Serien-Event der Woche: "Patrick Melrose"

Als Drogenwrack aus der Upperclass zeigt sich Benedict Cumberbatch in der Serie von seiner kaputtesten Seite.

Die Miniserie "Patrick Melrose" (Dienstag, 29. Mai, 20.15 Uhr, Sky 1) portrtiert das kaputte Leben eines jungen, britischen Aris­tokraten in der zwei­ten Hälfte des 20. Jahr­hunderts, inklusive traumatischer Kindheit und Drogenexzessen mit vielen Highs, aber noch mehr Abstürzen.

Trailer: "Patrick Melrose"

Darum geht's in "Patrick Melrose"

Nehmen wir mal an, Sie machen eine neue Bekanntschaft. Wie stellen Sie sich der anderen Person vor? Sicherlich mit Ihrem Namen. Je nach Situa­tion würden die meisten Menschen wohl schon bald danach beim Thema Beruf lan­den. Nicht so Patrick Melrose (Benedict Cumberbatch). Bevor er die junge Frau, die neben ihm steht, mit Handschlag begrüßt, stellt er sich so vor: "Patrick – narzisstischer, schizoider, suizidaler Alkoholiker."
Die eigene Krankenakte als Gesprächs­ einstieg: ungewöhnlich, aber hier durchaus nachvollziehbar. Schließlich findet besagte Szene in einer Nervenheilanstalt statt. Und dass Patrick hier gelandet ist, überrascht letztlich ebenso wenig.

Hintergrund

Die Vorlage für den BBC­Fünfteiler liefert der Romanzyklus "Melrose" von Edward St Aubyn. Hauptdarsteller Benedict Cumber­batch ("Sherlock") erklärt im Interview mit GOLDENER KAMERA: "Es ist kein Geheimnis, dass die Figur Patrick Melrose das Alter Ego Edward St Aubyns ist. Die beiden Lebensgeschichten ähneln sich. Es geht dabei um einen Jungen, der in sehr privilegierten Verhältnissen auf­ gewachsen ist und von seinem Vater jahrelang sexuell missbraucht wurde."


Messerscharf und schonungslos seziert Autor St Aubyn in seinen Romanen die eigene Familie, die zu jenem gelangweilten, deka­denten Teil von Englands Upperclass zählt, in dem die alltäglichen Grausamkeiten nur notdürftig mit Ironie und "sophistication" getarnt werden. Allen voran Patricks Vater David Melrose (in der Serie: Hugo Weaving, "Matrix") – ein manipulativer Sadist, der sich jenseits jeglicher bürgerlicher Moral wähnt. Es ist diese hochtoxische Umgebung, in der Patrick schließlich zum suizidgefährdeten Junkie heranwächst. Adel vernichtet.

Fast könnte man meinen, der Schau­spieler genieße solch schmerzhafte Rollen. "Nein", sagt Cumberbatch und lacht. "Es geht mir nicht darum, mich selbst zu quälen. Was mich an dem Leiden einer Figur fasziniert, ist genau das Gegenteil: dass meine eigenen Lebens­erfahrungen dankenswerterweise sehr weit davon entfernt sind. Rollen wie diese inspi­rieren mich, ein besserer Mensch zu werden – was immer das bedeuten mag."

Dabei ist das Milieu von "Patrick Melrose" Cumberbatch nicht fremd. Der Brite besuchte die renommierte Harrow School, wo schon Lord Byron und Churchill Schüler waren. Cumberbatchs Urgroßvater war Konsul, unter anderem in der Türkei. Und 2015 fanden Forscher der University of Leicester heraus, dass der Schauspieler sogar mit dem ehe­maligen englischen König Richard III. (1452– 1485) verwandt ist.

GOKA-Kritik

Patricks tragische Geschichte zu verfolgen schmerzt fast körperlich. Glücklicherweise wird die Geschichte mit jeder Menge galligem Humor erzählt. Für Benedict Cumberbatch ist der ebenso labile wie sarkastische Patrick eine Traumrolle, sein Porträt des selbstzer­störerischen Snobs ein echter Kraftakt.

Wohl niemand käme auf die Idee, ihn als Durch­schnittsmann aus schlichten Verhältnissen zu besetzen, in seiner Nische ist er einfach zu gut. Kaum einer spielt den gebildeten Ex­zentriker besser als Cumberbatch, sei es als genialen Ermittler ("Sherlock"), besessenen Erfinder ("The Imitation Game") oder all­ mächtigen Magier ("Doctor Strange"). Im His­toriendrama "The Current War" tritt er dem­nächst als gerissener Strom­Pionier Thomas Edison auf. Und auch die aktuelle Rolle des Patrick Melrose verkörpert perfekt jenes Motto, das praktisch alle bisherigen Cumber­ batch­Charaktere verbindet: alles außer gewöhnlich.