Andrew Lincoln: Abschied von "The Walking Dead"

Mit Staffel 9 nimmt der größte Held der Hitserie seinen Hut – aber neue Schurken, ein anderer Look und starke Storyideen sollen "The Walking Dead" wieder ganz nach vorne bringen. Wir verraten, wohin die postapokalyptische Reise geht und trafen Andrew Lincoln alias Rick Grimes zum Abschiedsgespräch.

Es war der schwerste denkbare Schock für die Fans der Zombie-Serie "The Walking Dead": Ende Juli verkündete Andrew Lincoln offiziell seinen Ausstieg! Fast zehn Jahre lang spielte er den Helden Rick Grimes – einen Ex-Sheriff, der seine Leute durch die Apokalpyse führt.

Die jetzt startende Staffel 9 (ab 8. Oktober, 21 Uhr auf FOX) wird seine letzte sein, aus ganz persönlichen Gründen. Lincoln drehte jedes Jahr mehrere Monate in den USA, seine Familie aber lebt in England. "Die lange Trennung von meinen Kindern und meiner Frau wurde immer schmerzhafter, so konnte es nicht weitergehen", sagt er. Der Abschied fällt ihm schwer. "Diese Serie war die aufregendste Erfahrung meiner Karriere", schwärmt er. Und verspricht: "Wir haben dafür gesorgt, dass Rick einen unvergesslichen Abgang bekommt. Wir wollten respektvoll mit diesem beliebten Charakter umgehen. Meine letzten beiden Folgen sind die besten, die ich je gedreht habe."

Originaltrailer zu Staffel 9 von "The Walking Dead"

Wiedersehen mit einem alten Bekannten

Ob Rick aber von einem Feind erschossen, von einem Beißer verspeist oder auf eine ganz andere Weise verabschiedet wird, verrät Lincoln natürlich nicht. Auch der genaue Zeitpunkt bleibt noch geheim. Manche Fans vermuten, dass Rick sterben und kurz vor seinem Tod in einer Vision seinem früheren Kollegen Shane Walsh begegnen wird. Dieser wurde in der zweiten Staffel gebissen und von Ricks Sohn Carl erschossen.

Auslöser dieser Spekulation ist die Meldung, dass Walsh-Darsteller Jon Bernthal für eine Folge zurückkommen wird, doch dafür könnte es auch einen anderen Grund geben. Dass sein Ausstieg der Story von "The Walking Dead" schadet, glaubt Andrew Lincoln nicht: "Diese Serie hat so viel mehr zu bieten. Ich bin sicher, dass sie eine große Zukunft hat."

Neuer Anfang mit neuer Showrunnerin

Für eben diese Zukunft sorgt jetzt die neue Showrunnerin Angela Kang. Die 42-Jährige war zuvor als Autorin für einzelne Episoden im Team, jetzt ist sie die Hauptverantwortliche für die komplette Geschichte. Sie verspricht: "Wir starten mit der neunten Staffel ein ganz neues Kapitel. Die Handlung beginnt etwa anderthalb Jahre nach dem Ende der achten Staffel."

Zur Erinnerung: Diese endete damit, dass Rick und seine Mitstreiter den Krieg gegen die Saviors und ihren brutalen Anführer Negan (Jeffrey Dean Morgan) gewonnen haben. Rick entschied sich dafür, Negan nicht zu töten, sondern ihn stattdessen einzusperren. Vor allem seine enge Verbündete Maggie (Lauren Cohan) und Daryl (Norman Reedus) hielten das für einen Fehler. Zu Beginn der neunten Staffel sitzt Negan immer noch in seinem Knast. Über den weiteren Umgang mit ihm bricht ein Streit aus, der zu eskalieren droht.

Die übrigen überlebenden Saviors aber scheinen nun ein Teil der Gemeinschaft zu sein. "Wir zeigen, wie die Menschen nach Ende eines Kriegs Gemeinden aufbauen und ein neues Leben beginnen", sagt Angela Kang. "Dabei werden sie mit einer ganzen Reihe von Herausforderungen konfrontiert. Die Ressourcen sind knapp, und die Menschen müssen sich in allen Bereichen Alternativen zur modernen Zivilisation suchen.

So gibt es kaum noch Benzin, Autos und Motorräder können nicht mehr gefahren werden. Wir sehen also vermehrt Pferde und Kutschen in der Serie, wodurch sie eine interessante Westernatmosphäre bekommt." Außerdem müssen neue Waffen entwickelt werden, weil es kaum noch Munition gibt. Straßen und Brücken zerbröckeln, der Strom funktioniert nicht mehr. "Jetzt sind völlig neue Überlebensstrategien gefragt."

Die neuen Gegenspieler

Und obendrein droht Gefahr durch eine Gruppe besonders brutaler Überlebender: die Flüsterer. Sie tarnen sich als Beißer, indem sie sich die Haut von Toten überziehen. Dadurch werden sie von den Beißern als Artgenossen akzeptiert und können sich unter ihnen bewegen. Kenner der "The Walking Dead"-Comics hatten lange gehofft, dass die Flüsterer auch in der Serie auftauchen.

Das Warten hat sich wohl gelohnt, die Besetzung für die grausame Truppe ist erstklassig: Alpha, die skrupellose Anführerin, wird von der zweifach Oscar-nominierten Britin Samantha Morton ("Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind") gespielt. Und für die Rolle des Beta, der Nummer zwei der Flüsterer, konnte der "Sons of Anarchy"-Star Ryan Hurst gewonnen werden.

