Martina Gedeck: "In Krimis gibt es immer komödiantische Abgründe"

In der makaberen Miniserie "Arthurs Gesetz" treibt Martina Gedeck in einer Doppelrolle ihren Filmehemann Jan Josef Liefers als vom Pech verfolgten Versicherungsbetrüger in den mörderischen Wahnsinn. Wir trafen die 56-jährige Ausnahmeschauspielerin zum exklusiven Gespräch.

Bislang war Charaktermimin Martina Gedeck nicht für ihr komödiantisches Talent bekannt. Mit der TNT-Eigenproduktion "Arthurs Gesetz", die ab dem 31. August zunächst beim Telekom-Streamingdienst EntertainTV zu sehen ist und im Dezember auf TNT Comedy seine TV-Premiere feiern wird, dürfte sich dies aber gewaltig ändern...

Martina Gedeck über "Arthurs Gesetz"

Wie Martina Gedeck ihre außergewöhnliche Doppelrolle an der Seite von Jan Josef Liefers in "Arthurs Gesetz" inzwischen bewertet, verriet uns die zweifache GOLDENE KAMERA-Preisträgerin (2003 + 2015) im aktuellen Interview...

"Arthurs Gesetz": Martina Gedeck im Interview

GOLDENE KAMERA: Wie würden Sie "Arthurs Gesetz" jemanden beschreiben, der noch nie was von Comedy Noir gehört hat? Als Mix aus "Fargo", "Immer Ärger mit Harry" und "Pregau – Mörderisches Tal"?

MARTINA GEDECK: Das sind schon richtige Hausnummern, aber "Comedy noir" ist auch eine Frage des Begriffs. Für mich geht "Arthurs Gesetz" ins Absurde rein: Man ist Situationen ausgeliefert, die man nicht für möglich hält und die man nicht erleben möchte. Wir haben ziemlich extreme Figuren. Arthur ist die Hauptfigur und kommt nicht aus den Puschen: Gegenüber seiner Frau Martha ist er sogar ein kleiner Versager. Sie wiederum lässt ihn das bei jeder Gelegenheit spüren, weil es ihr total auf den Keks, dass er nichts gebacken bekommt.

Sie spielen zwei Rollen...

Richtig. Einerseits Arthurs Ehefrau Martha und andererseits ihre Zwillingsschwester Muriel. Martha treibt die Handlung voran. Sie findet für jedes Problem eine Lösung, die sich dann jedoch als noch größeres Dilemma entpuppt. Muriel indes wird von Martha unterdrückt. Sie ist Polizistin und rasselt von einer schlimmen Situation in die nächste.

Wie lässt sich die Dynamik zwischen Ihren beiden Figuren noch konkreter beschreiben?

Martha ist die klassische ältere Schwester – zwar nur neun Minuten älter, aber absolut die temperamentvolle, extrovertierte Chefin. Muriel ordnet sich ihr immer unter.

Martha oder Muriel – wen haben Sie lieber gespielt?

In den ersten zwei Wochen habe ich nur Martha gespielt. Damals fand ich sie hervorragend und fantastisch und habe sie sehr geliebt und konnte überhaupt nicht verstehen, dass sie negativ sein soll. Denn sie ist nicht böse, sondern bloß tough. Anschließend spielte ich Muriel und fand es ebenfalls wahnsinnig angenehm – weil sie tollpatschig und unsportlich ist, immer ein bisschen zu langsam und in sämtliche Fettnäpfchen tritt.

Arthur hat ausschließlich Pech. Gibt es geborene Glückspilze oder Pechvögel?

Ja, es gibt tatsächlich Menschen, die immer in seltsame Begebenheiten oder absurde Situationen hinein geraten. Außerdem gibt es aber auch Menschen, die leichter als andere in der Lage sind, nach dem Glück zu greifen. Manchmal muss man nur unter den Teppichrand schauen, um ein kleines Juwel zu finden. Es ist eine Gabe, das kleine Glück als solches zu erkennen – und daraus etwas Größeres entstehen zu lassen. Manche Menschen können das. Andere wiederum sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Haben Sie ein Ritual beim Dreh?

Ich übertrage meine Drehbuchtexte immer in kleine Notizbücher, schleppe sie überall mit mir herum und lege sie nachts sogar unters Kopfkissen.

Wie passt Comedy zu Krimis?

In Bezug auf Krimis gibt es immer komödiantische Abgründe – und in "Arthurs Gesetz" sind das Elemente, die ich so in der Form noch nie gesehen habe. So kommt bei uns eine Leiche auf sehr ungestüme Weise um, indem sie Bauschaum gespritzt bekommt und dann mehr oder weniger von innen aufplatzt. Solche Szenen zeigen wir jedoch nicht als Splatter, sondern als realistische Sache – was wiederum "Fargo" ähnelt. "Arthurs Gesetz" ist keine Schenkelklopfkomödie.

Langtrailer zu "Arthurs Gesetz" (VoD-Start: 31.8.2018)

Worüber haben Sie im deutschen Fernsehen zuletzt richtig gelacht?

Über "Dampfnudelblues". Darüber habe ich mich teilweise sehr amüsiert, obwohl ich generell nicht viel fernsehe. Ich habe wenig Zeit für diese Art von Konsum und manchmal möchte ich mich auch nicht mit Bildern zukleistern. Ich möchte frei sein und etwas Eigenes entwickeln statt Bilder abzuspeichern, die ich sonst vielleicht automatisch als Klischee abriefe.

Zurück zu "Arthurs Gesetz": Wieviel Drehbuchseiten haben Sie gelesen, bevor Ihnen klar wurde, dass Sie gern bei dieser Serie dabei wären?

Das ging sehr schnell. Nach rund 20 Seiten war mir klar, dass das Drehbuch sauber und gut geschrieben ist – und obendrein auch ziemlich spannend. Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn die Fantasie beim Lesen angesprochen wird und plötzlich eigene Bilder zirkulieren und man in einen Sog gerät.

Interview: Mike Powelz; Texte: Alexander Attimonelli