"Die Protokollantin" Iris Berben im Interview

Die Protokollantin Freya Becker (Iris Berben).
Die Protokollantin Freya Becker (Iris Berben).
Foto: ZDF / Alexander Fischerkoesen
Iris Berben feiert ihr Comeback als Krimi-Serienheldin in der ZDF-Serie "Die Protokollantin".

Freya Becker (Iris Berben) ist eine Protokollantin in einem Morddezernat. Tag für Tag hört und schreibt sie die Vernehmungen zu Verbrechen nieder. Sie lebt zurückgezogen und hat bis auf ihren Bruder Jo (Moritz Bleibtreu) kaum Kontakt zur Außenwelt, nachdem ihre Tochter vor elf Jahren verschwunden ist. Doch dann bricht aus ihr heraus, was schon lange in ihr schwelt. Ihr neuer Chef, Hauptkommissar Henry Silowski (Peter Kurth), tritt seinen Dienst an. Und all die Geschichten der Opfer und Täter beginnen, ihren Tribut zu fordern. Mit GOLDENE KAMERA hat Iris Berben über ihre neue Serien-Rolle gesprochen und verrät auch, warum sie so wenig im Internet unterwegs ist. "Die Protokollantin" ist ab dem 20. Oktober im ZDF zu sehen.

Interview mit Iris Berben

"Die Protokollantin" Iris Berben im Video-Talk

GOLDENE KAMERA: Frau Berben, Sie spielen Freya Becker, eine Protokollantin beim LKA 1, die sich immer die abscheulichsten Verbrechen, Geständnisse und Lügen anhört, was das Innenleben dieser Frau natürlich total verändert und sie zu einer aggressiven, "schwarzen Frau" macht. Was ist der Reiz an dieser Rolle?

Iris Berben: Dass die Figur nicht kraftvoll und attraktiv ist, sondern aufgrund ihrer Biographie und dem Verschwinden ihrer Tochter eher eine graue Maus, die von allen Menschen übersehen wird. Früher war sie war mal eine andere Person, aber der Schicksalsschlag hat sie reduziert. In ihrem Beruf protokolliert sie täglich detailliert Verbrechen, und ist dadurch extrem belastet – weil sie mit dem ganzen Täterwissen allein gelassen wird. Außerdem hat es mich gereizt, Freya zu spielen, weil sie mit ihrem eigenen Leben abgeschlossen hat – und weil sie um die ewige Frage nach Schuld und Schuldigkeit und Recht und Rechtsprechung und Gerechtigkeit kreist und alles mit sich alleine ausmacht. Eine derart ambivalente, düstere, einsame Frau, die zu allem fähig ist, zu spielen, war wirklich eine klasse Herausforderung.

Trailer "Die Protokollantin"

Ist das das erste Mal, dass Sie in einer Rolle das Zepter in die Hand nehmen und für Gerechtigkeit sorgen, indem Sie Rache nehmen?

Nein – im RAF-Film „Es kommt der Tag“ habe ich eine Frau gespielt, die mit Verbrechen versuchte, Gerechtigkeit zu erzwingen. Aber in der Konsequenz, die Freya Becker an den Tag legt, ist es absolut neu. Letztlich sorgt Freya auf ihre eigene Art für Gerechtigkeit.

Die unbarmherzige Genauigkeit der Erzählweise Ihrer Regisseurin und Autorin Nina Grosse kennt man auch von Filmen wie Matti Geschonneck, mit dem Sie ja auch schon sechsmal das Vergnügen hatten. Arbeiten Sie gerne mit Besessenen?

Ja! Ich kann noch einen Dritten dazu zählen, Dominik Graf, mit dem ich gerade „Hanne“ gedreht habe. Besessen übersetze ich für mich mit Leidenschaft, Genauigkeit, Disziplin und einer Haltung gegenüber dem Beruf – sowie einer Neugierde und dem Wunsch, etwas Neues und Anderes zu machen. Jede Geschichte wurde bereits mehrmals erzählt, deshalb müssen wir immer wieder andere Wege suchen, auf denen wir Neuland betreten können. Wenn Filmemacher so gestrickt sind wie Nina Grosse, Dominik Graf und Matti Geschonneck, dann lasse ich mich gerne in ihre Maschen fallen.