Zusätzliche Figuren sollen frischen Wind in die Serie bringen. Interessant könnten unter anderem die Auftritte von Lauren Ridloff werden. Die Schauspielerin ist gehörlos und spielt Connie, eine Journalistin. Sie gehört zu einer Gruppe, die sich um die charismatische Magna geschart hat. Magna wird von der Münchenerin Nadia Hilker gespielt. "Wir haben nicht bewusst nach einer deutschen Schauspielerin gesucht", sagt Showrunnerin Kang. "Aber Nadia hat uns beim Vorsprechen sofort umgehauen. Sie besitzt eine ganz außergewöhnliche Persönlichkeit."

Ein weiterer Abschied

Neuzugänge wie sie könnten darüber hinwegtrösten, dass noch ein weiterer Topstar bald seltener zu sehen ist. Lauren Cohan, die seit der dritten Staffel Maggie spielt, wird im Laufe dieser Staffel aussteigen. Cohan braucht mehr Zeit für ihre neue Serie "Whiskey Cavalier". Immerhin verspricht Angela Kang: "Maggie wird nicht sterben. Sie kann hin und wieder zur Serie zurückkehren, es sind noch viele Geschichten mit Maggie geplant."

Eine zehnte Staffel wurde übrigens noch nicht in Auftrag gegeben. Aber die Ankündigungen von Kang klingen nach einem starken Neustart der Serie – und reichlich Stoff für Fortsetzungen.

Andrew Lincoln im Abschiedsinterview

GOLDENE KAMERA: Wie schwer fällt der Abschied?

ANDREW LINCOLN: Die Tränen fließen erst jetzt. Als ich meine letzte Szene drehte, fühlte ich mich danach so erleichtert, ein fast zehnjähriges Kapitel voller Schweiß, Blut und Wasser in meinem Leben abgeschlossen zu haben, dass mir der Trauerprozess damals gar nicht bewusst wurde.

Von wem kam die Entscheidung zu gehen?

Die Entscheidung habe ich ganz alleine getroffen. Meine Kinder sind keine Babys mehr und zu sehen, wie ihnen die Trennung von mir immer schwerer fiel, brach mir das Herz. Meine Frau hat seit fast zehn Jahren unsere Kinder quasi alleine groß gezogen und einen phantastischen Job gemacht. Aber es war an der Zeit, dass ich wieder zu ihnen nach Großbritannien ziehe. Ich will nicht, dass meine Kinder später zu mir sagen: "Wo warst du als unser Vater?" Als ich vor neun Jahren einen 6-Jahres-Vertrag unterschrieb, dachte ich, dass ich wahrscheinlich in zwei Jahren wieder zurück sein werde. Dass die Show jetzt ihre neunte Staffel beginnt ist ein Kompliment an Robert Kirkman und all die Showrunner, die diese Show so großartig gemacht haben.

Wie kann "The Walking Dead" ohne Rick Grimes weiter gehen?

Ich bin davon überzeugt, dass diese Show mehr als eine einzelne Figur ist. "The Walking Dead" hat als eine Art Indie-Projekt angefangen und sich zu einem riesigen Franchise entwickelt. Natürlich lag es mir sehr am Herzen, dem Mutterschiff nicht weh zu tun. Der Ausstieg von Rick Grimes wurde daher sehr vorsichtig geplant, indem andere Figuren in den Vordergrund rücken. Und ich verspreche, dass diese Staffel trotzdem verdammt gut sein wird! Meine letzten beiden Folgen sind die besten, die ich je gedreht habe.

Was können Sie über Staffel 9 verraten?

Die neunte Staffel ist sehr philosophisch und dreht sich um den Beginn von Zivilisation. Die Handlung in dieser Staffel ist genau die, die ich mir für die Show seit der Pilotfolge immer gewünscht habe. Ressourcen wie Nahrungsmittel, Infrastruktur und Kommunikation sind knapp geworden oder zusammengebrochen, was die verschiedenen Gemeinden sehr unter Druck setzt. Die einzige Rettung für die Menschheit sind jetzt Handel und gute Beziehungen miteinander. Aber es gibt natürlich auch Gruppen, die sehr andere Vorstellungen davon haben, was Zivilisation und Gerechtigkeit bedeuten und wie die Zukunft gestalten werden sollte.

Was werden Sie vermissen? Und was überhaupt nicht?

Ich werde den Georgia-Sonnenaufgang auf dem Weg zur Arbeit vermissen. Aber den Georgia-Sonnenaufgang auf dem Weg zurück von der Arbeit werde ich nicht vermissen. (lacht). Meine Cowboy-Stiefel, mein Stetson-Hut und meine Pistolen werden mir fehlen. Die Kaffeemaschine im Wohnwagen-Anhänger von Norman Reedus, die uns rund um die Uhr zur Verfügung stand. Und natürlich seine Streiche.

Nicht vermissen werde ich allerdings, mein hart verdientes Geld mit Backgammon an ihn zu verlieren – ein Spiel, dass ich ihm beigebracht habe! (lacht) Es gibt niemand, der so viel Glück beim Spiel hat wie Norman Reedus! Die Crew wird mir sehr fehlen, die Lebenden und die Untoten. Aber ich kann sehr gut ohne den Wecker um 4:30 Uhr morgens leben – und ohne die Flöhe, Zecken und Schlangen am Drehort.

Interview: Anke Hofmann