Volker Kutscher: "Roman und Film sind getrennte Welten"

Autor der Kommissar Rath-Bücher: Volker Kutscher (56)
Autor der Kommissar Rath-Bücher: Volker Kutscher (56)
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Volker Kutscher schuf mit seinen Krimis um Kommissar Rath die Vorlage zu "Babylon Berlin". Ein Treffen mit dem Bestsellerautor.

Am Anfang ist die Angst. Ein Mann, gefesselt, misshandelt, schwer verletzt. In einem dunklen Verließ zittert er vor der Wiederkehr seiner Pei­niger. "Wann würden sie zu­rückkommen?" Diese Frage ist der Einstieg in den Roman "Der nasse Fisch", die literarische Vorlage für die Ausnahmeserie "Babylon Berlin."

Die Folterszene markiert für Volker Kut­scher den Beginn einer unvergleichlichen Erfolgsgeschichte. Seine Romane um den Kommissar Gereon Rath hat er angesiedelt 1929 in der Hauptstadt der Weimarer Repu­blik. Als er die Buchreihe ersann, ahnte der Kölner Autor nicht, welche Dimensionen das alles annehmen würde.

Exklusive Featurette zu "Babylon Berlin"

Seit dem Erscheinen von "Der nasse Fisch" 2008 hat Kutscher fünf weitere Romane und eine Novelle veröffentlicht, der siebte Rath­-Krimi "Marlow" erscheint am 30. Oktober. Die Gesamtauflage seiner Bücher beträgt 1,6 Millionen Exemplare, rund ein Drittel davon geht auf das Konto von "Der nasse Fisch". Der Roman ist in 9 Länder verkauft, vom Taschenbuch er­ schienen bisher 56 Auflagen. Zur Serie gibt es eine Neuausgabe. Außerdem setzte die ARD Kutschers Werk als große, achtteilige Hörspielserie um, die zur Ausstrahlung von "Babylon Berlin" zu hören sein wird.

Diesen Erfolg kann Kutscher immer noch nicht ganz fassen: "Das ist ein Geschenk", sagt er. Wie gelang ihm das? Wie arbeitet er? Woraus schöpft er seine Inspiration? Weil Kutscher gerade umgezogen ist, bleibt sein neues Arbeitszimmer in Köln für Be­sucher gesperrt. Treffpunkt ist stattdessen ein Literaturcafé, das hauptsächlich von Studenten besucht wird. Ein Raum voller Bücher bietet das passende Ambiente für das Gespräch. Als Kutscher erscheint, bleibt er unerkannt und erregt keinerlei Aufsehen. Er stellt seinen Rucksack ab und bestellt ein kleines Mineralwasser. In Jeans, T­-Shirt und Lederjacke wirkt er jünger als 56 Jahre und im ersten Moment fast ein wenig schüchtern. Aber als das Gespräch beginnt, sprudelt es aus ihm heraus. Der Schriftsteller hat viel zu erzählen.

"Der erste Satz eines Buchs ist immer wichtig", sagt Kutscher. Fragen erzeugen Spannung: "Wann würden sie zurückkom­men?" Beim Lesen beginnt das Kopfkino: Wer ist der Mann? Warum wird er gefoltert? Wird er überleben? Ein typischer Einstieg für Thriller. "Manchmal habe ich gleich eine zündende Idee. Wenn nicht, probiere ich aus. So lange, bis es mir gefällt", sagt Kutscher. "Auch beim Bearbeiten feile ich oft noch an Einstiegssätzen." Am Ende entscheidet sein Bauchgefühl.

Folterszenen sind jedoch nicht das, was Kutschers Bücher auszeichnet. Es geht ihm nicht um reine Spannungsromane. Aber das Krimigenre bietet die Möglichkeit, in das Milieu der Nachtclubs, der Drogenszene und Kriminalität einzutauchen und ein üppiges Sittengemälde der wilden Zwan­ziger zu entwerfen. Dass er seinen Kölner Kommissar Rath 1929 nach Berlin versetzt, hat sich als schlauer Schachzug erwiesen. Aber weder das Großstadtmilieu noch die Nazis sind Selbstzweck. Kutscher hat ein Anliegen: "Wie konnte Deutschland in den Naziterror abgleiten?" Das ist die zentrale Frage, die ihn von Anfang an interessiert hat. "Ich wollte die Jahre und die Entwick­lung vor dem Dritten Reich erzählen, weil das für mich die spannende Zeit ist."

