"Parfum": Der Duft des Todes als Miniserie

Die Thrillerserie "Parfum" ist eine moderne Interpretation der Themen aus Patrick Süskinds Roman – innovativ, hochklassig und top besetzt.

Darum geht's in "Parfum"

Morgengrauen in einer tristen Region am Niederrhein, unweit der holländischen Grenze: Ein kleines Kind läuft über Felder. In seiner Hand: der rote Haarzopf einer Frau. Es sind – wie wir bald erfahren – Haare seiner Mutter, die tot im Swimmingpool ihres Hauses treibt. "Diese Frau, die alle nur K nannten, muss ein wahrer Vamp gewesen sein", wird Profilerin Nadja Simon (Friederike Becht) später feststellen.

Friederike Becht über "Parfum" im Video-Talk

Ansonsten aber gibt dieser Fall der Expertin für Sexualstraftaten Rätsel auf. Die Leiche ist kahl rasiert und weist Einschnitte unter den Achseln und im Intimbereich auf. Ist die Tat ein Trophäenmord? Ein Racheakt? Oder ließ sich der Täter am Ende durch "Das Parfum" inspirieren, Patrick Süskinds berühmten Roman? Im Haus der Toten entdeckt Nadja Simon ein altes Gruppenfoto, das die rothaarige K inmitten ihrer Jugendfreunde zeigt. Einer aus dieser Clique, so vermutet Simon instinktiv, könnte der Mörder sein.

Abgründe der menschlichen Seele

Kaputte Sexualität und psychologische Symbole stehen im Zentrum des GOKA-Kandidaten 2019. (Doppelfolgen ab 14. November, 22.00 Uhr, ZDFneo und hier in der ZDF-Mediathek). In Hochglanzbildern, unterlegt mit hypnotischer Musik, entführt sie den Zuschauer in die Welt der Gerüche – und zugleich in die Abgründe der menschlichen Seele.

Inspiriert von Patrick Süskinds "Geschichte eines Mörders" – so der Untertitel von "Parfum" – erzählt die Drehbuchautorin und Sexualtherapeutin Eva Kranenburg von der menschlichen Suche nach Liebe. Die Autorin zu GOLDENE KAMERA: "Der Schlüsselmoment für das Entstehen dieser Serie war der Einfall, Süskinds Romanfigur Grenouille in fünf Figuren aufzusplitten. Und somit in fünf Verdächtige, die die frühere Freundesclique der ermordeten K bilden."

Wer sind die Tatverdächtigen?

Da ist etwa Moritz de Vries, gespielt von August Diehl. "De Vries ist ein merkwürdiger, distanzierter Mensch – und ein Parfümeur, der sich sein ganzes Leben mit Gerüchen beschäftigt", erklärt Diehl. "Er riecht menschliche Gefühle wie Wut und Angst – und er ist ein vereinsamter Manipulator, eine sehr gefährliche Figur." Warum seine Serienfigur so gefährlich ist, verrät er im Video-Talk:

August Diehl über "Parfum" im Video-Talk

Ebenfalls bedrohlich erscheint der Charakter von Roman Seliger, Ken Dukens Rolle: "Seliger ist kaputt, bemitleidenswert. Er ist auf der Suche nach Anerkennung und Liebe, vergöttert das Mordopfer, liebt aber auch seine Frau auf kaputte Weise und neigt dabei zu extremen Gewalt- und Wutausbrüchen." Warum seine Serienfigur zum Kreis der Verdächtigen gehört, verrät der Schauspieler im Video-Talk:

Ken Duken über "Parfum" im Video-Talk

Seine Gattin Elena (Natalia Belitski) zählt zu den Opfern von Seligers Gewaltexzessen. "Elena lebt in ihrer eigenen Welt als Ehefrau und Mutter. Ihr gesellschaftlicher Status dient ihr als Maske und als Schutz, um ihre innerliche Zerrissenheit nicht preisgeben zu müssen", beschreibt Natalia Belitski ihre Figur.

