Jan Josef Liefers: "Diese verrückte Story hat Dreck unter den Fingernägeln"

In der makaberen Miniserie "Arthurs Gesetz" schlüpft "Tatort"-Liebling Jan Josef Liefers in die Rolle eines arbeitslosen Versicherungsbetrügers, dem das Pech an seiner künstlichen Hand klebt. Wir trafen den 54-jährigen Hauptdarsteller zum exklusiven Gespräch.

In den Genuss von "Arthurs Gesetz" werden ab dem 31. August zunächst Kunden des Telekom-Streamingdienst EntertainTV kommen, bevor die schwarzhumorige TNT-Eigenproduktion dann im Dezember bei TNT Comedy ihr TV-Debüt feiert. Nach unserem exklusiven Interview mit Hauptdarsteller Jan Josef Liefers steht aber bereits vorab fest: Als mörderisches Loser-Ehepaar am Rande des Kleinstadtwahnsinns werden der "Tatort"-Liebling und sein Co-Star, die zweifache GOLDENE KAMERA-Preisträgerin Martina Gedeck (2003 + 2015) nicht nur schauspielerisch ganz neue Facetten präsentieren...

Darum geht's in "Arthurs Gesetz"

Im fiktiven Kleinstadtkaff Klein Biddenbach lebt der Arbeitslose Arthur Ahnepol (Jan Josef Liefers) in den Tag hinein. Als die finanziellen Schwierigkeiten Überhand nehmen, lässt er sich von seiner verhassten Ehefrau Martha (Martina Gedeck) dazu überreden, die Versicherung zu prellen und dafür seine rechte Hand zu opfern. Neuen Lebensmut schöpft Arthur aber erst, als er an seinem 50. Geburtstag die Bekanntschaft der Prostituierten Jesse (Cristina do Rego) macht und beschließt, für sie sein Leben umzukrempeln.

Leider hat ihr Zuhälter etwas dagegen – bis er bei einem nächtlichen Besuch bei den Ahnepols zu Tode kommt und das entfremdete Ehepaar sowie Marthas zur Leichenbeseitigung hinzugerufene Polizistenschwester Muriel (Gedeck in einer Doppelrolle) vor ein zusätzliches Problem stellt. Denn Arbeitsamt-Sachbearbeiterin Frau Lehmann (Nora Tschirner) hat den vom Pech verfolgten Arthur schon länger auf dem Kieker...

Langtrailer zu "Arthurs Gesetz" (VoD-Start: 31.8.2018)

"Arthurs Gesetz": Jan Josef Liefers im Interview

GOLDENE KAMERA: Was ist der Reiz an der Rolle von Arthur? Wie tickt dieser Kerl?

JAN JOSEF LIEFERS: Arthur ist ein freundlicher Mensch, der immer das Beste will, aber meistens das denkbar Schlechteste anrichtet – und je mehr er sich bemüht, desto mehr müssen leider aus dem Leben scheiden. Aber immerhin auf originelle Art und Weise. Arthurs Gesetz ist so etwas wie Murphys Law, demnach ein fallendes Butterbrot immer mit der Butterseite im Dreck landet.

Was ist der Reiz an dieser Rolle?

Dass ein so freundlicher und positiver Charakter so viele makabre Dinge anrichtet, ist schon sehr reizvoll. Arthur ist ein schlichter Typ mit dem Herz am rechten Fleck. Er ist zwar nicht die hellste Kerze auf dem Kuchen, man könnte ihn einen Pechvogel nennen, aber er ist kreativ und im Notfall kann er auch ein Kind zur Welt bringen.

Warum ist Arthur überhaupt am Tiefpunkt?

Der Beginn von Arthurs Misere heißt Martha und ist seine Ehefrau. Ein klarer Fall von Etikettenschwindel. Warum, das erfahren wir zusammen mit Arthur im Verlauf der sechs Folgen. Auch das von ihr verlangte Opfer seiner rechten Hand ging nach hinten los und so steckt er nicht nur in Klein Biddenbach, sondern auch im falschen Leben fest. Arthur ist eine gequälte Kreatur, seine Frau macht ihm das Leben zur Hölle. Die Dame vom Amt ist auch nicht viel besser. Die Angebetete eine Prostituiere, die er befreien möchte – egal, was er anstellt, er macht die Sache immer schlimmer. Ein bisschen erinnert das tatsächlich an "Fargo".

Jan Josef Liefers in seinen besten Rollen:

Wie definieren Sie "Comedy Noir"?

Es ist ein eleganter Begriff für schwarze Komödie und makabren Humor. Lacht man, wenn jemandem ein Kronleuchter auf den Kopf fällt? Bei uns schon! Beim Münster-"Tatort" mit seinen nicht in alle Richtungen abgesicherten, abgezirkelten Dialogen geht es ja auch mitunter schräg und makaber zu.

Sind Männer eher als Witzfigur geeignet?

Ja, weshalb sich Männer auch mal zur Belustigung aller in ein Frauenkostüm zwängen und einen auf sterbenden Schwan machen mit ihren Stachelbeerwaden. Der Klassiker. Der Konsens ist wohl, dass man sich gemeinsam lieber über einen Mann lustig macht, als über eine Frau. Dabei gibt es unter weiblichen Schauspielern immer wieder große Komödiantinnen. Shirley MacLaine, Meg Ryan und Renee Zellweger gehören für mich dazu. Bei uns ist es Nora Tschirner und – für viele wohl die größte Überraschung – die tolle Martina Gedeck.

