspieler sicher durch riesige Explosionen jagen, mit einer emotionalen und visuellen Idee dahinter, das ist schon ein großer Spaß.

Auch bei "Versailles" haben sie Kampfszenen inszeniert, bereits mit "Borgia" machten Sie international auf sich aufmerksam. Gibt es für Historiendramen besondere Anforderungen, denen nicht jeder Regisseur gerecht werden kann?

Die Zeiten waren härter in der Vergangenheit. Das spitzt die menschlichen Konflikte zu.

Wie gut muss man eine Serie kennen, um dafür zu drehen? Ist es sehr aufwendig, sich damit zu beschäftigen, "was bisher geschah"? Lesen Sie auch Bücher von "fremden Folgen", die Sie nicht inszenieren?

Ich lese immer alles was bisher geschah. Und soweit vorhanden auch das, was danach kommt. Ich versuche, soviel ich kann über die Serie zu lernen, ihre Stärken und Schwächen, um einen möglichst guten Job zu machen.

In den USA gilt der Showrunner als kreativer Kopf der Serie. Wie viel Freiraum hat man als Regisseur?

Man gibt viel auf, wenn man als Regisseur aus Deutschland kommt. Bei uns sind die Regisseure sehr mächtig. Im US-Fernsehen sind es die Autoren. Die Jobs sind viel präziser getrennt. Die Strukturen sind klarer. Und andererseits gewinne ich soviel, wenn ich Bücher inszenieren kann, die enorm mutig sind und genau wissen, was sie wollen: ein gutes, mutiges Buch erst erlaubt mir so gut zu sein, wie ich kann!

Wo werden Ihnen von Showrunnern Grenzen gesetzt?

Wenn ich mit Macht versuchen würde, die Vision des Showrunners (und natürlich des Senders, etc.) zu brechen. Das ist eine enge Zusammenarbeit. Solange ich versuche, das Beste aus dessen Show und Vision zu machen, sind wir ein kreatives Team. Es gibt eine Vereinbarung, was die Serie will, und dann renne ich los, mit allem was ich habe und kann...

Wie ist das Standing eines TV-Regisseurs innerhalb der Produktionsstrukturen in den USA im Vergleich zu Deutschland?

In den USA ist der Autor das Zentrum einer Serie, in Deutschland ist es der Sender. So orientiere ich mich in Deutschland an dem Bedarf des Senders, bin sein Partner und gebe das Beste meiner Vision dazu. Dadurch ist der Regisseur mächtiger als in den USA. Dort ist der Autor mein engster Partner. Und wir spitzen dann das Projekt weiter zu.

Macht es Spaß, mehr Budget zur Verfügung zu haben als bei einer deutschen Produktion? Worin macht sich das bemerkbar?

Hahaha. Was für eine Frage. Natürlich macht das mehr Spaß. Wobei mehr Budget nicht mehr Zeit bedeutet - im Gegenteil - aber mehr Effizienz und mehr kreative Möglichkeiten. Als ich am Set von 'Fear the Walking Dead' zum Mittag aß, waren da über 500 Crewmitarbeiter. Die können dann ganz andere Sachen stemmen als die 50, die wir in Deutschland haben. Aber am Ende läuft eine Kamera und ein Schauspieler spielt die Szene die im Drehbuch steht! That’s it.

Wann ist die Zeit reif für eine eigene Serie?

Bald.

Haben Sie besondere Erinnerungen an diese folgenden Drehs? Spannende Anekdoten…? Wäre toll, zu jeder dieser Serien, deren Titel jeder kennt, ein Statement von Ihnen zu bekommen.

"Britannia" (2018)

Sex, Drugs, Rock‘n‘Roll, Römer und Kelten! Mehr Spaß geht nicht.

"Criminal Minds" (2018)

Als ich das erste Mal am Set ankam und nur die Wohnwagen und die Privatautos der Hauptdarsteller gesehen habe, wurde mir ganz anders. Wie kann man jemandem, der das solange macht und finanziell völlig unabhängig ist, Regieanweisungen geben? Doch am Ende wollen alle nur Spielen und das Beste rausholen, und sie haben mich mitspielen lassen.

"Fear the Walking Dead" (2016)

'Fear' haben wir südlich von Tijuana in Mexiko gedreht, zum großen Teil im selben Hotel in dem wir gewohnt haben. Das ist eine Gegend auf der Welt, die doch ziemlich rauh ist. Und trotzdem kommen dann Mexikaner, Amerikaner, ein paar Briten, ein Schweizer, ein Deutscher zusammen und kreieren zusammen packendes Fernsehen. Diese Internationalität in diesem Beruf ist immer wieder faszinierend.

"Mr. Robot" (2015)

In den Straßen von New York mitten im Verkehrschaos Elliott's Reise zu sich selbst zu drehen, wird immer unvergessen bleiben. So viel Energie gibt's nur in Manhattan.

"Versailles" (2015)

Es war mir eine besondere Ehre und Herausforderung als Deutscher mit meist britischen Schauspielern DEN französischen König zu inszenieren zu dürfen. Die Europäische Union ist genial!

"Borgia" (2014)

Mit Tom Fontana zu arbeiten, war wie die Entdeckung einer neuen Welt. Tom war Showrunner bei einigen der besten Serien aller Zeiten, "St. Elswhere", "Homicide", "Oz". Da habe ich das erste Mal erfahren, was es heißt in einem kreativen Team zu arbeiten, das unbedingt außergewöhnliches Fernsehen machen will.

Werden Sie zu einer dieser Serien als Regisseur zurückkehren?

Zu den meisten Serien, an denen ich gearbeitet habe, kehre ich immer wieder zurück. Dauerhafte kreative Verbindungen aufzubauen hat mir schon immer am meisten Spaß gemacht. Wenn man sich kennt, kann man oft weiter gehen und höher springen.

Was sind generell Ihre nächsten Projekte?

Ich drehe erst einmal noch weiter 'Shooter', dann die Hälfte der zweiten Staffel von 'Lore' für Amazon Prime und für die Produzenten von 'The Walking Dead'.

Bildergalerie zu "The Walking Dead"

Bei welcher Serie würden Sie gerne einmal Regie führen?

Ehrlich gesagt bin ich in der außergewöhnlich glücklichen Situation, dass ich die Serien drehe, bei denen ich gerne Regie führe...

Wo ist Ihr Hauptwohnsitz und was mögen Sie an diesem Ort?

Wir leben jetzt in der kleinen, wunderschönen Stadt Ojai in Kalifornien. Die Weite der Landschaft, die Nähe zum Pazifik, der warme Winter, die rauhe und wilde Natur und sehr sehr freundliche Menschen.

Gibt es etwas, das an Deutschland generell und an deutschen Dreharbeiten im besonderen vermissen?

Wiener Schnitzel, deutsches Brot, die Autobahn - welches Klischee, aber wirklich - und Berlin!

Wann waren sie zuletzt in Deutschland, sind Sie noch oft dort?

Weihnachten mit der Familie. Und spätestens zur Spargelsaison bin ich wieder da.

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