Es wird immer viel gejammert, dass Frauenfiguren ab einem gewissen Alter nicht mehr genug zu tun haben in der Filmbranche. Andererseits macht man aber auch die Beobachtung, dass es eine Tendenz zu neuen, ambivalenten Rollen wie in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ oder „Elle“ gibt. Steht Freya Becker auch in der Tradition dieser ambivalenteren Frauenfiguren?

Ja, ich hoffe schon! Es gibt immer mehr Rollen jenseits der magischen Vierzig, die früher mal für Film und Fernsehen gegolten hat, aber das ist immer noch die Ausnahme, nicht die Regel. Das Aufbrechen der starren Altersgrenze ist eine logische Weiterentwicklung, die wir in den Erzählweisen der skandinavischen Länder und amerikanischen Sender sehen – mit sehr ambivalenten Frauenfiguren. Ich bin mir ganz bewusst, dass ich mit der Rolle der Protokollantin da in eine Männerdomäne eingebrochen bin.

Bei „Rosa Roth“ haben Sie oft in der Pathologie gedreht und sich auch mal ein paar Stunden mit einem Pathologen unterhalten. Haben Sie hier im Vorfeld mit einer richtigen Protokollantin gesprochen oder sich Protokolle von Tatbeständen durchgelesen?

Ja, ich habe mir Protokolle durchgelesen und mich mit einer echten Protokollantin über ihre Arbeit unterhalten. Und natürlich habe ich sehr, sehr viel gelesen, und wurde wirklich gut versorgt mit Material.

Rechtsmediziner stumpfen meistens ab durch ihre Arbeit, außer wenn es um Kinder geht. Aber, wie ist das mit Ihnen? Machen Sie Stoffe wie „Die Protokollantin“ sensibler, etwa wenn Sie in der Serie von Tatbeständen gemeinschaftlichen sexuellen Missbrauchs an Kindern hören?

Es hat etwas mit mir gemacht. Wir haben in den letzten Jahren immer wieder verstärkt von Kinderpornoringen gehört, die aufgeflogen sind. Bislang hatte ich mir nie ein Bild von den Menschen gemacht, die sich dieses Material anschauen müssen. Aber seit ich um die Existenz von Protokollanten und ihren Arbeitsformen weiß, habe ich großen Respekt vor allen Menschen, die sich so etwas anhören, anschauen und es bewerten müssen.

Bestimmt mussten Sie für die Rolle erst mal lernen, wie man einen Computer bedient, oder? Denn angeblich hatten Sie das gar nicht drauf, stimmt‘s?

Ist das gemein, die Frage! Ja, aber ich habe es wirklich sehr gut gemacht. Ich werde auch immer besser.

Investigativ nachgehakt: Wie viele Zeichenschläge pro Minute haben Sie denn auf der Tastatur?

Darüber möchte ich nicht reden (lacht).

Warum sind Sie eigentlich so wenig im Internet?

Weil mein Leben so erfüllt und gefüllt ist. Natürlich hole ich mir auch Hilfe aus dem Internet, und finde, dass es eine der spannendsten Erfindungen ist. Für mich ist das Internet aber trotzdem nur ein helfendes Zubrot für mein reales Leben im Hier und Jetzt.

Stars wie Robert Redford und Jane Fonda haben den Netflix-Film „Unsere Seelen bei Nacht“ gedreht. Wurde Ihnen auch schon mal ein Angebot von einem der großen, neuen Player gemacht – etwa von Netflix oder Amazon?

Leider noch nicht. Aber es wird momentan tatsächlich viel mehr produziert als früher – und das ist gut so. Ich finde es spannend, zu beobachten, was das Aufblühen der Streamingdienste für das Kino und für unsere etablierten Sendeanstalten bedeutet. In vielen Ländern ist „Fernsehen on Demand“ schon Alltag. Wir hinken noch ein kleines bisschen hinterher, aber immer mehr Zuschauer bedienen sich schon der neuen Sehgewohnheiten, die ihnen ein neues Feld eröffnen. Und das sind doch Chancen! Und es sind neue Chancen für viele Schauspieler. Wir haben sehr viele Schauspieler, die unterbesetzt sind oder am Existenzminimum leben – und für diese Kollegen brechen jetzt bessere Zeiten an. Aber auch da wird sich wieder die Spreu vom Weizen trennen, davon bin ich überzeugt, und es werden diejenigen profitieren, die den Beruf des Schauspielers in den Vordergrund stellen – nicht jene, bei denen es darum geht, über Nacht zum Star zu werden.

