Iris Berben ist "Die Protokollantin"

Iris Berben nimmt in der 5-teiligen TV-Serie "Die Protokollantin" (ab 20. Oktober, 21.45 Uhr im ZDF, alle Folgen in der Mediathek) als Schreibkraft das Gesetz in die eigene Hand. Wir trafen die Schauspielerin zum Video-Interview.

"Eine derart ambivalente, düstere, einsame Frau zu spielen, die zu allem fähig ist, war eine tolle Herausforderung", sagt Iris Berben (68). Zur Vorbereitung habe sie sich mit einer echten Protokollantin über ihre Arbeit unterhalten, sagt sie zu GOLDENE KAMERA. "Der Stoff hat mich sensibilisiert. Wir alle haben ja in den letzten Jahren immer wieder von Kinderpornoringen gelesen, die aufgeflogen sind. Bislang hatte ich mir nie ein Bild von den Menschen gemacht, die sich dieses Material ansehen müssen. Aber seit ich um die Existenz von Protokollanten weiß, habe ich großen Respekt vor allen, die sich so etwas anhören, anschauen und es bewerten müssen."

Darum geht's in "Die Protokollantin"

Tagsüber sitzt sie zwischen Aktenordnern an ihrem Schreibtisch bei der Berliner Mordkommission. Eine verhuschte Frau über 60, so grau und unauffällig, dass man sie leicht übersieht. Scheinbar unbewegt tippt Freya Becker Verhöre ab, in denen es um ungeheuerliche Taten geht, um Vergewaltigung, Kindesmissbrauch, Totschlag. Abends füttert sie ihre Katze. Dann fährt sie in die leere Wohnung ihrer vor elf Jahren spurlos verschwundenen Tochter Marie.

Trailer "Die Protokollantin"

Maries mutmaßlicher Mörder sitzt zwar im Gefängnis, doch noch immer weiß Freya nicht, was mit ihrem Kind passiert ist, und diese Ungewissheit quält sie. Nachts kommen die Albträume: Mal hört sie Maries Stimme, mal die von Verdächtigen, deren Ausflüchte und Lügen sie Tag für Tag protokolliert und die nicht selten mithilfe gewiefter Anwälte freikommen.

Iris Berben im Interview

"Die Protokollantin" Iris Berben im Video-Talk

Als eine junge Frau unter ähnlichen Umständen wie Marie verschwindet, beginnt Freya einen Rachefeldzug gegen die vermeintlichen Täter. Ihr neuer Chef Henry Silowski (Peter Kurth), der einiges für Freya übrig hat, erkennt intuitiv, dass er in diesem Fall von Selbstjustiz nach einer Frau mit Insiderwissen suchen muss – und treibt sie ungewollt in die Enge. Und ihr Bruder Jo (Moritz Bleibtreu), ein reicher, verheirateter Schnösel mit einer Vorliebe für junge Prostituierte, weiß mehr über Maries Verschwinden, als er zugibt.

Hintergrund

Der Fünfteiler basiert auf einer Idee von Friedrich Ani, der durch seine Romane um den Ermittler Tabor Süden bekannt wurde. Drehbuch und Regie übernahm Nina Grosse ("In der Falle"). Als klassischen Krimi sieht sie ihre Serie nicht: "Obwohl sie im kriminologischen Milieu spielt, ist sie eigentlich ein multiperspektivisches Drama. Wir zeigen, was das Polizeimilieu mit den Menschen macht, die sich darin bewegen – sei es die weibliche Hauptfigur oder die Ermittler oder auch Freyas Bruder."

"Die Protokollantin" wird bereits am Tag vor der TV-Ausstrahlung (und dann für die folgenden 180 Tage) in der ZDF-Mediathek abrufbar sein.

GOKA-Wertung

Moritz Bleibtreu (47) lobt die stringente, intelligent erzählte Story und das Potenzial, das das Seriengenre birgt: "Figuren können sich auf eine ganz unforcierte Art und Weise entwickeln. Wir befinden uns in einer Zeit, in der Serienformate die Möglichkeit bieten, das Rad neu zu erfinden." Recht neu ist auch die Figur der gefährlichen, schwer durchschaubaren Täterin jenseits der 50, die das Gesetz selbst in die Hand nimmt – ein Part, der bisher meist Männern vorbehalten war. Nun folgt ihnen Iris Berben. Und ihr dabei zuzusehen, wie sie sehr reduziert den Schmerz, die Wut, die Zurückhaltung dieser widersprüchlichen Frau spielt, ist mindestens so spannend wie das Thema der Serie.