Wie viele Drehbuchseiten von "Arthurs Gesetz" haben Sie gelesen, bevor Sie wussten, dass Sie gern dabei wären?

Ungefähr bis Seite 15. Dann dachte ich: "Was ist das denn für ein abgefahrener Stoff?" Im Englischen gibt’s einen Begriff namens "irreverent", der sich nur schwer ins Deutsche übersetzen lässt. Tendenziell bedeutet das, dass eine Sache "auf eine bestimmte Art und Weise rücksichtslos" ist – also ohne Schere im Kopf. Normalerweise gibt's im deutschen Fernsehen einen ungeschriebenen Kanon über das, was man den Zuschauer zumuten kann und was nicht. Sobald man diesen Kanon an zwei bis drei Stellen verletzt, landet man auf einem Programmplatz ab 23 Uhr.

Ist das Kritik am deutschen TV?

Nein. Ich will das stromlinienförmige Mainstream-Erzählen gar nicht an den Pranger stellen, ich war ja auch schon gelegentlich Teil davon. Man sollte meinen, mehr Mainstream als der Münster-"Tatort" mit 14,5 Millionen Zuschauern geht gar nicht. Aber erinnern Sie sich? Ob Münster funktioniert oder nicht, war ganz und gar nicht klar, als es losging. Witze über Alberich? Makabre Dialoge? Schräge Ermittler? Ein kiffender Vater? Eine Staatsanwältin, die tiefer spricht, als mancher Mann? Wenn jemand was Besonderes machen will, was man nicht jeden Tag woanders auch sehen kann, dann muss der sich trauen, anders zu sein und unsicheres Terrain zu betreten. Und dann muss auch das Scheitern erlaubt sein. No risk, no fun.

Gibt’s dafür ein konkretes Beispiel? Einen Appetizer?

Ja. Eine denkwürdige Szene ist beispielsweise Arthurs erste Begegnung mit Jesse in der Dorfkneipe "Kronleuchter". Dort ist Jesse die einzige Nutte. Arthur war noch nie dort. Doch an seinem völlig verpatzten 50. Geburtstag geht er hin und will sich ein Bier bestellen. Dabei nimmt ihn niemand wahr – niemand, bis auf eine junge hübsche Frau, die ihm gratuliert und ihm dann Folgendes gesteht: "Weißt du, warum ich ältere Männer besonders anziehend finde? Wegen eurer frei schwingenden Eier! Die sind nicht so wie bei den Jungs in meinem Alter, wo sie entweder straff wie Haselnüsse unter dem Schwanz kleben oder ganz verschwinden, je geiler sie werden. Ab 40, 43 ist es eine ganze hängende Handvoll. Immer. Und ich liebe das Geräusch, wenn sie beim Vögeln so richtig gegen meinen Arsch klatschen."

Ähem...

Genau! Die Szene ist lustig, weil sie so über den Rand malt und Cristina do Rego spielt das so unschuldig und rührend, dass man einfach lachen muss, statt sich darüber aufzuregen. Wenn normalerweise eine Prostituierte im TV auftritt, dann sagt sie immer Sachen wie: "Hallo, Süßer, wie wäre es denn mit uns beiden?" "Arthurs Gesetz" ist da nicht so zimperlich. Jetzt wollen Sie bestimmt noch wissen, was Arthur Jesse entgegnet? Antwort: Nichts! Ihm fehlen die Worte. Der arme Kerl fällt aus allen Wolken – und ist sofort schockverliebt.

Glauben Sie, dass das gut ankommt?

Ja. Es hat eine gute Chance! Ich freue mich, dass "Arthurs Gesetz" so geworden ist, dass ich es gerne und ganzen Herzens weiterempfehlen kann! Man kann bei der Arbeit nicht immer abwägen, was andere über einen denken oder ob sie enttäuscht von einem sind. Und ich weiß auch nicht immer genau, wohin am Ende die Reise geht. Woody Allen hat mal gesagt: "Wenn du wirklich erfolgreich werden willst, dann musst du etwas anderes machen, als die anderen." Der Münster-"Tatort" ist dafür ja ein gutes Beispiel, aber auch Serien wie "4 Blocks" und "Dark" oder "Bad Banks" – und manchmal wird man eben dafür mit Erfolg belohnt.

Nochmal auf den Punkt gebracht: Was macht Sie bei "Arthurs Gesetz" an?

Dass diese verrückte Story atmet und lebt, und dass sie bisschen Dreck unter den Fingernägeln hat. Dass sie lustig ist und mit viel Liebe und Talent gemacht wurde und darüber hinaus sehr gut besetzt ist, bis in die kleinste Rolle. Mit Martina Gedeck zu spielen war ein großes Vergnügen. Sie ist ja eher nicht durch Komödien bekannt geworden und deshalb für viele hier eine echte Entdeckung! Und Leute, die auf gute Bilder wert legen, kommen hier genauso auf ihre Kosten. Mir fällt kein Grund ein, sich "Arthurs Gesetz" nicht anzuschauen.

Interview: Mike Powelz; Texte: Alexander Attimonelli