„Die Protokollantin“ wird komplett in die ZDF-Mediathek gestellt – für alle Fans von Binge-Watching. Gucken Sie selbst auch manchmal binge?

Ja. Ich finde, wenn es ein Stoff schafft, dass du so gefesselt wirst wie ich bei „Bad Banks“, dann ist etwas erreicht. Bei „Bad Banks“ bin ich drangeblieben. Ich hoffe, dass schafft „Die Protokollantin“ auch.

Dieses Jahr sind Sie 50 Jahre im Film-Business, denn 1968 haben Sie „Detektive“ gedreht. Wie viele Filme haben Sie eigentlich in Ihrer langen Karriere gedreht? Zählt man noch mit?

Ich zähle nicht mit, das wird von außen gezählt. Und da unterscheiden sich die Zahlen immens. Manche reden von 150, manche von 280. Was soll ich sagen? Ich kann nur ein sehr zufriedener und glücklicher Mensch sein und die vergangenen 50 Jahre nicht als eine Selbstverständlichkeit sehen – und mich freuen, dass ich starke Aufgaben gestellt bekomme wie „Die Protokollantin“ und mit Dominik Graf einen wunderbaren Film zu machen. Es ist eine gute Zeit! Und diese 50 Jahre? Ich gucke nicht wirklich zurück, sondern genieße einfach das gute Gefühl.

Wie hat sich die Filmbranche in 50 Jahren verändert – eher zum Besseren oder eher negativ wegen beispielsweise kürzerer Drehtage?

Es war früher nicht "besser" oder "schlechter", sondern anders. Wir hatten eine Naivität und eine Unbedarftheit und das Gefühl: „Was kostet die Welt“ – aber keine Angst vor dem Scheitern. Heute ist Scheitern etwas Schreckliches in einer Biographie. Ich würde mir wünschen, dass die alte Leichtigkeit erhalten geblieben wäre, aber natürlich weiß ich auch, dass es eine Branche ist, in der es um viel Geld geht. Das heutige Funktionieren-Müssen hat zwei Seiten. Auf der einen Seite stärkt es einen, sich wirklich gut vorzubereiten und sich zu optimieren. Aber auf der anderen Seite lässt es auch wenig Spielraum zum Treffen falscher Entscheidungen, die man im Nachhinein revidieren kann. Der Druck ist gestiegen, aber ich bin glücklich, dass ich zwei so unterschiedliche Zeiten miterlebt habe. Das ist auch für meine eigene Entwicklung parallel gut gelaufen.

Was war eigentlich Ihre härteste Schule? „Sketchup“?

Sketchup war eine ziemlich harte Schule, ja. Denn dabei galt es Miniaturen zu erzählen, und in ihnen einen Charakter darzustellen, wofür man manchmal nur 30 Sekunden Zeit hatte. Allerdings hatte ich dabei auch einen ganz besonders guten Lehrer – Dieter Krebs. Der hat mir die Angst oder Hemmung genommen und mich auch oft geführt und mir Mut gemacht. Je sicherer ich wurde, desto schöner wurde das Zusammenarbeiten und Zusammenspiel. Ich habe viel gelernt vom Dieter. Dadurch, dass ich an keiner Schauspielschule war, war die Lehre bei ihm wirklich sehr gut und sehr nützlich.

Warum sind Sie eigentlich nie „Tatort“-Kommissarin geworden?

Weil ich schon „Rosa Roth“ war. (im ZDF, Anmerkung der Redaktion)

Schlussfrage: Freya Becker hat mehrere Leichen im Keller. Was war das kriminellste Delikt Ihres Lebens?

Das kann ich nicht sagen. Sonst bin ich sofort vorbestraft (lacht).

Interview: Mike Powelz