Deshalb schlägt die misshandelte Frau auch die Hilfsangebote des Cliquen-Außenseiters Daniel "Zahnlos" Sluiter (Christian Friedel) aus. "Daniels Aussehen und sein schlechtes Gebiss haben Narben auf seiner Seele hinterlassen", so Friedel zu GOLDENE KAMERA. "Er gab nie ein einladendes Bild ab."

Ähnlich verwundet ist – auch wenn sein Auftreten etwas ganz anderes vermuten lässt – auch der Letzte aus der Clique: "Der Bordellbetreiber Thomas Butsche", sagt Darsteller Trystan Pütter, "ist brutal und unfähig, einen gesunden sozialen Umgang zu pflegen."

"Jede dieser fünf Figuren", erklärt Autorin Eva Kranenburg, "hat existenzielle Defizite im Bereich Liebe und Bindung – in den unterschiedlichsten Facetten." Und nicht nur die fünf: Auch die Polizistin Nadja Simon lässt sich auf eine Beziehung ein, in der sie nie wirklich dauerhafte Nähe erfährt. Denn ihr Liebhaber, der Staatsanwalt Grünberg (Wotan Wilke Möhring) ist verheiratet.

"Ein Grund für ihre Affäre ist, dass Nadja es nicht aushält, wenn ihr jemand wirklich nahekommt", sagt Kranenburg. Und auch sonst hat die Profilerin einige Geheimnisse, die der Zuschauer erst nach und nach erfährt. Mehr über die Abgründe seiner Serienfigur verrät Wotan Wilke Möhring im Video-Talk:

"Parfum"-Star Wotan Wilke Möhring im Video-Talk

"Parfum" begleitet Nadja Simon bei ihren Ermittlungen und erzählt parallel in Rückblenden die Geschichte der Freundesclique, die in gemeinsamen Internatszeiten zusammenfand. Die Bilder irritieren mitunter: Mal bringen sich die Verdächtigen am offenen Sarg der toten K beinahe gegenseitig um, mal treffen zahllose ihrer Ex-Liebhaber bei der Beerdigung aufeinander.

Von Regisseur Philipp Kadelbach

Regisseur Philipp Kadelbach, der für seinen TV-Film "Auf kurze Distanz" 2017 die GOLDENE KAMERA erhielt, hat auch keine Scheu, eine unappetitliche Autopsieszene mit einer heißen Sexszene gegenzuschneiden.

Ganz im Sinne der Autorin: "Als Sexualexpertin habe ich eine sehr große Kenntnis davon, wie Menschen in Extremsituationen reagieren", so Eva Kranenburg. "Ich habe schon sehr viel gesehen und erlebt und absolut keine Angst, schwierige Themen anzuschneiden und davon zu berichten."

Jeder Mensch, so die Autorin, habe seinen persönlichen Intimbereich, über den er nur mit seinem Partner oder häufig auch gar nicht spräche. Und genau diesen Intimbereich ihrer Protagonisten leuchtet die von Oliver Berben produzierte Serie nach und nach aus. In ihrem Mittelpunkt steht weniger die Suche nach dem Täter, es geht ihr weit mehr um die Erkundung der psychologischen Hintergründe und Mechanismen, die zu der Tat führten.

K, die Tote aus dem Pool, spielt dabei eine doppelte Rolle. "Einerseits", so Autorin Eva Kranenburg, "steht das schöne, rothaarige Mordopfer für eine unerfüllbare Sehnsucht. Andererseits ist sie nur eine von vielen bindungsgestörten Figuren in diesem Personenpanoptikum. Eine extrem promiskuitive Frau, die ihr Selbstwertgefühl durch eine Vielzahl von Liebhabern aufpoliert."

GOKA-Wertung

Keine leichte Thrillerkost, die die Serienmacher hier ihrem Publikum servieren. Doch es lohnt allemal, sich darauf einzulassen. Und Fans von Patrick Süskind erleben eine spannende, zeitgenössische Neuinterpretation ihrs Lieblingsautors.

(Eine Bewertung der Redaktion. Die Beurteilung des Films durch die GOKA-Jury ist davon unabhängig!)