Obwohl Kutscher von Anfang an von sei­ner Idee überzeugt war, hat ihn der große Erfolg überrascht: "Ich hätte es mir nicht träumen lassen, dass es so gut läuft." An ein sicheres Erfolgsrezept glaubt er nicht: "Ich denke nicht, dass man einen Best­seller planen kann. Sonst würden das ja jeder Verlag und jeder Autor machen."

Und am Anfang sah es auch überhaupt nicht danach aus. Bei mehreren Verlagen kassierte er Absagen, als er vor 15 Jahren vorschlug, gleich eine ganze Krimiserie zu schreiben. Ihn trieb keine Hybris, sondern der Wunsch, die gesellschaftspolitischen Entwicklungen über mehrere Jahre zu beschreiben. "Ich wollte die Geschichte von 1929 bis 1938 erzählen." Er arbeitete damals noch als Lokal­redakteur in Wipperfürth bei einer Tages­zeitung und hatte bereits drei Romane veröffentlicht, deren Erfolg überschaubar war. "Bullenmord" und "Vater unser" hatte er 1995 und 1998 gemeinsam mit seinem Freund Christian Schnalke geschrieben – eher als Freizeitvergnügen. "Das hat mir großen Spaß gemacht."

Als Schnalke, der inzwischen ein erfolg­reicher Drehbuchautor ist, für zwei Jahre ins Ausland ging, wollte Kutscher unbe­dingt weiterschreiben. Das Ergebnis seines ersten Solos war 2003 "Der schwarze Jako­biner", eine Mischung aus Regionalkrimi und Historienroman, der im Bergischen Land zur Zeit der Französischen Revolu­tion spielt. Der Grundstein zu Kutschers Schriftstellerleben war damit gelegt. "Zunächst wollte ich mich beruflich auf drei Säulen stützen: Journalist, Roman­schriftsteller und Drehbuchautor." 2010 verfasste er das Drehbuch zum ZDF­-Krimi "Einsatz in Hamburg: Rot wie der Tod".

Aber als die Auflage der Gereon­ Rath­ Krimis wuchs, konzentrierte sich Kutscher voll und ganz auf die Romane. Auch seinen Job bei der Zeitung hatte er da bereits auf­gegeben "Als ich die Idee zu den Berlin­ Romanen hatte, war ich gerade 40 Jahre alt geworden. Da ich mindestens acht Bände schreiben wollte, war mir klar, dass ich das zeitlich nicht nebenbei schaffe."

Sein Projekt erwies sich als zeitauf­wendig. Nachdem die Idee geboren war, recherchierte er ein Jahr lang, ein weiteres schrieb er am Buch. Es folgten Verhand­lungen mit Verlegern, ehe Kiepenheuer & Witsch zugriff. Die Zusage kam erst ein Jahr nach Fertigstellung des Romans. Als "Der nasse Fisch" 2008 endlich erschien, schrieb Kutscher schon am Nachfolger.

Bei seinen ersten Lesungen hielt sich das Interesse noch in Grenzen. "Zur Premiere des Romans kamen rund 30 Zuschauer", erinnert sich Kutscher an den mühsamen Start. Heute drängeln sich bei seinen Auf­tritten 500 bis 600 Zuhörer. Trotz guter Kritiken wuchs der Bekanntheitsgrad erst langsam: "Es waren vor allem die Emp­fehlungen von Buchhändlern, die das ins Rollen gebracht haben", sagt er.

Als Kutscher seine Idee für die Krimi­reihe entwickelte, folgte er eigenen Inte­ressen. "Schon als Kind mochte ich die Bücher von Erich Kästner", erzählt er. Das Großstadtmilieu in dessen Roman "Emil und die Detektive" von 1929 hat Kutscher schon als Junge fasziniert. "Auch seine Sprache, seine angelsächsische Leichtig­keit hat mich geprägt." Als Würdigung ist es zu verstehen, dass Gereon Rath 1899 geboren ist, im gleichen Jahr wie Erich Kästner: "Sie sind eine Generation." Später begeisterte ihn dann auch Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz", der ebenfalls 1929 erschienen ist und 1980 von Regisseur Rainer Werner Fassbinder als TV­-Serie verfilmt wurde. "Diese Bücher und auch die Serie haben einen Nerv bei mir getrof­fen. Die Romane der Neuen Sachlichkeit waren meine erste Recherchequelle, weil man darin viel über die Zeit erfährt."

