Geister der Vergangenheit in "Sharp Objects"

Landet HBO nach "Big Little Lies" und "The Night Off" mit "Sharp Objects" den nächsten Miniserien-Hit? Amy Adams als Reporterin in einem Kindermordfall.

Ausgerechnet Wind Gap. Die Zeitungsreporterin Camille (Amy Adams) aus St. Louis ist wenig begeistert, als ihr Chef sie für die nächste Geschichte zwangsverpflichtet: Im kleinen Ort Wind Gap, Missouri wurde bereits ein junges Mädchen ermordet, ein weiteres wird vermisst. Sind es Taten eines Serienmörders? Camille soll vor Ort recherchieren.
Es ist nicht der blutige Fall, der sie abschreckt. Nein, Wind Gap ist Camilles Heimat. Und die hat sie einst aus gutem Grund verlassen. Doch ihr Chef verspricht sich viel von dieser "persönlichen Perspektive". So macht sich Camille widerwillig auf den Weg – auf eine Reise in die Provinz, aber auch in ihre eigene tragische Vergangenheit.

Camille Preaker ist die Hauptfigur in "Sharp Objects" (Donnerstag, 30. August, 20.15 Uhr, Sky Atlantic), der neuen achtteiligen Prestige-Miniserie von HBO.

Originaltrailer zu "Sharp Objects" (Pay-TV-Start: 30.8.2018)

Hintergrund

Zuletzt hatte der US-Sender vor allem mit Miniserien wie "The Night of", und "Big Little Lies" eine beeindruckende Reihe von Hits feiern können. "Sharp Objects" soll daran anknüpfen. Dafür hat die Produktion einige Hochkaräter der Branche versammelt. Der zugrundeliegende Roman war in den USA ein Bestseller und stammt von Gillian Flynn. Die Autorin hatte zuvor mit "Gone Girl" die Vorlage für David Finchers gleichnamigen Psychothriller geliefert.

Eher ungewöhnlich für eine US-Serie wurden alle Folgen von "Sharp Objects" von ein und derselben Person inszeniert. Doch der Kanadier Jean-Marc Vallée ("Dallas Buyers Club") hat mit dieser Arbeitsweise zuletzt gute Erfahrungen gemacht. Für die Regie der sieben Folgen von "Big Little Lies" erhielt er 2017 den Emmy als bester Regisseur. Und dann ist da natürlich die Hauptdarstellerin und Co-Produzentin Amy Adams. Fünf Oscarnominierungen konnte die 43-Jährige in ihrer Karriere bereits verbuchen, u. a. für "American Hustle". Und mit ihrer Rolle in "Sharp Objects" gilt sie jetzt als ganz heiße Emmy-Kandidatin 2019.

GOKA-Kritik

Völlig zu Recht. Adams glänzt mit einer vollkommen uneitlen Darstellung einer Alkoholkranken, die für unterwegs sogar Wasserflaschen mit Wodka befüllt. Wirklich lebendig fühlt sich Camille nur, wenn sie sich selbst Schmerzen zufügt. Wegen Autoaggression war sie lange in psychiatrischer Behandlung; mit Messern hatte sie Wörter in ihre Haut geritzt. "Ich denke, Camilles innere Trauer speist sich daraus, dass jeder irgendeine Meinung über sie hat", verrät Adams GOLDENE KAMERA. "Durch geritzte Wörter versucht sie, die Deutungshoheit über sich selbst zurückzuerobern." Fordernd war diese Rolle mental wie körperlich. "Für eine Szene, in der Camilles Narben zu sehen sind, musste ich vier Stunden fast nackt bleiben. Nur so konnten die Narben angeklebt werden. Ich fühlte mich verletzlich, aber es half mir für die Szene, mich derart entblößt zu zeigen."

Im Zentrum von Camilles Trauma steht das Verhältnis zu ihrer unterkühlten Mutter Adora (Patricia Clarkson). Als Camille nach Wind Gap zurückkehrt, brechen alte Wunden auf. Für Camille empfindet Adora anscheinend nichts. Ihre ganze Liebe gilt Camilles Teenager-Halbschwester Amma (Eliza Scanlen).

Halb "whodunit", halb Psychogramm einer gestörten Familie, leistet sich "Sharp Objects" ein ruhiges Erzähltempo. Doch immer wieder lässt Regisseur Vallée meisterhaft beiläufig kleine Erinnerungsfetzen ohne Ton einfließen. Nach und nach komplettiert sich das Bild von Camilles Kindheit. Verkörpert wird die junge Camille darin von Sophia Lillis, die Amy Adams verblüffend ähnlich sieht.

Zuletzt spielte Lillis (16) im ersten Teil der Stephen-King-Adaption "Es" die junge Jessica Chastain. Bemerkenswert, da "Sharp Objects" und "Es" weitere Parallelen aufweisen: verschwundene Kinder und eine Kleinstadt mit düsterem Geheimnis. Doch wo im Horrorfilm das Böse eine übernatürliche Kraft ist, bleibt "Sharp Objects" auf dem Boden der Realität.

Vielleicht ist genau das die größte Leistung der Serienmacher: Dass das Säubern eines Puppenhauses oder das Schneiden eines Apfels plötzlich genauso verstörend wirken kann wie das Erscheinen eines Killerclowns.

Interview: Anke Hofmann