Wien sucht einen Mörder

Regisseur David Schalko am Set in Wien mit Einsatzleiter (Murathan Muslu, 2.v.l.), Profiler (Garbiel Barylli, 2.v.r.).
Regisseur David Schalko am Set in Wien mit Einsatzleiter (Murathan Muslu, 2.v.l.), Profiler (Garbiel Barylli, 2.v.r.).
Foto: MG RTL D
David Schalkos "Coverversion" des Film-Klassikers "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" ist fast abgedreht in Wien. Die Koproduktion von ORF und RTL Crime wird vorrausichtlich Anfang des nächsten Jahre zu sehen sein und soll es qualitativ mit Eigenproduktionen von Netflix oder Amazon aufnehmen können.

Tiefer Winter. Kinder verschwinden spurlos, dann tauchen ihre Leichen auf. Ein gefundenes Fressen für die Boulevardpresse, für die Polizei ohne Spur ein einziges Desaster. Eine ganze Stadt im Ausnahmezustand. Politisch ein Skandal und gleichzeitig die lange ersehnte Chance für den ambitionierten Innenminister, sich zu profilieren. Die Ermittlungen stören die Geschäfte der Unterwelt, daher schalten sich auch Kriminelle in die Tätersuche ein. Der Kindermörder muss endlich gefunden werden!

Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ ist einer der berühmtesten Kriminalfälle der Filmgeschichte und der Plot ist nicht nur Filmexperten hinlänglich bekannt. Doch was würde passieren, wenn die Handlung im Wien von heute spielen würde – statt im Berlin von 1931? Als „Showrunner“ David Schalko den alten Film ,M‘ noch einmal gesehen hatte, ließ ihn dieser Gedanke nicht mehr los. Was würde heute passieren, in Zeiten der Video-Überwachung, der DNA-Analyse und des sich anschleichenden Faschismus?

Der 45jährige Österreicher gilt nach dem Publikumshit „Braunschlag“ und der preisgekrönten Serie „Altes Geld“ als einer der fähigsten Regisseure in seinem Heimatland – und als ein Kreativer, der das Risiko nicht scheut. Ursprünglich wollte Schalko sein Leuchtturmprojekt mit der ARD Degeto realisieren, doch die sprang ab und er musste sich auf die Suche nach einem zweiten Partner neben dem ORF machen. Er konnte schließlich RTL Crime überzeugen, in die 6,2 Millionen Euro schwere Miniserie zu investieren, die voraussichtlich Ende 2018, Anfang 2019 in sechs Folgen ausgestrahlt wird. Für den Kölner Pay-TV-Spartenkanal ist es die erste Eigenproduktion.

Eine "Vermobbisierung" von Städten

Die Drehbücher zu den sechs 50-minütigen Folgen um einen Kindermörder, der Polizei und Bevölkerung gleichermaßen in Angst und Schrecken versetzt, entwickelte David Schalko gemeinsam mit der Drehbuchautorin Evi Romen. Dass die „geniale“ Story der legendären Produktion von 1931 „wahnsinnig gut in das 21. Jahrhundert passt“, davon ist Schalko überzeugt: „Das Original ist ja am Vorabend des nationalsozialistischen Regimes entstanden, da spürt man schon extrem die Stimmungslage in Deutschland, die Vermobbisierung von Städten, die Gewaltbereitschaft auf den Straßen etc. Und ich finde, wir leben in einer Zeit, die einen gewissen Vorabend, zumindest etwas Postdemokratisches hat.

„Man spürt eine politische Wende in der westlichen Welt“, so Schalko „und es ist ein interessantes Thema, das nochmal 80 Jahre später zu machen, um zu deklinieren, wie es heute wäre. Deswegen ist das ein sehr heutiger Stoff für mich, der gerade durch den Vergleich zwischen der Stadt – als Hauptdarstellerin – damals und heute interessant wird.

Eidinger folgt Schalkos Ruf

Der gute Ruf eines „Überzeugungstäters“, den David Schalko in der deutschsprachigen Filmbranche genießt, war dann auch für Lars Eidinger ein wichtiger Grund, in der Serie den Vater der ermordeten Elsie zu spielen. „Der Ruf von David geht über Österreichs Grenzen hinaus. Die Serien, die er gemacht hat, ,Altes Geld‘ und ,Braunschlag‘ – wenn der anruft, ist mir egal, was er macht. Ich würde blind zusagen. Trotzdem, als ich gehört habe, er macht ein Remake von ,M – Eine Stadt sucht einen Mörder‘, war es für mich ein bisschen so, als würde er sagen ,Ich mach ,Titanic 2‘. Warum muss man jetzt davon nochmal einen Film machen? Aber das ist natürlich in gewisser Weise auch der Spaß daran, weil sich unweigerlich Parallelen und Referenzen auftun, und ich glaube, das war sein Ziel“, verriet Eidinger GOLDENE KAMERA am Set in Wien.

Auch Moritz Bleibtreu, der „den Verleger“ spielt, freut sich, zum hundertköpfigen, internationalen Starensemble der österreichischen Produktion zu gehören und umschreibt so seine Rolle: „Der Verleger funktioniert ein bisschen als des Teufels Advokat und unterstützt den Innenminister in all seinen politischen Bestrebungen. Er zeigt als Figur ganz klar auf, wie wichtig die vierte Macht, also die Presse im Zusammenhang mit politischer Realität ist und dass ohne mediale Sympathie keiner Ministerpräsident wird.“

Eine ganz spezielle Atmosphäre

Spannend findet Lars Eidinger an dem Projekt auch, „dass am Set sehr unterschiedliche Charaktere aufeinandertreffen – das schafft eine ganz spezielle Atmosphäre und entwickelt eine Dynamik, von der die Produktion lebt." Zu diesen Charakteren gehört sicher auch Dirk Albert Felsenheimer, besser bekannt als Bela B., der die Rolle des bleichen Manns übernommen hat.

„Der bleiche Mann ist ein augenscheinlich wohlhabender Mann, er wohnt sehr seltsam, hat einen Wagen mit Chauffeur. Er hält sich für auserwählt, glaubt, Kontakt zum Mörder zu haben, aber auch zu einer größeren Idee – es bleibt alles sehr vage. Er gibt vor, den Eltern helfen zu wollen, aber die Polizei hasst ihn, er ist auch nicht interessiert an der Aufklärung der Verbrechen. Zuallererst ist er fasziniert von sich selbst. Und in einigen Folgen ist er auch der Cliffhanger“, erklärt Bela B. seine zwielichtige Rolle in der sechsteiligen Miniserie.

Trotz aller Vorschusslorbeeren will Regisseur David Schalko sein neues TV-Projekt nur ungern mit dem legendären Klassiker von Fritz Lang vergleichen: „Ich möchte mich auch gar nicht mit Fritz Lang messen, das wäre völlig lächerlich. Wenn, dann ist es da und dort viel eher ein Tribut an Fritz Lang – aber wir wollen natürlich nicht den Film nachdrehen, sondern versuchen, etwas völlig Eigenes daraus zu machen.“

Trailer: "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" von 1931

In weiteren Rollen standen in Wien u. a. auch Gerhard Liebmann, Sophie Rois, Romy-Nominee Murathan Muslu, Julia Stemberger, Udo Kier, Gabriel Barylli, Juergen Maurer und Brigitte Hobmeier vor der Kamera.

Galerie: Die besten TV-Serien 2018