Zur Initialzündung wurden dann zwei Filme: Fritz Langs Klassiker "M – Eine Stadt sucht einen Mörder", gedreht 1931, und der US­-Gangsterfilm "Road To Per­dition", der 1931 spielt. Als Kutscher beide Werke hintereinander guckte, kam er auf die Idee, Berliner Großstadtromane zu verknüpfen mit den düsteren US­-amerika­nischen Hardboiled­-Krimis der 1930er­ Jahre à la Raymond Chandler und Dashiell Hammett. "Berlin war damals spannender als Chicago oder New York, weil die politi­sche Dimension dazu kommt, die Straßen­kämpfe der Polizei mit Nazis und Kom­munisten", sagt Kutscher.

Das Berlin der 20er­ und 30er­Jahre war eine brodelnde Metropole im radikalen Wandel, in einer Zeit voller Widersprüche. Die Exzesse und der Luxus des Nachtlebens standen in Kontrast zur wachsenden Armut und Arbeitslosigkeit. Hier kreative Ener­gie, dort Elend und Not als Vorboten der Weltwirtschaftskrise. Die Goldenen Zwanziger neigten sich dem Ende zu, die düsteren Schatten des Nationalsozialis­mus zogen bedrohlich auf. "Ich schreibe die Romane aus der naiven Perspektive der Zeitgenossen, die nicht wissen können, was in den kommenden Jahren passieren wird", erklärt Kutscher.

Der Autor hat Geschichte und Germa­nistik studiert, seine Beschäftigung mit der Weimarer Republik und dem Dritten Reich versteht er nicht als reine Unter­haltung. "Ich will keinen Eskapismus bedienen." Er sieht die Entwicklung jener Jahre als Warnung. "Mit erhobenem Zeigefinger möchte ich natürlich auch nicht erzählen. Aber wir sollten heute wachsam sein für politische Entwicklungen. Die Nazis sind zu Anfang oft belächelt worden, Hitler wurde als Witzfigur verspottet. Aber das hat das Dritte Reich nicht verhindert."

Dass die Weimarer Republik zwangs­läufig in den Faschismus führen musste, glaubt er nicht: "Bei den Wahlen im No­vember 1932 haben die Nazis erhebliche Stimmeinbußen hinnehmen müssen. Aber dann ernennt Hindenburg ausgerechnet Hitler zum Reichskanzler. Ich denke, die Demokratie der Weimarer Republik hätte durchaus eine Chance gehabt." Die Nazis stehen in den Romanen je­ doch nicht im Mittelpunkt. Politische Um­wälzungen erzählt Kutscher aus der Sicht einfacher Leute, die oft nur am Rand mit­ bekommen, was sich in der Politik abspielt. Er hält nichts davon, die Zeitgenossen der 1930er­Jahre pauschal zu verurteilen. "'Wieso habt ihr das nicht kommen se­hen?' Solche Fragen von Nachgeborenen erscheinen mir selbstgerecht. Wir sollten uns unserer moralischen Integrität in Aus­nahmesituationen nicht so sicher sein und uns nicht auf ein zu hohes Ross setzen."

Kutscher will die Zeit nachvollziehbar und lebendig werden lassen: "Es geht mir um das Alltagsleben, das Einfühlen in die Menschen, um die Zeit zu verstehen. Das kann Literatur meines Erachtens besser vermitteln als nüchterne Geschichts­schreibung, die Fakten auflistet oder aus der Perspektive der Mächtigen erzählt." Dafür versenkt er sich immer wieder in das dramatische Berlin der 1930er­Jahre. Regelmäßig fährt er in die Hauptstadt, um vor Ort zu recherchieren und im Staatsar­chiv in Originaldokumenten und ­-zeitungen zu lesen. In seinem Kölner Büro hängen Magnettafeln mit alten Dokumenten, Stadt­plänen, Speisekarten und Fotografien. "Die Fotos sind für mich wichtig, um in die Atmosphäre der Zeit einzutauchen und die Fantasie zu beflügeln." Auf Fakten und Detailgenauigkeit legt er großen Wert. "Ich schreibe zwar keine Sachbücher, die fiktive Geschichte steht im Vordergrund. Aber ich möchte die Zeit authentisch wiedergeben."

Ganz besondere Quellen sind Berliner Tageszeitungen. "Es geht mir darum, die Tonalität der Zeit zu treffen und die Per­spektive der Zeitgenossen zu verstehen." Auch historische Figuren wie Kommissar Ernst Gennat, eine Legende der Berliner Kripo, tauchen im Roman auf. Von ihm stammt übrigens der Begriff "nasser Fisch" für ungeklärte Mordfälle.

Kutscher arbeitet sehr pragmatisch. Be­vorzugte Schreibzeiten sind nachmittags und abends, mit offenem Ende. Das kann bis tief in die Nacht hinein gehen. "Schreib­blockaden kann ich mir nicht leisten." Zum Glück hat ihn die Arbeit bei der Tages­zeitung dafür geschult. "Da mussten die Seiten jeden Tag gefüllt werden." Er nimmt sich stets ein gewisses Pensum an Seiten vor. "Beim Schreiben geht es darum, die Geschichte voranzutreiben. Das Feilen und das Bearbeiten folgt hinterher."

Das Überarbeiten empfindet er als seine größte Qual. Da landen dann auch schon mal 30 fertige Seiten im Müll. "Die Figuren entwickeln ein Eigenleben. Und wenn das nicht zum vorher geplanten Plot passt, muss der geändert werden, sonst verhalten sich die Figuren nicht stimmig. Wichtig ist es, den Figuren zu folgen und nicht einem festgelegten Plan." Er hat dafür ein schönes Bild: "Ein Roman ist kein Haus, das man Stück für Stück nach einem Plan aufbaut. Das würde viel zu konstruiert wirken. Er ist vielmehr wie ein Baum, der langsam wächst, ohne dass man genau weiß, wie er am Ende aussieht." Das Schreiben ist für ihn immer von Zweifeln begleitet: "Die Ungewissheit, ob es funktionie­ren wird, sitzt mir beim Schreiben immer im Nacken. Und ich bin nie zufrieden mit dem ersten Entwurf." Sehr zufrieden ist er damit, wie Re­gisseur Tom Tykwer seinen Roman für "Babylon Berlin" umgesetzt hat. Nachdem mehrere Produktions­firmen damit nichts anzufangen wussten, kam X Filme Creative Pool ins Spiel. "Als ich hörte, dass Tom Interesse hat, habe ich mich sehr gefreut. Ich habe ihn als Regisseur schon immer geschätzt." Volker Kutscher ist heute noch begeistert vom ersten Treffen: "Tom war sehr enthusiastisch und beschrieb mir sofort ausführlich eine Szene."

Autor Kutscher ließ den Filmemachern freie Hand: "Roman und Film sind getrennte Welten. Film hat eine eigene Sprache. Mir war es wichtig, dass sie die Haltung des Romans beibehalten. Es funk­tioniert. Sie machen es sehr gut. Und die Bilder sind beeindruckend gegenwär­tig." Auch von den Schau­spielern ist er angetan, besonders von Peter Kurth als Bruno Wol­ter. "Er verkörpert die nötige Ambivalenz zwischen Drecksack und gutem Menschen." Auch Gereon Rath ist keineswegs ein fehlerfreier Held. "Makellose Superhelden sind langweilig, eine gewisse Ambivalenz macht die Figuren interessant." Rath ist ehrgeizig und nicht immer ehrlich. Das lässt ihn zwar nicht besonders sympa­thisch wirken, aber menschlich.

Der TV­-Ausstrahlung von "Babylon Ber­lin" blickt Kutscher gelassen entgegen. Für ihn wird es aufregender, wenn sein neuer Roman "Marlow" im Herbst erscheint. Nach den Lesereisen will er im Frühjahr das nächste Buch beginnen, das die Olympi­schen Spiele 1936 zum Thema haben wird. Unendlich fortführen will er seine Reihe aber nicht: "Die Geschichte endet im Jahr 1938, dann ist Schluss. Leid und Elend der Kriegsjahre möchte ich nicht erzählen." Am Ende werden es zehn Romane sein, zwei mehr, als Kutscher ursprünglich ge­plant hatte. Und mit jedem neuen kehrt sie zurück, die Angst vor dem ersten Satz. Aber nicht nur der Einstieg ist wichtig: "Mindestens ebenso wichtig wie die ersten Sätze finde ich die letzten", sagt Vol­ker Kutscher. Aber der Schluss wird natür­lich nicht verraten.